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Wirtschaft

Suche Schlafplatz, zahle gut

Berge, Schnee, Militär, Politiker, Prominenz, überteuerte Hotels, Champagner und vor allem viele Diskussionsforen - am 20.1. beginnt in Davos das Weltwirtschaftsforum. Einige erste Eindrücke von Manuela Kasper-Claridge.

Fünf Minuten Umsteigezeit in Landquart - das ist nicht viel. Japaner, Russen, Italiener, Franzosen, Engländer oder Deutsche hetzen über den Bahnsteig, um den Anschlusszug nach Davos zu bekommen. Beladen mit Laptops, mehreren Mobiltelefonen und Koffern jeder Größe, steigen sie in die Rhätische Bahn. "Faszinierend anders unterwegs" ist deren Slogan. Das muss nicht unbedingt komfortabel bedeuten.

Ich lasse mich von der Bahn, die dicht an den Bergwänden entlangfährt, durchrütteln. Im Abteil wird Englisch gesprochen, Schweizer meiden in diesen Tagen die vollen Züge. Rund 14.000 Menschen kommen zum Weltwirtschaftsforum nach Davos: Politiker, Unternehmenschefs, Journalisten, Polizisten. Das sind mehr Besucher als Einwohner.

Davos liegt auf über 1500 Metern Höhe, umgeben von einem traumhaften Alpenpanorama. Die japanischen Journalisten zücken ihre Handykameras. In Klosters, dort verbringt jedes Jahr der britische Prinz Charles seinen Winterurlaub, sind erste Sicherheitsmaßnahmen zu erkennen. Unterstände im Wald, schweres Gerät. Das schweizerische Parlament genehmigte, dass bis zu 5000 Armeeangehörige im sogenannten Assistenzdienst vom 15.- 25. Januar 2016 zum Einsatz kommen.

"Die Weltlage wirkt sich auf unsere Beurteilung und die Vorkehrungen aus", sagt Walter Schlegel, Kommandant der Kantonpolizei Graubünden, der DW. Einzelheiten will er nicht verraten. Immerhin gebe es keine konkreten Gefahrenhinweise.

Festung Davos

Mit dem Auto über die Bergstraßen gibt es sowieso nur zwei Zugänge nach Davos, und die werden streng kontrolliert. Neben dem Militär ist die Polizei mit zigtausend Frauen und Männern im Einsatz. Dazu kommen zahlreiche Sicherheitsfirmen. Aus "polizeitaktischen Gründen" will man keine genaueren Angaben machen. Die Zusatzkosten betragen für die öffentliche Hand rund acht Millionen Schweizer Franken. Zwei Millionen davon trägt das WEF.

"Während des Weltwirtschaftsforums wirkt Davos wie eine Festung", sagt Nuot Lietha vom Fremdenverkehrsamt. Zum Skifahren seien die Tage des Weltwirtschaftsforums jedoch ideal, denn die Pisten sind leer. Da wäre nur noch das Problem mit den Schlafplätzen.

"Suche Schlafplatz in Davos von Dienstag bis Sonntag, zahle gut, bin kaum da", schreibt eine Frau auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Doch wer glaubt, noch ein Zimmer in der Stadt oder der angrenzenden Region buchen zu können, der irrt. Im Zug werden zwar noch Tipps ausgetauscht und manch einer erklärt sich bereit, seinen mühsam ergatterten Schlafplatz zu teilen, doch die Erfolgsquote ist gering. Das wissen die, die nicht zum ersten Mal kommen.

Betten-Not

Ich erinnere mich an ein ausgebeultes Sofa in einer Wohnküche und an nicht funktionierende Duschen. In diesem Jahr freue ich mich auf mein Zwei-Sterne-Hotel zu Fünf-Sterne-Preisen. Zum Hotelier habe ich mühsam ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, jetzt ist das Hotelzimmer gesichert.

Kaum angekommen in Davos, fällt mein Blick auf schneebedeckte Berge und Straßen und auf das pompöse Steigenberger Grandhotel Belvedere. Es ist einer der wichtigsten Orte während des Weltwirtschaftsforums. Über 300 Veranstaltungen in vier Tagen gibt es hier. Mit Präsidenten oder Nobelpreisträgern, mit Milliardären oder Künstlern. Im vergangen Jahr wurden während des WEF täglich 16.805 Kanapees, rund 1600 Flaschen Champagner sowie tausende Flaschen Rot- und Weißwein allein im Steigenberger konsumiert. Hoteldirektor Thomas Kleber ist trotzdem entspannt. Die Küchencrew wurde verdreifacht. Innerhalb weniger Minuten können die Räume umgebaut werden.

Einst traf ich Bill Clinton beim Tee im urigen Café Schneider. Er wollte nur mal seine Ruhe haben. Im Cafe Schneider wird er die nicht mehr finden. Das wird in diesem Jahr für "Make in India" werben und dafür vollständig neu dekoriert. Statt Käsefondue gibt es jetzt Chicken Tikka Masala.

Viel Prominenz aus aller Welt

Davos ist die große Bühne. Der Hollywood-Schauspieler Leonardo di Caprio wird in diesem Jahr zum WEF erwartet, auch sein Kollege Kevin Spacey oder Yao Chen, die berühmte chinesische Schauspielerin, bekannt als "Queen of Weibo". Ihr Konto beim chinesischen Pendant zu Twitter hat 78 Millionen Follower.

Diese Künstler werden sicher nicht mit der Rhätischen Bahn anreisen, sondern mit dem Hubschrauber oder in einer schwarzen Limousine vom Züricher Flughafen. Drei Stunden Fahrtzeit ist der Durchschnitt, inklusive zahlreicher Sicherheitskontrollen.

Zum Weltwirtschaftsforum kommt aber niemand zum Vergnügen. Nein, hier wird sehr ernsthaft und auch schon mal wegweisend über den Zustand der Welt diskutiert. Di Caprio spricht zum Klimawandel, Kevin Spacey über Politik. Womöglich holt er sich in Davos Anregungen für weitere Folgen seiner Serie "House of Cards".

Knapp 50 Staats- und Regierungschef sind angekündigt, in einer Zusammensetzung, die es wohl nur hier gibt. Denn der israelische Premierminister Netanyahu ist ebenso da wie der irakische Premier Al Abadi oder der neue argentinische Präsident Macri.

Immerhin 18 Prozent der WEF-Teilnehmer sind weiblich. Die deutsche Bundeskanzlerin wird zwar nicht dabei sein, aber Sheryl Sandberg von Facebook, Mary Barra, CEO von General Motors, und die norwegische Premierministerin Erna Solberg, um nur einige zu nennen. Ach ja, und ich bin auch dabei. Zu finden auch auf Twitter unter @ManuelaKC.

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