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Radsport

Chris Froome: Der Schaden ist bereits angerichtet

Tour de France-Sieger Chris Froome verteidigt sich gegen den Vorwurf, gedopt zu haben. Doch in der Radsport-Szene schäumt es - auch wegen der Regeln des Weltverbands UCI, auf den ein größeres Problem zurollt.

Radfahrer Froome mit Schatten (Getty Images/AFP/J. Pachoud)

Froomes Schatten liegt über dem Radsport: Fällt die nächste Gallionsfigur?

Es waren ungewohnte Bilder von Chris Froome. Sein Tritt eher zähflüssig, beinahe kraftlos, die Körpersprache zwischen angeschlagen und hilflos. Und die Konkurrenz zog ihm weg. Am bis zu 26 Prozent steilen Schlussanstieg der 17. Vuelta-Etappe hinauf zur Bergankunft am Alto de los Machucos fiel Froome zurück, verlor mehr als eine Minute auf Alberto Contador. Tags darauf war Froome wieder der Alte, fuhr auf der 18. Etappe seinen Gegnern sogar davon und machte im Kampf um den Gesamtsieg wieder Boden gut. Was dazwischen geschah, war wohl etwas mehr als eine gute Regeneration mit Pasta und Schlaf.

Inzwischen ist klar, dass Froome zwischen diesen Etappen zu einem Hilfsmittel griff, über das nun heftig debattiert wird: Salbutamol. Ein Asthmamittel, das die Bronchien beruhigen und somit die Atmung erleichtern soll. Unter Sportwissenschaftlern ist ein leistungssteigernder Effekt umstritten, und dennoch wird der Wirkstoff seit Jahren in Ausdauerdisziplinen verwendet. Auch weil es einen Grenzwert gibt, bis zu dem es erlaubt ist. Der in Froomes Dopingprobe gemessene Salbutamol-Wert war allerdings doppelt so hoch, wie maximal erlaubt. Der Fall schlägt hohe Wellen, auch wenn es offiziell noch kein Dopingfall ist, denn Froome hat nach den Regeln des Radsport-Weltverbandes UCI nun Zeit, sich zu verteidigen und den Verdacht zu entkräften. Vergleichbare Fälle führten allerdings bereits zu Sperren, Froome droht auch die Aberkennung seines Vuelta-Sieges.

"Es ist der Worst Case für den Radsport"

Vuelta 21. Etape Chris Froome (Getty Images/AFP/J. Jordan)

Ein erschummelter Sieg? In einer entscheidenden Phase der Vuelta nahm Froome Salbutamol - das könnte ihn die Karriere kosten.

"Ich kann verstehen, dass das für viele Leute ein großer Schock ist, aber ich bleibe bei dem, was ich immer gesagt habe: Ich habe keine Regeln gebrochen. Ich bin mir sicher, dass am Ende des Tages die Wahrheit erzählt werden wird", beteuerte der Toursieger von 2017 in einem Interview des britischen Senders BBC seine Unschuld. Viele nehmen ihm die nicht mehr ab. In den sozialen Netzwerken schimpfen Fans laut über den Dominator der jüngeren Tour-Geschichte. Die einen sprechen von "Schock", andere sind "traurig", und manche sehen gar ein "monumentales Chaos" bei Team Sky. Vor allem aber rückt der Fall den Radsport wieder ein schlechtes Licht. "Es ist der Worst Case für den Radsport", meint der deutsche Radsport-Manager Jörg Werner im DW-Gespräch. "Schlimmer hätte es nicht kommen können, es ist der Toursieger. Er hat 20 Millionen Euro auf dem Konto, warum geht er mit Salbutamol ein solch großes Risiko ein?"

Die Frage ist berechtigt. Salbutamol ist relativ leicht nachzuweisen. Team Sky, das wegen seiner Dominanz seit langem argwöhnisch beäugt wird, überlässt eigentlich nichts dem Zufall. Zugleich zeigt auch der Fall einer mysteriösen Medikamentenlieferung an Ex-Kapitän Bradley Wiggins, dass Sky es mit der selbst postulierten "Zero tolerance"-Politik nicht so genau hält. Die Sky-Maxime der "marginal gains", also des Vorsprungs durch die Liebe zum (leistungssteigernden) Detail, könnte nach vorliegenden Indizien auch für den medizinischen Bereich gelten. "Teams wie Sky nutzen die medizinischen Ausnahmeregelungen, um bis an die Grenzen zu gehen", sagt Jörg Werner, der unter anderem die deutschen Stars Marcel Kittel und Tony Martin betreut. Er legt damit den Finger in eine offene Wunde.

Hat die UCI im Fall Froome "gemauschelt?"

Bradley Wiggins , Tony Martin und Christopher Froome Olympia 2012 (picture-alliance/dpa)

2012 gemeinsam mit Zeitfahr-Sieger Bradley Wiggins (M.) auf dem Olympia-Treppchen, nun Gegner: Tony Martin (l.) ist "wütend" auf Chris Froome (r.).

Die so genannten Therapeutic Use Exemptions (TUEs) sind seit langem umstritten. Einerseits ermöglichen die Ausnahmegenehmigungen Athleten mit chronischen Leiden (wie beispielsweise Asthma), ihre notwendige Medizin einnehmen zu können. Andererseits "öffnet man dem Missbrauch Tür und Tor", glaubt Werner, der sich für die Abschaffung einsetzt. "Es bräuchte eine unabhängige Institution, die diese Krankheiten zweifelsfrei feststellt." Sein Schützling Tony Martin geht mit seiner Kritik noch deutlich weiter. "Ich bin total wütend. Im Fall Christopher Froome wird definitiv mit zweierlei Maß gemessen. Andere Sportler werden nach einer positiven Probe sofort gesperrt", schrieb der viermalige Zeitfahr-Weltmeister auf seiner Internetseite. Vincenzo Nibali, der bei der Vuelta Zweiter hinter Froome wurde und im Falle einer Sperre gegen den Briten zum Sieger erklärt würde, sprach von "einer sehr traurigen Nachricht". Der französische Team-Manager des FDJ-Rennstalls, Marc Madiot forderte ein klareres Vorgehen bei Erkrankungen während der Rundfahrten: "Wenn man krank wird, muss man eben aufgeben. Chris Froome hätte die Vuelta beenden sollen, das wäre nicht das Ende der Welt gewesen."

Tony Martin spricht angesichts der späten Veröffentlichung des Falls von einem "Skandal" und hat den Eindruck, "dass da hinter den Kulissen gemauschelt wird, Absprachen getroffen werden und nach Wegen gesucht wird, wie er doch aus diesem Fall rauskommt." Martin fordert ein konsequentes und transparentes Vorgehen der UCI. Misst die UCI tatsächlich mit zweierlei Maß? Warum dauerte es im Fall Froome mehrere Wochen, bis der Verdacht öffentlich gemacht wird? Schon am 20. September wurde Froome von der UCI über seinen "abnormen" Dopingbefund informiert. Hat die UCI Angst vor Klagen, weil Anwälte des Sky-Teams die verdächtige Probe offenbar seit Wochen anfechten?

Die Ikone hat nun Schrammen

Radfahrer Froome bei Doping-Kontrolle (picture-alliance/AP Photo/L. Rebours)

Hunderte Kontrollen hat Chris Froome bereits absolviert. Nun gibt es eine verdächtige Probe.

Fragen, die nach Antworten verlangen. Offiziell heißt es, in einer UCI-Presseerklärung, dass sich der Weltverband nur an seine eigenen Regeln gehalten habe, die bei Substanzen keine Veröffentlichung vorsehen. "Das Regelwerk ist an dieser Stelle aus meiner Sicht Blödsinn, das versteht ja kein Mensch", schimpft Tony Martins Manager Jörg Werner, der auch Nachwuchsfahrer ausgebildet hat.

ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt sieht "den klassischen Interessenkonflikt des Sports: Auf der einen Seite, den Sport zu kontrollieren, auf der anderen Seite, ihn zu promoten", sagte Seppelt in der ARD. Vor acht Jahren deckte der Investigativ-Journalist einen Clenbuterol-Fall von Radprofi Alberto Contador auf, der lange von der UCI unter Verschluss gehalten worden war. Erst als Seppelt um eine Stellungnahme bat, ging der Verband plötzlich mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Auch wenn der Fall Froome noch kein bestätigter Dopingfall ist, ist der Schaden bereits angerichtet: Der Radsport, der im Vergleich zu anderen Sportarten zuletzt weit mehr Anstrengungen im Anti-Doping-Kampf unternommen hat, hat nun eine Ikone mit Schrammen. Der herausragende Athlet dieser Zeit ist über die Grenzen des Erlaubten gegangen. Mit Vorbildfunktion und Verantwortung, die Froome immer wieder selbst betont, hat das nichts zu tun.

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