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Studiogast Michael Heise

u Gast im Studuio ist Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz-Gruppe DW-TV: Scharfe Kritik gibt es zurzeit am Vorgehen der Europäischen Zentralbank. Michael Heise, haben sich denn die obersten Währungshüter zu viel zugemutet, was meinen Sie? Michael Heise: Ich halte die Kritik für etwas übertrieben. Wir sind immerhin in einer Vertrauenskrise was den Euro angeht. Und die Europäische Zentralbank hat ja die Aufgabe für Finanzmarktstabilität zu sorgen. Sie kauft infolgedessen Staatsanleihen, um die Märkte etwas zu beruhigen. Das kann man kritisieren. Wichtig ist aber, dass es eine vorrübergehende Maßnahme ist und dass wir den europäischen Stabilisierungsfond aufrüsten müssen, damit er diese Aufgabe von der EZB dann bald übernimmt.

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DW-TV: Scharfe Kritik gibt es zurzeit am Vorgehen der Europäischen Zentralbank. Michael Heise, haben sich denn die obersten Währungshüter zu viel zugemutet, was meinen Sie?

Michael Heise: Ich halte die Kritik für etwas übertrieben. Wir sind immerhin in einer Vertrauenskrise was den Euro angeht. Und die Europäische Zentralbank hat ja die Aufgabe für Finanzmarktstabilität zu sorgen. Sie kauft infolgedessen Staatsanleihen, um die Märkte etwas zu beruhigen. Das kann man kritisieren. Wichtig ist aber, dass es eine vorrübergehende Maßnahme ist und dass wir den europäischen Stabilisierungsfond aufrüsten müssen, damit er diese Aufgabe von der EZB dann bald übernimmt.

DW-TV: Viele sehen aber durch dieses Eingreifen der EZB die Unabhängigkeit in Gefahr, ist das berechtigt?

Michael Heise: Ich glaube nicht. Das Mandat der EZB umfasst es ja, die Finanzmarktstabilität in der Eurozone zu sichern und dazu sind solche Interventionen zweckdienlich. Sie bewirken übrigens auch keine Inflationsgefahr, weil die Geldmengen kontrolliert werden können, trotz des Auskaufs solcher Staatsanleihen.

DW-TV: Mittlerweile hält die EZB Staatsanleihen in Wert von 110 Milliarden Euro. Was für Konsequenzen hat das?

Michael Heise: Nun, ich glaube nicht, dass man deswegen die EZB als eine Bad Bank bezeichnen kann. Wenn man Anleihen von Italien oder Spanien kauft, dann sind es ja keine Schrottpapiere. Sondern es sind durchaus Anleihen von Staaten, deren finanzielle Situation zur Zeit noch besser ist als die vieler anderer - wenn man Spanien anschaut. Insofern ist hier keine Ausfallwahrscheinlichkeit gegeben, die am Ende der EZB tatsächlich das Eigenkapital mindern könnte. Wir müssen die Lage stabilisieren und die Käufe der EZB tragen dazu bei.

DW-TV: Sie haben gerade schon das Vertrauen angesprochen, das die EZB sichern soll. Gelingt das denn durch diese Aufkäufe der Staatsanleihen? Wie wäre die Lage ohne dieses Eingreifen?

Michael Heise: Es ist eine temporäre Maßnahme. Sie alleine überzeugt die Finanzmärkte nicht. Langfristig brauchen wir strukturelle Lösungen um diese Staatsschuldenkrise beizulegen. Erstens natürlich enorme Konsidierungsanstrengung in den betroffenen Ländern. Zweitens aber auch einen anderen Einsatz der öffentlichen Mittel, die ja bereit gestellt worden sind im Rahmen des europäischen Stabilisierungs- und Wachstumsfonds. Hier müssen bessere Lösungen her, damit die EZB entlastet werden kann.

DW-TV: Wie stark sind denn Ihre Nerven in der schwierigen Zeit, haben auch Sie schon vorgesorgt für einen Fall der Fälle?

Michael Heise: Nicht in Perfektion, aber natürlich habe ich versucht, mich abzusichern gegenüber solchen sehr sehr plötzlichen und starken Marktbewegungen. Hier spielt eben die Psychologie, die Verunsicherung eine sehr sehr große Rolle. Der Mensch ist kein völlig rationales Wesen und die Finazmärkte sind es schon garnicht.

DW-TV: Was genau passiert wenn, wie das jetzt in den letzten Wochen der Fall war, Angst die Entscheidungen bestimmt?

Michael Heise: Ja, man sieht dann wie die Aktienkurse in Wellen nach unten gehen, unabhängig davon, welche Daten von der Wirtschaft kommen. Das sind durchaus ganz bekannte Bewegungen, die eben eine Schärfe nach unten bekommen. Dann gibt es eben noch viele technische Details wie Computerhandel oder wie Stop-Lost-Verkäufe, mit denen Investoren in solchen Marktsituationen versuchen, ihre Verluste zu begrenzen. Das alles führt zu einer enormen Dynamik nach unten, die man als schlauer Anleger dann auch nutzen muss.

DW-TV: Ist das ein Krisenkriterium, dass Gerüchte so dermaßen große Wirkungen erzielen können?

Michael Heise: Ja, es dreht sich bei den Finanzmärkten alles um Markterwartungen, um die Zukunft, und da können schon Gerüchte natürlich zu anderen Prognosen und anderen Szenarien führen und dann bewegen sich die Kurse so stark. Es ist richtig, Gerüchte können sehr starke Auswirkungen haben und häufig auch die Realität beeinflussen.

DW-TV: Wie groß die Unsicherheit derzeit ist, das sieht man auch gut am Banken- und Versicherungsindex, der die Situation europäischer Geldhäuser abbildet. Den größten Absturz gab es nach der Pleite der US-Lehman Brothers 2008 und in deren Folge. Und mittlerweile nähert sich dieser Index wieder deutlich der Lage vor zwei Jahren an. Welche Sorge steckt denn diesmal dahinter? Was schürt die Angst?

Michael Heise: Ja, ich glaube, die Sorgen sind etwas übertrieben. Wir haben eine andere Situation als nach Lehman. Was zur Zeit Sorge und Befürchtungen weckt, ist, dass die Staatsschuldenkrise noch nicht im Griff ist. Und viele Banken in der Eurozone natürlich erhebliche Volumina an Staatsschulden auch aus südlichen Ländern haben, aus den peripheren Ländern und man auch nicht genau weiß, wie die Verzahnung der Banken untereinander ist. Vor allem Banken in den südlichen Ländern selbst haben natürlich einen hohen Anteil an Staatspapieren ihrer Länder. So lange diese Staatsschuldenkrise nicht im Griff ist, ist das auch ein Schatten über dem Bankensystem.

Interview: Sandra Berndt