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Deutschland

Streit im Leipziger Naturschutzgebiet

Im Leipziger Auwald brütet der Eisvogel - an einem Fluss, der als touristische Wasserverbindung vorgesehen ist. Um diese zu erhalten, schlägt die Stadt jetzt sogar vor, dass der Vogel umzieht.

Eisvogel im Winter (Foto: Patrick Pleul dpa/lbn/lmv)

Der Eisvogel (Alcedo Atthis)

Es ist Morgen im Leipziger Auwald. Viele Vögel sind unterwegs. Allein 21 Vogelarten, die als gefährdet gelten, finden hier ihren Lebensraum. Auwälder zählen zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen in Deutschland. Durch die Nähe zu Überschwemmungsgebieten wachsen hier wertvolle Pflanzen- und Baumbestände. Mit mehr als 6000 Hektar ist das Leipziger Auenbiotop eines der größten seiner Art in Mitteleuropa und Heimat für viele bedrohte Tiere und Pflanzen.

Doch an einem Waldbewohner scheiden sich derzeit die Geister: Am Ufer des Floßgrabens im südlichen Auwald brütet der

Eisvogel

. Eigentlich ist das ein Glücksfall für Naturfreunde, denn der scheue Vogel gilt als selten und ebenfalls gefährdet. "Den Eisvogel zu Gesicht zu bekommen ist nicht leicht", schmunzelt Holger Seidemann vom Umweltbund Ökolöwe. Und an diesem Tag soll er Recht behalten. Denn nähert man sich dem Vogel auf weniger als 30 Meter, flüchtet er flach übers Wasser und lenkt so von seinem Nest ab. "Je öfter der Vogel gestört wird, desto mehr Kraft verliert er und es kann passieren, dass er nicht genug Nahrung findet, die Jungen verhungern und er gar nicht mehr zurückkommt", warnt Seidemann.

Wassertourismus gefährdet Vögel

Leipziger Auwald (Foto: Franziska Hentsch/DW)

Der Leipziger Auwald

Doch an Ruhe ist hier nicht zu denken. Denn der Floßgraben ist im Gewässerverbund, dem derzeit wichtigsten Großprojekt der Stadt Leipzig, ein Knotenpunkt. Bis 2030 sollen 200 Kilometer Gewässerstrecke zu einem umfassenden Wassernetz ausgebaut und so die Region für Touristen noch attraktiver gemacht werden. Der 4,5 Kilometer lange Floßgraben ist dabei das Nadelöhr zwischen dem Stadtzentrum und den großen Seen im Süden, die aus ehemaligen Braunkohlegebieten entstanden. Bei schönem Wetter passieren bis zu 300 Boote am Tag den schmalen Graben.

Vom 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts transportierte man auf dem Gewässer Bau- und Brennholz. Mit Ende der Flößerei und der zunehmenden Tagebauentwicklung wurde dem Fluss Wasser entzogen, bis er schließlich durch die Industrie- und Tagebauabwässer verschlammte. Erst als das Areal für die Erschließung der gefluteten Tagebauseen als Verbindungsstück in den 1990er Jahren entschlammt wurde, konnte sich das empfindliche Biotop wieder erholen. Heute ist es Landschaftsschutzgebiet und seit 2006 auch europäisches Vogelschutzgebiet. Dass nun genau an dieser Stelle der Wassertourismus florieren soll, stieß bei den Umweltverbänden schon während der Planung auf Kritik.

Bootsverleiher kämpfen mit Verlusten

Holger Seidemann (Foto: Franziska Hentsch/DW)

Holger Seidemann

Im vergangenen Jahr kam es schließlich erstmals während der Brutzeit des Eisvogels zu einer monatelangen Sperrung des Flusses. Sehr zum Ärger der Stadt, die bereits viel Geld in den Umbau ihrer Wasserstraßen gesteckt hatte. Für den Kurs im Auwald wurden teure Schleusen gebaut, Brücken angehoben und das Flussbett befahrbar gemacht. Auch für Bootsverleiher war die Entscheidung bitter, denn sie konnten die beliebte Route nicht mehr anbieten. Für Dirk Hoffsky betrug der finanzielle Schaden mehr als 10.000 Euro. "Das ist viel Geld für meinen Geschäftsbetrieb, der nur ein halbes Jahr geht", so der Verleiher für Kanus und Paddelboote.

In diesem Frühjahr ist die Situation unverändert. Der Eisvogel brütet wieder und die Leipziger Umweltverbände forderten in einem Positionspapier die Stadt auf, endlich die strengen Naturschutzregeln umzusetzen. Nach Prüfung durch das Amt für Umweltschutz kam schließlich die Meldung: Auch in diesem Jahr ist der Floßgraben für vier Monate nur eingeschränkt befahrbar. Nur muskelbetriebene Boote dürfen für wenige Stunden den Floßgraben befahren, das Betreten des Ufers ist untersagt.

Eisvogel soll umziehen

Die Einschränkung des beliebten Kurses ist für die Stadt ein Verlust. Angela Zábojník, die Leiterin der Arbeitsgruppe Gewässerverbund, gibt sich daher wenig kompromissbereit und möchte den Floßgraben uneingeschränkt nutzen: "Ich halte den rigorosen Vorschlag von nur vier Stunden der Nutzung für nicht förderlich", sagt die Angestellte der Stadt Leipzig.

Paddler paddeln über den Floßgraben im Leipziger Auwald (Foto: Franziska Hentsch/DW)

Der Floßgraben ist bei Paddlern und Eisvögeln gleichermaßen beliebt

Für die Zukunft stützt sich die Stadtverwaltung stattdessen auf Gutachten, wonach der Lebensraumverlust des Eisvogels durch eine stärkere Bootsbefahrung tolerierbar sei - sofern im gesamten Schutzgebiet das Vorkommen der Population gewährleistet ist. Soll heißen, solange der Vogel woanders in Ruhe brüten kann, ist es nicht schlimm, wenn man ihn hier stört. Er kann ja umziehen. Laut Zábojník wurden bis zu 30 Alternativstandorte ausfindig gemacht, wo die Stadt Ufer abstechen und Lehmgrade einbauen lassen will. "Sofern der Eisvogel uns den Gefallen tut, dies auch anzunehmen, können wir den Floßgraben wieder anders nutzen."

Für dieses Jahr kommt der Vorschlag allerdings zu spät und ist auch juristisch nicht aussichtsreich. Denn die bewusste Störung des Vogels verstößt gegen europäisches Schutzrecht. Die Stadt müsste ihr Vorhaben daher erst in Brüssel genehmigen lassen. Und ob der Eisvogel, der sehr standorttreu ist, in Zukunft freiwillig die Koffer packt, ist doch eher zu bezweifeln.

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