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Netzkultur

Strafanzeige gegen Lejeune wegen Tweet

Den Unfalltod der Politikwissenschaftlerin Sylke Tempel nimmt ein Netzaktivist zum Anlass, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Ergebnis: allgemeine Entrüstung, mindestens eine Strafanzeige - und ein Rückzieher.

In seinem Twitter-Profil bezeichnet sich Martin Lejeune als Journalist und Fotograf. Und tatsächlich hat der gebürtige Hannoveraner zwischen 2007 und 2014 für durchaus respektable deutsche Medien gearbeitet, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung, aber auch die taz und die linke Tageszeitung Neues Deutschland. In den letzten Jahren fiel Lejeune dagegen vor allem durch Politaktivismus und zunehmend durch Hassbotschaften im Internet auf.

Nach dem Unfalltod der Politikwissenschaftlerin Sylke Tempel - sie war während des Sturms "Xavier" von einem Baum erschlagen worden - twitterte Lejeune: "Die Gebete der Muslime wurden erhört Der Baum ist die Strafe Gottes für Sylke Tempel'sTaten Gottes Gerechtigkeit siegt" (sic!). In weiteren Tweets bezeichnete er Tempel als "Zionistin" und die Huffington Post, die über seinen ursprünglichen Tweet berichtet hatte, als "zionistische antideutsche Lügenpresse".

Die DW hat Martin Lejeune um eine Stellungnahme gebeten und auch eine Antwort erhalten. Der Veröffentlichung eines Absatzes aus dieser Antwort, in dem er seine Angriffe auf Tempel noch verschärfte, wollte Lejeune am Ende allerdings doch nicht zustimmen. 30 Stunden nach der ersten Veröffentlichung dieses Artikels machte Lejeune - ebenfalls auf Twitter - einen Rückzieher: Er habe "unüberlegt reagiert und unwissend Worte verwendet". Er bereue seinen Tweet und entschuldige sich bei allen Betroffenen; der ursprüngliche Tweet (dokumentiert im Artikelbild) wurde gelöscht.

Auf die gezielten Provokationen folgten empörte Reaktionen. Außenminister Sigmar Gabriel blockierte Lejeune auf Twitter, was dieser wie eine Trophäe in seinem Twitterfeed postete. Der Journalist Albrecht Kolthoff erstattete Strafanzeige gegen Lejeune.

Lamya Kaddor, Vorstandsmitglied des Liberal-Islamischen Bundes e.V., schreibt auf ihrer Facebook-Seite über Lejeunes Tweet: "Ich kenne keinen einzigen Muslim, der um solch einen Tod gebetet haben soll. Widerlicher gehts nicht...dem Mann fehlt Anstand und Menschlichkeit. Aber leider nicht das erste Mal..."

Und der Bundestagsabgeordnete der Grünen Omid Nouripour wurde deutlich.

Kollegen und Auftraggeber distanzieren sich

Spätestens 2014 geriet der Journalist Lejeune in die Kritik seiner Kollegen, als er in seinem Blog über die Hinrichtung angeblicher Kollaborateure im Gazastreifen schrieb: "Dies alles ist sehr sozial abgelaufen." Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, er mache sich die Sicht der Hamas zu eigen, die als Terrororganisation eingestuft wird. Die taz bezeichnete ihn als "Ex-Reporter" und "PR-Mann des radikalen Salafistenvereins Ansaar". In der konservativen Zeitschrift Cicero beschrieb die Journalistin Petra Sorge, "wie ich auf einen Hamas-Versteher hereinfiel". Wegen Zweifeln an seiner Unabhängigkeit hatte das Deutschlandradio schon zuvor Aufträge storniert.

Anfang 2016 konvertierte Lejeune zum Islam. Im gleichen Jahr veröffentlichte er ein Video, in dem er Zweifel am Holocaust äußerte. Später löschte er das Video und entschuldigte sich beim Direktor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Die Aussage sei unbedacht gewesen und tue ihm "von ganzem Herzen schrecklich leid", teilte er mit.

Laufen für den "Reis"

Zuletzt zeigte sich Lejeune als aktivistischer Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, den er als "Reis" (arabisch für "Oberhaupt" oder "Chef") bezeichnet. Beim Berliner Halbmarathon 2017 trug Lejeune ein T-Shirt mit dem türkischen Halbmond, aus dem er den Aufdruck "#freedeniz" (Hashtag der Kampagne zur Freilassung des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel) herausgeschnitten hatte, sowie ein Plakat mit dem Porträt Erdogans. Vor der laufenden Kamera eines Gesinnungsgenossen forderte Lejeune mitlaufende Türken dazu auf, beim bevorstehenden Verfassungsreferendum in der Türkei (16. April 2017) für Erdogans Verfassungsänderungen zu stimmen.

Screenshot Youtube Video Martin Lejeune​ (youtube.com/Martin Lejeune)

"Nazimethoden! Stasimethoden!" - Martin Lejeunes YouTube-Video vom Berliner Halbmarathon 2017

Bei einem Handgemenge mit einem der Läufer erhielt Lejeune einen oder mehrere Schläge ins Gesicht; seine Brille zerbrach. Als anwesende Polizeibeamte seinen Ausweis sehen wollten, um seine Anzeige gegen den oder die mutmaßlichen Schläger aufzunehmen, schrie Lejeune "Nazimethoden! Stasimethoden!" in die Kamera - und stellte das Video zusammen mit seiner Kontonummer und einem Spendenaufruf auf YouTube. Bis jetzt (7. Oktober 2017) wurde das Video 210.440mal aufgerufen, bekam 693 Likes - und 1638 Dislikes.

Ansichten eines Trolls

Provokationen und die Stilisierung als Opfer, sei es der Staatsgewalt oder einer Verschwörung dunkler Mächte, sind in den Sozialen Medien Kennzeichen eines "Trolls". Wikipedia schreibt über Trolle im Netz, sie seien Menschen, "die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränken, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen." Und weiter: "Mittlerweile gibt es im Internet auch professionelle Trollaktivitäten mit dem Ziel, Propaganda/Werbung für den jeweiligen Auftraggeber zu betreiben."

In ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016 sagte die Schriftstellerin Carolin Emcke über Dogmatiker, die "Populisten und Fanatiker der Reinheit": "Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden."

Auf Martin Lejeune angewendet, ergeben diese Definitionen der im Netz beheimateten Enzyklopädie und der im Netz versierten Autorin den einen oder anderen Sinn.

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