Stilist und Poet: zum Tode von Alain Resnais | Kultur | DW | 02.03.2014
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Kultur

Stilist und Poet: zum Tode von Alain Resnais

Der französische Regisseur schrieb Filmgeschichte, vor allem in den Jahren um 1960. Aufsehen erregte er aber schon früher: mit einem Film über die Nazi-Greuel. Auf dem Regiestuhl saß er bis kurz vor seinem Tod.

Wollte man das Werk des jetzt verstorbenen französischen Filmregisseurs auf seine künstlerischen Höhepunkte reduzieren, so käme man auf drei Phasen. Während der ersten stand Resnais Mitte der 1950er Jahre im Fokus der Weltöffentlichkeit, weil er mit seinem halbstündigen Dokumentarfilm "Nacht und Nebel" über die Greueltaten der Nationalsozialisten viele Zuschauer und auch Politiker schockierte.

Ein paar Jahre später wurde er zu einem Wegbereiter der Nouvelle Vague, jener Bewegung des französischen Kinos, die für eine künstlerische Revolution innerhalb des europäischen Films sorgte. Dann begeisterte Resnais Kritik und Publikum noch einmal, schon im fortgeschrittenen Alter, ab Mitte der 1980er Jahre, mit seinen eleganten und experimentierfreudigen Spielfilmen.

Produzent Jean-Louis Livi (l) und Schauspieler Andre Dussollier nehmen den Silbernen Bären für Resnais in Empfang (Foto: dpa)

Produzent Livi (l) und Schauspieler Dussollier nehmen den Silbernen Bären für Resnais entgegen

Noch vor zwei Wochen lief im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele sein letztes Werk "Aimer, Boire et Chanter". Die Berlinale-Jury verlieh Resnais zum Abschluss des Festivals einen Silbernen Bären, den Alfred Bauer-Preis, der speziell für innovative Leistungen vergeben wird. Die Auszeichnung konnte Resnais nicht mehr persönlich entgegennehmen. Dass ein Regisseur mit 91 Jahren einen Preis für innovatives Kino bekommt, ist bemerkenswert, weist aber auf die große Wertschätzung hin, die dem Franzosen bis zuletzt entgegengebracht wurde.

Ein Intellektueller des Kinos

Resnais war sicher einer der ganz Großen des Kinos. Dass sein Namen trotzdem nicht ganz so bekannt war wie der seiner prominenten Mitstreiter der Nouvelle Vague, Godard, Truffaut und Chabrol, hat einen Grund. Resnais war immer ein Intellektueller des Kinos. Seine Arbeiten glichen oft filmischen Gedankenexperimenten - auf Zelluloid gebrachte philosophische Extrakte. Dabei waren sie auch von großer Sinnlichkeit und Eleganz. Nur eben nicht ganz so eingängig wie die bürgerlichen Trauerspiele eines Claude Chabrol oder die wehmütigen Liebesgeschichten eines François Truffaut.

Resnais (Mitte) bei den Filmfestspielen in Cannes 2012 (Foto: ap)

Resnais (Mitte) bei den Filmfestspielen in Cannes 2012

1922 in Vannes in der Bretagne geborenen, verließ Resnais aufgrund seiner Asthma-Erkrankung nach der vierten Klasse die Schule. Er wurde fortan von seiner Mutter unterrichtet. Die legte besonderes Augenmerk auf seine musische Erziehung. Das sollte sich später in seinem Werk niederschlagen. Der junge Mann pflegte schon früh ein breit gestreutes Interesse. Er las ebenso intensiv Marcel Proust wie die großen Comics. Auf beides sollte man später immer wieder treffen in seinen Filmen.

Aufnahmen aus Auschwitz

Zunächst wollte er Schauspieler werden. Er ging zum Theater, studierte dann aber Film, ohne dass er das Studium zu Ende brachte. Nach einigen Regieassistenzen realisierte er ab 1946 kürzere Dokumentationen, aber auch Werbefilme. 1955 dann der Paukenschlag: "Nacht und Nebel" behandelte die so genannten Nacht-und-Nebel-Aktionen der Nazis, bei denen des Widerstandes verdächtige Personen in Konzentrationslager deportiert wurden. Aufsehen erregte der Film vor allem, weil er Dokumentaraufnahmen von der Befreiung des Lagers in Auschwitz nutzte.

Als er bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt werden sollte, regt sich von deutscher, aber auch von französischer Seite Protest. Die Festspiele sollten - so das damalige Verständnis - zur Völkerverständigung beitragen. Ein Film, der das Grauen der Konzentrationslager ungeschminkt zeigte, irritierte viele. Die Leitung von Cannes zog den Film zurück. Doch das sorgte dann erst Recht für Proteste. Schließlich wurde "Nacht und Nebel" außer Konkurrenz gezeigt. In der Bundesrepublik beschäftigte der Film sogar den Bundestag. Letztendlich kann man sagen: durch die scharfen Auseinandersetzungen um "Nacht und Nebel" wurde der Film erst richtig bekannt. Für viele Zuschauer war es die erste Begegnung mit dem wahren Ausmaß der Nazi-Verbrechen.

Drei Jahrhundertwerke

Szene aus dem Film Letztes Jahr in Marienbad (Foto: picture alliance)

Szene aus dem Film "Letztes Jahr in Marienbad"

Dann wandte sich Resnais der Kunst zu. Mit seinen drei Filmen "Hiroshima, mon Amour", "Letztes Jahr in Marienbad" und "Muriel oder die Zeit der Wiederkehr", die in den Jahren 1958 bis 1963 entstanden, erlangte der Regisseur Weltruhm. Es waren hochartifizielle, filmische Konstrukte mit einer ausgeklügelten Bildsprache und einer ungemein modernen Erzählweise. Das lag auch an den literarischen Vorlagen, die Resnais nutze. Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet und Jean Cayrol schrieben die Vorlagen. Der damals ebenso berühmte wie anspruchsvolle französische Stil des "Nouveau Roman" hatte in Alain Resnais ihren perfekten filmischen Wegbegleiter gefunden.

Verspieltes Spätwerk

Resnais war Individualist durch und durch, ein vollkommen unabhängiger Geist. Das merkte man auch seinem Spätwerk an, das 1986 mit dem Film "Melo" begann und nun mit seinem letzten Film, der bei der Berlinale Premiere feierte, sein Ende fand. Oft mit den gleichen Schauspielern besetzt, waren Werke wie "Smoking/Non Smoking" oder "Das Leben ist ein Chanson" elegante filmische Versuchsanordnungen. Manchmal auf intelligente Art und Weise theaterhaft, manchmal verspielt und verschnörkelt. Immer aber geprägt von einer großen Neugier auf Erzählweisen und Blicke auf die Welt und die Menschen, die diese bevölkern. Alain Resnais, der jetzt mit 91 Jahren gestorben ist, war sicherlich einer der intelligentesten und aufgewecktesten Regisseure der Kinogeschichte.

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