1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kunst

Streitfall Welfenschatz: Nazi-Raubkunst ja oder nein?

Seit Jahren verlangen die Nachfahren jüdischer Kunsthändler den millionenschweren Kirchenschatz zurück. Nachdem ein US-Gericht ihre Klage angenommen hatte, ist nun klar: Deutschland geht in Berufung. Ein Präzedenzfall.

Ein Muttergottes-Statue mit Kind aus dem Welfenschatz in Vitrine. Im Hintergrund: Eine Museumsbesucherin. (Foto: picture-alliance/dpa/S. Pilick)

Der Welfenschatz gilt als eine der Hauptattraktionen der Berliner Museen

Es könnte einer der spektakulärsten Kunstprozesse der jüngeren Geschichte werden: Der Fall "Philipp and Stiebel vs. Federal Republic of Germany and Stiftung Preußischer Kulturbesitz". Die Nachfahren jüdischer Kunsthändler gegen die Bundesrepublik. Sie soll den Welfenschatz als NS-Raubkunst anerkennen - und an die rechtmäßigen Erben zurückgeben. So lautet die Anklageschrift.

Deutschland will bis zum Fristende am 21. April dagegen Berufung einlegen. Dies erklärte nun Jonathan Freiman, Anwalt der deutschen Regierung, gegenüber der Washington Post. Deutschland würde sich damit erstmals vor einem US-Gericht gegen eine Restitutionsklage verteidigen.

Der Welfenschatz, so die Position der Bundesregierung, sei rechtmäßig im Besitz der von ihr getragenen Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Das national wertvolle Kulturgut müsse in Berlin bleiben. Die Klage sei "unbegründet", hatte Hermann Parzinger, Präsident der SPK, noch in der Nacht nach der Annahme der Klage durch das US-Gericht am 31. März 2017 erklärt. Von einer "Schande für Deutschland" sprechen hingegen die Kläger-Anwälte Mel Urbach und Markus Stötzel gegenüber der DW. Die Nazis würden Deutschland zu diesem Schritt applaudieren, meinen sie. Die Fronten sind verhärtet.

Ein Geschenk für Adolf Hitler

Adolf Hitler (Mitte links) mit Hermann Göring (rechts) 1944. (Foto: picture-alliance/dpa/Fine Art Images)

Hermann Göring (r.) machte Hitler 1935 den Welfenschatz zum persönlichen Geschenk

Der Welfenschatz umfasst 44 Meisterwerke mittelalterlicher Kirchenkunst. Die Welfen sind das älteste Fürstenhaus Europas, die Familie sammelte zahlreiche Schätze an. Ein Konsortium jüdischer Kunsthändler hatte den Welfenschatz 1929 von der Familie der Welfen erworben. Nachdem sie einzelne Stücke in den Folgejahren weltweit auf den Markt gebracht hatten, verkauften sie 1935 den Rest der Sammlung an den preußischen Staat - 42 Goldschmiedearbeiten, die heute im Berliner Kunstgewerbemuseum ausgestellt werden. Hermann Göring, damals Preußischer Ministerpräsident und ab Mai 1935 auch Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, machte sie Hitler höchstpersönlich zum Geschenk. Ein erpresstes Geschenk, sagen die Erben des jüdischen Kunsthändlerkonsortiums. 

Samy Rosenberg, einer der Kunsthändler, sei mit dem Leben bedroht worden. Hätte er den Welfenschatz nicht zu den Konditionen der Nazis verkauft, hätten er und seine Familie es niemals aus Deutschland herausgeschafft. Diese Einschätzung konnten sie vor der US-Richterin Colleen Kollar-Kotelly offenbar ausreichend belegen. Sie befand am 31. März 2017: "Die Inbesitznahme des Welfenschatzes (…) weist genügend Verbindung zum Völkermord auf, insofern als dass der hier angenommene erzwungene Verkauf als Verstoß gegen das Völkerrecht gewertet werden kann." Der Grundsatz, nach dem ein souveräner Staat nicht vor Gerichten eines anderen Staates verklagt werden kann, ist in diesem Falle des Verstoßes gegen das Völkerrecht hinfällig.

"Ein fairer Deal" im Jahr 1935?

Hinter dem bevorstehenden Prozess steht die Grundsatzfrage: Muss bei möglicher NS-Raubkunst jeder Einzelfall im Detail untersucht werden, oder genügt das Wissen, dass jüdische Kunsthändler seit Hitlers Machtübernahme 1933 schrittweise entrechtet wurden und damit gar nicht mehr in der Lage waren, auf Augenhöhe auf dem Kunstmarkt zu handeln?

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz argumentiert mit dem Einzelfall. 1935 sei ein angemessener Preis gezahlt worden. Die Weltwirtschaftskrise habe zu niedrigen Preisen auf dem Kunstmarkt geführt. Geraubt worden sei der Schatz keineswegs. Die Position der Kläger-Anwälte lautet: Im Jahr 1935 kann es keinen "fairen Deal" für jüdische Kunsthändler gegeben haben. Nazi-Kriegsverbrecher als zivilisierte Geschäftsmänner zu bezeichnen, sei beschämend, so die Anwälte Urbach und Stötzel.

Kein Gesetz für Raubkunstfälle in Deutschland

Drei goldene Armreliquiare des Welfenschatzes in Glasvitrine. Im Hintergrund: Besucher des Kunstgewerbemuseums Berlin.

Als wollten sie sich zu Wort melden: Armreliquiare des Welfenschatzes im Berliner Kunstgewerbemuseum.

Bereits 2008 hatten die Anwälte der Erben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erstmals aufgefordert, den Welfenschatz zurückzugeben. 2015 empfahl die sogenannte Limbach-Kommission aus unabhängigen Experten, den Schatz in Berlin zu lassen. Der 1935 gezahlte Preis von 4,25 Millionen Reichsmark habe dem damaligen Marktwert entsprochen. Daraufhin hatten die Anwälte Klage vor dem Gericht in Washington D.C. eingereicht. Da es in Deutschland keine Rechtsgrundlage für Restitutionsfälle gebe, bleibe ihnen nichts anderes übrig, hatten sie erklärt. Anders als in Österreich oder Holland gibt es in Deutschland kein Restitutionsgesetz, nach dem Fälle möglicher Nazi-Raubkunst entschieden werden könnten. Die Limbach-Kommission kann lediglich eine Empfehlung aussprechen, rechtlich bindend ist dies nicht.

Die Annahme der Welfenschatzklage ist damit nicht nur bislang einmalig. Sie könnte auch zum Präzedenzfall werden - für weitere Fälle vor US-Gerichten. Dann läge die Beweislast nicht mehr bei den Erben möglicherweise entrechteter Kunsthändler oder Privatbesitzer. Dann säßen deutsche Museen auf der Anklagebank und müssten belegen, dass sie rechtmäßige Eigentümer von Kunstwerken sind, die während der NS-Zeit in ihre Bestände gekommen sind. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz macht den Anfang. Bald könnte die Pinakothek in München folgen. Gegen sie wurde bereits Klage auf Herausgabe mehrerer Bilder von Max Beckmann eingereicht. Ebenfalls in den USA.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links