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DEUTSCHE TORNADOS IN SYRIEN

Syrien: Deutsche Tornados liefern Informationen für tödliche Luftangriffe

Deutsche Tornados spielten eine wichtige Rolle beim Beschuss einer Schule in Syrien - ein Vorfall von vielen. Chris Woods von airwars.org spricht mit der DW über zivile Opfer im Kampf gegen den IS.

DW: Allem Anschein nach haben deutsche Aufklärungsflugzeuge eine wesentliche Rolle beim Angriff auf eine Schule in Al-Mansoura bei Rakka in Syrien gespielt. Dabei wurden nach deutschen Medienberichten mindestens 33 Zivilisten getötet, darunter Frauen und Kinder. Wie viele Zivilisten sind bislang insgesamt bei Angriffen der Anti-IS-Koalition gestorben?

Chris Woods: Der Krieg der Koalition gegen den IS begann im August 2014. Im September 2014 gab es die ersten Luftangriffe in Syrien, also lange vor dem Einsatz von Aufklärungstornados der Bundeswehr. Der begann erst im Januar 2016. Seit September 2014 wurden unseren Informationen nach über 1400 Zivilisten allein in Syrien getötet. Zusammen mit dem Irak kommt man sogar auf über 2800 zivile Opfer. Wir haben es also mit einem schweren Konflikt mit einer bedauerlicherweise signifikant hohen Zahl ziviler Opfer zu tun.

Airwars - Chris Woods (airwars.org)

Chris Wood ist Direktor von Airwars.org

Der deutschen Öffentlichkeit wurde gesagt, dass deutsche Jets nicht bei Kampfeinsätzen zum Einsatz kommen. Aber kann man denn eigentlich unterscheiden zwischen Aufklärung und Ausspähung auf der einen Seite und dem Auswählen von Zielen und tatsächlichem Töten auf der anderen Seite? Was genau machen die Tornados und wie wichtig sind sie?

Der Konflikt in Syrien hängt sehr stark von Luftaufklärung ab. Länder wie Deutschland, die sich nicht an den eigentlichen Kampfhandlungen beteiligen, spielen nichtsdestotrotz eine Schlüsselrolle bei der Sammlung wichtiger Informationen aus der Luft, die dann wieder einfließen in tödliche Angriffe anderer - meistens der USA. Die deutschen Tornados schießen zwar nicht selbst, aber sie liefern Informationen, die bei tödlichen Operationen genutzt werden. Deutschland hat zwar nicht den Finger am Abzug, aber deutsche Informationen spielen eine zentrale Rolle bei Luftangriffen auf IS-Ziele.

Die Offensive gegen Mossul ist in vollem Gang, die Offensive gegen die IS-Hauptstadt Rakka steht unmittelbar bevor. Müssen wir uns auf mehr zivile Opfer einstellen beim Kampf gegen den IS?

Wir sollten angesichts des Risikos ziviler Opfer niemals in Selbstgerechtigkeit verfallen. Wir haben schon in den vergangenen Monaten einen signifikanten Anstieg der zivilen Opfer im Raum Rakka verzeichnet - und das, bevor der eigentliche Angriff auf die Stadt überhaupt begonnen hat. Was uns dabei besonders besorgt, ist, dass es die meisten zivilen Opfer in relativ dünn besiedelten Dörfern und Kleinstädten gibt. Wir befürchten, dass dieser Anstieg Folge der beschleunigten Kriegsführung ist. Wir haben im Moment rund zehnmal so viele Luftangriffe auf Rakka wie vor einem halben Jahr.

Syrien Al Mansoura Angebliche Ruine Schule nach Koalition Luftangriff (airwars.org/Mansoura in its People’s Eyes)

Bild der zerstörten Schule in Al-Mansoura bei Rakka. Mindestens 33 Zivilisten starben bei dem Luftangriff


Wir nehmen aber auch an, dass es vermehrt zivile Opfer gibt, weil die Informationen mangelhaft sind - sowohl aus der Luft als auch vom Boden. In Rakka arbeitet die Anti-IS-Koalition mit den kurdisch geprägten Selbstverteidigungskräften SDF. Die kommen aber nicht aus der Region. Weil die Koalition selbst eben auch nur begrenzte Informationen über die lokalen Verhältnisse hat, sterben Zivilisten wegen schlechter Informationen. Das passiert, wenn man einen Krieg mit Proxy-Truppen, also fremden Truppen, und aus der Luft führt: Unserer Ansicht nach steigt das Risiko für Zivilisten.

Chris Wood ist Direktor der Nichtregierungsorganisation airwars.org, die sich für Transparenz in bewaffneten Konflikten einsetzt. Sie recherchiert, sammelt und veröffentlicht die Zahlen zu zivilen Opfern. 

Die Fragen stellte Matthias von Hein.

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