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Verletzungen im Sport

Stress für den Kopf

Dass im Zweikampf Kopf an Kopf knallt, ist Alltag in der Bundesliga. Macht das auf Dauer krank? Nach Aufsehen erregenden Befunden im US-Sport erfasst die Debatte um die Folgen von Kopfverletzungen auch den Fußball.

"Wer hat in diesem Spiel zuletzt ein Tor erzielt?” Auch beim Stande von 0:0 ist das eine berechtigte Frage. Nämlich genau dann, wenn es darum geht, einzuordnen, ob ein Spieler eine Gehirnerschütterung erlitten hat und besser ausgewechselt werden muss. Der hart am Kopf getroffene Christoph Kramer hätte diese Frage, die im so genannten "SCAT 3-Test" vorgeschlagen wird, nicht beantworten können, als er in der 17. Minute des WM-Finales 2014 benommen auf dem Rasen in Rio saß. "Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, dass ich danach noch weiter gespielt habe", sagte er später im Interview. Sein Fall hat in Deutschland die Diskussion um die Risiken von Kopfverletzungen im Fußball befeuert.

NFL schließt gerichtlichen Vergleich

In den USA ist das Thema dagegen seit Jahren allgegenwärtig. Mitte Dezember stimmte das Oberste Gericht einem Vergleich der Football-Profiliga NFL mit rund 20.000 ehemaligen Spielern oder deren Hinterbliebenen zu. Volumen: eine Milliarde US-Dollar. Jahrelang hatte die NFL jeden Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen der Spieler und den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen, die daraus resultieren, bestritten. Chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) heißt das Leiden, das alle fürchten. CTE entsteht, wenn kleinere und größere Gehirnerschütterungen nicht richtig auskuriert werden und sich über Jahre summieren. Die Folge können irreparable Hirnschäden sein - die Symptome reichen von Kopfweh über Sehstörungen bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen und schwerer Demenz. Als Erster stieß der Forensiker Benett Omalu auf das Krankheitsbild. Die dramatische Geschichte seiner Entdeckung ist inzwischen von Hollywood verfilmt worden.

Christoph Kramer Fußball WM Finale Argentinien Deutschland (Getty Images)

Christoph Kramer hatte im WM-Finale einen Blackout

"Im Profifußball ist die Wahrscheinlichkeit, sich am Kopf zu verletzen, tatsächlich groß", sagt Werner Krutsch, Unfallchirurg und Spezialist für Verletzungen im Fußball von der Uniklinik in Regensburg. "Diese Verletzungen müssen richtig erkannt und behandelt werden. Im Sport gibt es leider immer noch das Problem der Bagatellisierung." Bei Christoph Kramer oder Dieter Hoeneß, der als Turbanträger im DFB-Pokalfinale 1982 mit einer Kopfverletzung weiter spielte, wäre wohl aus medizinischer Sicht eine sofortige Auswechslung die bessere Variante gewesen. Weil aber ähnlich wie im American Football auch im Fußball die Härte zu sich selbst für Spieler und deren Fans nach wie als Tugend gilt, hat sich daran bisher nur wenig geändert.

Kaum zu erkennen, dennoch gefährlich

Tückisch sind dabei vor allem die leichten Gehirnerschütterungen, bei denen der Betroffene beispielsweise nicht das Bewusstsein verliert und keine klaren anderen Symptome bemerkt. "Wir haben noch nicht die Werkzeuge, um solche kleinen Schädel-Hirn-Traumen zu erkennen", bemängelt Krutsch. Was im Profifußball bei guter medizinischer Versorgung gilt, betrifft natürlich Amateursportler umso mehr. Auf die Gefahr aufmerksam zu machen, ist deshalb wichtig. Dazu hat etwa der ehemalige deutsche Eishockey-Crack Stefan Ustorf, der selbst an den Spätfolgen zahlreicher Kopfverletzungen leidet, einen eigenen Verein gegründet. Die Hannelore-Kohl-Stiftung stellte jetzt sogar die Testversion einer App zur Selbstdiagnose vor.

Audio anhören 04:32

Dr. Werner Krutsch: "Der Druck ist groß"

Technische Unterstützung ist in den US-Profiligen im Eishockey und Football inzwischen etabliert. Einige Teams verpflichten alle Spieler vor der Saison zu einem 20-minütigen Computertest (Immediate Post-Concussion Assessment and Cognitive Testing, kurz IMPACT). Besteht in der Saison der Verdacht einer Kopfverletzung, wird der Test wiederholt, und die Ergebnisse werden abgeglichen. Erst wenn das Ausgangsniveau erreicht ist, darf der Spieler wieder eingesetzt werden. Verstoßen Teams gegen diese Regel, drohen seit diesem Jahr empfindliche Strafen. Unter dem Druck der zahlreichen CTE-Fälle verschärfte die NFL das Reglement erneut. Vergleichbares gibt es im deutschen Profifußball nicht. Die Deutsche Fußball Liga und der Deutsche Fußball-Bund erklären, sie strebten gemeinsame Standards an. Immerhin: Seit 2006 kann der absichtliche Ellbogeneinsatz beim Kopfballduell mit einem Platzverweis geahndet werden. 2014 führte die UEFA die "Drei-Minuten-Pause" ein. Im Fall einer Kopfverletzung wird das Spiel unterbrochen, um Ärzten Zeit für eine Diagnose zu geben.

Steht dem Fußball ebenfalls ein CTE-Skandal ins Haus?

Und was ist mit den Langzeitfolgen im Fußball? Es gibt tatsächlich vereinzelte Berichte über Ex-Profis, die über ähnliche Symptome klagen, oder bei denen nach ihrem Tod CTE festgestellt wurde. Das ist ein möglicher Fingerzeig auf den Zusammenhang mit Fußball, wissenschaftlich valide sind diese Aussagen aber bei weitem nicht. "Es gibt auch deswegen bisher keine Langzeitstudien zu diesem Thema im Fußball, weil es den Bedarf danach gar nicht gibt", ist sich Unfallmediziner Krutsch sicher. "Wenn man sich anschaut, welche Kräfte bei einem Ellbogencheck gegen den Kopf im Eishockey vorhanden sind, wo das ja zu einem Instrument im Spiel gehört, dann ist das mit dem Fußball nicht zu vergleichen." Andere Experten sehen das deutlich skeptischer. Diese Forschungslücke will nun das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ausfüllen. In den nächsten Jahren soll es konkrete Forschungsprojekte geben. Ein schon im Herbst vorgestelltes Gutachten sprach im Titel von einer "unterschätzten Gefahr".

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