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Europa

Stromstopp auf dem Balkan

Trotz vieler Diskussionen wird Bulgarien am 1. Januar Mitglied der Europäischen Union. Einen Tag zuvor muss es zwei Reaktoren des Kernkraftwerks Koslodui abschalten. Dabei haben EU-Experten deren Sicherheit bestätigt.

Das Kernkraftwerk Koslodui

Der Bulgaren Stolz, des Balkans Stromlieferant: Koslodui

Bisher war Bulgarien der größte Stromexporteur auf dem Balkan. Das Atomkraftwerk Koslodui, 200 Kilometer nördlich von Sofia an der Donau gelegen, lieferte stetig Kilowatts nach Albanien, Griechenland, Mazedonien, Rumänien, Serbien, das Kosovo und die Türkei. Wenn Bulgarien der EU beitritt, ist damit Schluss. Die Folge sind steigende Strompreise in der Region. Bulgarien entgehen nicht nur Milliarden Euro an Exporteinnahmen, der Strom könnte auch knapp werden. Griechenland und Mazedonien haben bereits Sorgen ob ihrer zukünftigen Versorgung geäußert. “Ich fühle mich wie bei einer Beerdigung“, sagt der stellvertretende Direktor von Koslodui. “Die Einheiten sind in perfektem Zustand“.

Eine Forderung mit Geschichte

Zu Höchstzeiten hatte das Kernkraftwerk Koslodui sechs Reaktoren sowjetischer Bauart am Netz - zwei alte mit einer Leistung von 440 Megawatt und zwei neue mit 1000 Megawatt. Eine Voraussetzung für die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit dem postkommunistischen Bulgarien war die Abschaltung der Reaktoren 1 und 2 im Jahr 2002. Grundlage der Forderung war der Beschluss der sieben führenden Industrieländer (G7) von 1991, alle Reaktoren der ersten Generation, zu der die vier älteren Koslodui-Einheiten zählen, schnellstmöglich abzuschalten. Für die Reaktoren 3 und 4 blieb die Frage der Abschaltung zunächst offen. Schließlich einigten sich Bulgarien und die Europäische Kommission, die alle Beitrittsverhandlungen führt, auf das Jahr 2006.

Eine Fachkraft vor Kontrollbildschirmen. Im Vordergrund: ein oraangefarbener Helm

In zwei von vier Reaktoren soll die Arbeit aufhören

Laut einer Umfrage sind drei Viertel der Bulgaren gegen die Abschaltung der Reaktoren. Ein Bürgerkomitee zur Rettung des Kernkraftwerks rechnet mit bis zu zehn Milliarden Euro Verlust für das Land durch wegfallende Exporteinnahmen, eventuell notwendige Energieimporte und teure Abbau-Maßnahmen. Und auch Bulgariens Präsident Georgi Parwanow zeigte sich in einem Radio-Interview besorgt über die Energiesicherheit auf dem Balkan und hegte Hoffnung für eine Verlängerung der Frist für Koslodui. Doch die Einigung steht. “Die Situation ist sehr klar“, sagt Roland Kobia, verantwortlich für Nuklearangelegenheiten im Energieressort der Europäischen Kommission. “Die Abschaltung ist eine gesetzliche Verpflichtung im Beitrittsvertrag mit Bulgarien. Es gibt nichts zu verhandeln“.

Vergebliche Restauration

Bulgarien scheint bis zuletzt darauf gehofft zu haben, die Abschaltung der Reaktoren 3 und 4 zumindest hinauszögern zu können. Es investierte einen dreistelligen Millionenbetrag, um die Sicherheitssysteme gemäß EU-Empfehlungen auszubauen. Ein Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) attestierte den 1980 und 1982 fertig gestellten Reaktoren die gleiche Betriebssicherheit wie anderen Einheiten desselben Alters - Reaktoren, wie sie in anderen EU-Ländern noch in Betrieb sind. Im Jahr 2003 stellte die zuständige bulgarische Regulierungsbehörde Koslodui-3 und -4 Betriebslizenzen bis 2010 und 2012 aus. Laut EU-Kontrolleuren seien alle Empfehlungen "adäquat angegangen“ worden. Eine weitere Überwachung Bulgariens sei nicht notwendig.

Der in Bulgarien erzeugte Strom spiele für die Stromversorgung in der Balkanregion eine wesentliche Rolle, erklärte bald darauf das Europäische Parlament (die Volksvertretung). Demnach würde "die Schließung der Koslodui-Blöcke 3 und 4 das Energiegleichgewicht in einer Region zerstören, die wirtschaftlich und politisch immer noch unstabil ist“. Die Europäische Kommission aber beharrt auf dem Beitrittsvertrag sowie dem Beschluss, alle Reaktoren der ersten Generation abzuschalten. Und auch die bulgarische Regierung leistet - innenpolitischer Bekenntnisse zum Trotz - kaum Widerstand. Denn das Energiekapitel neu aufzurollen hätte den EU-Beitritt des Landes um mindestens ein Jahr verzögert. Koslodui-Befürworter sprechen von einer “politischen Entscheidung“. Eine bulgarische Zeitschrift bezeichnete das alte, aufgerüstete Kraftwerk als ein "Lada-Auto mit einem BMW-Motor“.

Realistische Annahme

Ein Kontrollraum. Viele Knöpfe. Viele Schalter. Zwei Menschen

Trotz Überwachung: Ein Restrisiko bleibt

Georgi Kastchiev, von 1997 bis 2001 Chef der bulgarischen Kernsicherheitsbehörde, begrüßt die Abschaltung. Die Schließung von Kraftwerken der ersten Generation sei "sehr gut für die Sicherheit“. Die Expertenberichte über Koslodui 3 und 4 seien zwar sehr diplomatisch formuliert gewesen, doch man müsse auf die Details schauen: Die Sicherheitsberechnungen seien unter der “realistischen Annahme“ angestellt worden. Um bestmögliche Sicherheit zu Garantieren, müsse man jedoch unter “konservativen Annahme“ kalkulieren, also davon ausgehen, dass alle möglichen Fehler der Sicherheitssysteme auf einmal aufträten. Das sei in Koslodui nicht geschehen.“Die Umbauten haben die Situation in vielen Punkten verbessert“, sagt Kastchiev. “Aber mit einem Kraftwerk der ersten Generation ist es tatsächlich wie mit einem alten Auto. Was immer man auch tut, man kann nicht alle modernen Technologien einbauen.“ Das, so Kastchiev, gelte übrigens nicht nur für Reaktoren russischer Bauart, sondern auch für westliche Modelle.

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