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Aktuell Deutschland

Staatlich finanziertes Doping auch in Westdeutschland

Nicht nur in der ehemaligen DDR gab es systematisches Doping, sondern auch in Westdeutschland. Und das offenbar staatlich finanziert, wie die "Süddeutsche Zeitung" mit Verweis auf eine Studie berichtet.

Die westdeutsche Doping-Vergangenheit während des so genannten Kalten Krieges sorgt weiter für Zündstoff. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtete am Samstag mit Verweis auf die bislang unveröffentlichte Studie "Doping in Deutschland 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation" der Humboldt-Universität (HU) Berlin über neue Anzeichen für organisiertes Doping und entsprechende Rückendeckung durch staatliche Stellen.

Systematisches Doping

Die Forschergruppe der HU zeigt laut SZ, der nach eigenen Angaben eine Version der 800 Seiten umfassenden Studie aus dem vergangenen Jahr vorliegt, dass "im westdeutschen Sport in einem erschreckenden Umfang und mit einer kaum glaublichen Systematik gedopt" worden ist. Das Blatt sieht die Systematik durch mehrere Details der dreijährigen Studie als erwiesen an.

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Doping in der BRD: Wie groß war das Außmaß?

Demnach zeigten die Berliner Forscher insbesondere auf, dass in mehreren Fällen Anabolika auch Minderjährigen zwischen 11 und 17 Jahren verabreicht wurden. Zudem sollen Mitglieder der Bundesregierung vor den Olympischen Spielen 1972 in München zur Verbesserung der Medaillenbilanz Druck auf Sportmediziner ausgeübt haben. Westdeutsche Sport-Dachorganisationen hätten darüber hinaus Kritiker kalt gestellt sowie auch die Einführung effektiverer Trainingskontrollen auf nationaler Ebene teils mit fadenscheinigen Argumenten zumindest verschleppt und damit die Enttarnung westdeutscher Dopingsünder zu verhindern versucht.

Wie die SZ weiter berichtet, erhielt das dem Bundesinnenministerium unterstellte Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) mit Beginn der 70er Jahre über einen längeren Zeitraum insgesamt zehn Millionen Mark (rund fünf Millionen Euro) - vordergründig um zu nachzuweisen, das bestimmte Stoffe gar nicht leistungsfördernd sind. Doch wenn sich dann herausstellte, dass diese doch eine leistungsfördernde Wirkungen haben, hätten die Experten den Wirkstoff ungeachtet möglicher Gesundheitsrisiken auch schnell zum Einsatz gebracht.

Peter-Michael Kolbe mit umgehängter Goldmedaille in seinem Einer-Boot 1986 (Foto:dpa)

Peter Michael Kolbe mit Goldmedaille 1986 bei den Ruder-Weltmeisterschaften im englischen Nottingham: Nach ihm wurde eine Dopingspritze benannt

Mehr als 1000 Kolbe-Spritzen

Die Studie weist auch auf den 1200-maligen Einsatz einer nach dem damaligen Ruder-Star Peter-Michael Kolbe (Artikelbild) benannten Spritze bei deutschen Athleten während der Olympischen Spiele 1976 in Montreal hin. Allerdings hätten die benutzten und noch nicht abschließend erforschten Wirkstoffe auch nicht auf der Verbotsliste gestanden.

Die Ergebnisse der 2008 vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Auftrag gegebenen und 550.000 Euro teuren Studie "Doping in Deutschland", aus der auch die schon bekannt gewesenen Ephedrin-Vorwürfe gegen drei deutsche Fußball-Nationalspieler aus dem Kader bei der WM 1966 in England stammen, sind immer noch nicht veröffentlicht. Das BISp macht dafür datenschutzrechtliche Probleme verantwortlich. Die beteiligten Wissenschaftler widersprechen dieser Aussage.

"Studie freigeben"

Die neuen Details der Studie riefen prompt die Opposition auf den Plan. "Es ist ein erheblicher Vorwurf, dass mit Geldern des Innenministeriums über Jahrzehnte Doping gezielt und systematisch gefördert worden sein soll", sagte Thomas Oppermann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. "Ich will wissen, was da dran ist. Innenminister Friedrich muss die Studie endlich freigeben. Doping ist kein Kavaliersdelikt, sondern zerstört die Grundwerte des Sports. Mein Eindruck ist, Innenminister Friedrich will die unrühmliche Rolle des Innenministeriums bei der Förderung des Doping vertuschen", so Oppermann.

Der Sporthistoriker Erik Eggers, der an der Studie beteiligt war, erhob in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" derweil schwere Vorwürfe gegen BISp und das übergeordnete Innenministerium: "Wir wissen inzwischen, dass das BISp noch im Jahr 1977 empfahl, anabole Steroide im Leistungssport anzuwenden, also drei Jahre nach dem Verbot der Anabolikaeinnahme durch das Internationale Olympische Komitee", schrieb Eggers. Das Innenministerium "scherte sich nicht um Recht und Ethik im Sport."

re/det (dpa, afp, sid)

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