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Asien

"Sri Lankas Regierung will Tamilen internieren"

Erst vor wenigen Tagen ist der Medico-International-Mitarbeiter Thomas Seibert aus Sri Lanka zurückgekehrt. Im Interview mit DW-WORLD.DE schildert er seine Erfahrungen aus dem bürgerkriegsgebeutelten Land.

Tamilische Flüchtlingskinder in einem Lager (Foto: AP)

Tamilische Flüchtlingskinder in einem Lager im Kampfgebiet

DW-WORLD.DE: Was haben Sie bei Ihrer Reise über die Situation der tamilischen Flüchtlinge erfahren können?

Wichtig ist vor allem die Frage, von wem ich meine Informationen bezogen habe. Wir haben Kontakt zu Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, die in Sri Lanka quasi zwischen den Fronten operieren. Im Wesentlichen waren es ihre Zeugnisse, auf die ich mich stützen konnte - abgesehen von dem, was ich selbst gesehen und gehört habe.

Was haben Sie persönlich erlebt?

Das eindringlichste Erlebnis hatte ich nahe der Kampfzone an der Nordostküste. Das eigentliche Kampfgebiet darf ja nicht betreten werden. Aber trotzdem konnte ich von meinem Standort aus die ganze Nacht Schüsse hören, abgefeuert von der Armee. Die Regierung behauptet ja immer, sie würde die Zivilisten schützen, aber das trifft in keiner Weise zu. Die Truppen haben das kleine Gebiet von 15 Quadratkilometern über Stunden hinweg pausenlos mit Geschützdonner belegt.

Die Regierung in Colombo behauptet ja, Zivilflüchtlinge hätten von der Armee nichts zu befürchten, wenn sie sich ergeben. Aber wieso sollten sich Zivilpersonen überhaupt ergeben? Sie gehören ja schließlich nicht alle zur Rebellenorganisation der Befreiungstiger (LTTE).

Das ist eine grundlegende Problematik. Man muss wissen, dass die LTTE im Norden bis vor kurzem so etwas wie einen Quasi-Staat errichtet hatte, und dass sie dort in der Vergangenheit natürlich flächendeckend Rekrutierungen vorgenommen hat. Das heißt fast jede Familie im Norden Sri Lankas hat einen Angehörigen in den Diensten der LTTE gehabt. Logischerweise sind in den Familien, die jetzt fliehen, auch Menschen aus den Reihen der LTTE. Genau darauf beruft sich die Regierung jetzt auch, deswegen nimmt sie in allen Flüchtlingslagern systematische Untersuchungen vor. Das Problem ist, wie diese Untersuchungen durchgeführt werden. Es handelt sich um extrem brutale Verhöre, denen im Grunde jeder fliehende Zivilist unterworfen wird. Es kommt dort auch zu Folterungen, zu sofortigen Erschießungen und regelmäßig zu Vergewaltigungen.

Die LTTE hat sich in den langen Jahren des Bürgerkrieges auch sehr grausam gegenüber der Zivilbevölkerung gezeigt, es wurden beispielsweise Kindersoldaten zum Kampf gezwungen und Terror verbreitet. Wie haben Sie es auf Ihrer Reise erlebt - wie groß ist die Sympathie für die LTTE noch?

Es ist so: wenn Sie mit den Menschen näher ins Gespräch kommen, dann hören Sie immer auch Klagen über die LTTE, zum Beispiel über die Rekrutierungen. Auf der anderen Seite herrscht bei vielen aber auch klammheimliche Freude über gelungene miltärische Operationen der LTTE. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass die Tamilen auf Sri Lanka in der LTTE tatsächlich so etwas wie ihre Verteidigungsstreitkraft sehen. Insofern gibt es da Unterstützung. Es sind einfach so viele Familienschicksale mit der LTTE verflochten.

Es gibt Berichte über große Flüchtlingslager am Rande der Kampfgebiete: Lager, in denen offensichtlich auch gefoltert wird, Lager, die eher aussehen wie Gefängnisse als Orte, an denen Menschen geholfen wird.

Ja, es gibt tatsächlich Pläne, die ganz offensichtlich darauf hinauslaufen, weite Teile der tamilischen Bevölkerung im Norden dauerhaft in großen Lagern - sogenannten "welfare camps" - zu internieren. In zwei neuen Großlagern wird das auch schon ansatzweise so praktiziert. Es handelt sich dabei im Grunde um kleine Ortschaften, die extra gebaut werden. Dort gibt es Geschäfte, es sind Jobmöglichkeiten zum Beispiel in der Feld- und Gartenwirtschaft geplant, gleichzeitig aber sind es Räumlichkeiten, die auf dem Reißbrett entworfen sind. Und das alles mit dem Zweck einer fortlaufenden polizeilich-militärischen Überwachung. Man kennt solche Einrichtungen beispielsweise aus Guatemala in den 80er Jahren, damals wurde die Indio-Bevölkerung von der Militärdiktatur in dieser Art und Weise interniert. Die Hoffnungen der Menschenrechtsaktivisten ruhen jetzt darauf, dass die Regierung in Colombo aufgrund des drohenden Bankrotts gar nicht die finanziellen Mittel haben wird, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Das Gepräch führte Nicola Reyk
Redaktion: Esther Broders

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