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Europa

Srebrenica wirkt bis heute nach

Zehn Jahre nach dem Massaker serbischer Einheiten an bosnischen Männern gedenken in Srebrenica tausende Menschen der Opfer. Die Ereignisse am 11. Juli 1995 mitten in Europa waren ein Schock.

epa02819331 A Bosnian Muslim family share their grief at one of the caskets at the Potocari Memorial Center, during the funeral in Srebrenica, Bosnia and Herzegovina, 11 July 2011, where 613 newly-identified Bosnian Muslims were buried. The burial was part of a memorial ceremony to mark the 16th anniversary of the Srebrenica massacre, considered the worst atrocity of Bosnia's 1992-95 war. More than 8,000 Muslim men and boys were executed in the 1995 killing spree after Bosnian Serb forces overran the town. EPA/FEHIM DEMIR

Bosnien Herzegowina Jahrestag Gedenken an Massaker von Srebrenica

"Es gibt keinen Grund zur Sorge. Ab jetzt steht diese Stadt unter dem Schutz der UN." - Mit diesen Worten wandte sich der französische General Phillipe Morillon im März 1993 an die Bürger von Srebrenica. Im Winter jenes Jahres befanden sich dort etwa 40.000 Menschen - Bürger von Srebrenica und Flüchtlinge, die in dieser Stadt Zuflucht gesucht hatten. Sie kamen aus den benachbarten Dörfern und Städten, die nach und nach an die übermächtige Armee der Republika Srpska gefallen waren.

Schutzzone ohne Schutz

1993 hatte der Weltsicherheitsrat die Stadt zu einer Schutzzone erklärt. Fast alle Angehörigen der Armee von Bosnien und Herzegowina, die sich noch in dieser Stadt aufhielten, wurden entwaffnet und ein Blauhelm-Bataillon übernahm die Verantwortung für die Sicherheit der Einwohner.

Dennoch geriet die Stadt in den Tagen und Monaten danach an den Rand einer Katastrophe. UN-Hilfskonvois nach Srebrenica kehrten häufig unverrichteter Dinge wieder heim, weil die Armee der Republika Srpska sie nicht in die belagerte Stadt ließ. In der Stadt selbst blühte der Schwarzhandel mit Nahrungsmitteln auf und 1995 herrschte eine schwere Hungersnot.

Mladic gab Schießbefehl

Die Armee der bosnischen Serben verstärkte im Juni 1995 die Umzingelung der Stadt und bombardierte dabei UN-Beobachtungsposten, was dazu führte, dass die holländischen Soldaten sich in den Innenbereich der UN-Schutzzone zurückzogen. Der offene Angriff auf die Stadt begann mit der Bombardierung der gesamten Schutzzone am 6. Juli. Der Abhördienst der bosnischen Armee konnte einen Befehl aufzeichnen, den General Ratko Mladic per verschlüsselte Funkverbindung abgab: "Schießt nur auf die Lebenden, nur auf die Lebenden! Sie haben keine Waffen. Sie haben nur die eine oder andere Panzerfaust. Sie haben normale Gewehre und das ist alles."

Holland verlangte Hilfe und Luftangriffe der NATO. Aber die Bitte wurde abgeschlagen. Im UN-Stab herrschte offenbar noch der Glaube, dass Mladic nicht die Absicht hat, die Stadt einzunehmen. Der französische General Janvier blockiert auch in den kommenden Tagen den Befehl für Luftangriffe. Erst am 11. Juli gibt es kurze und erfolglose Luftangriffe der NATO.

Am selben Tag fällt die Stadt. Der UN-Sonderbeauftragte Yasushi Akashi erklärt um 16.30 Uhr, dass serbische Kräfte Srebrenica eingenommen hätten, inklusive der holländischen Militärbasis.

Blauhelme versagten

Etwa zwei Drittel der ungefähr 40.000 Menschen aus Srebrenica zogen sich in die UN-Basis in Potocari zurück, in der Hoffnung auf Schutz durch die Blauhelme. Etwas mehr als 10.000 Menschen, davon die meisten Männer, versuchten sich durch die Wälder nach Tuzla durchzuschlagen. Nur etwa die Hälfte von ihnen kam dort an.

In Potocari selbst halfen die holländischen Soldaten, den bosnischen Serben dabei, Frauen von Männern zu trennen. Fatima, eine überlebende Bürgerin von Srebrenica sagt, dass die holländischen Soldaten sich bewusst waren, was geschehen würde: "Es hat mich überrascht, dass sie nichts getan haben, dass sie uns in die Hände derer gegeben haben, die uns schon von Anfang an umbringen wollten, und die Srebrenica ethnisch rein machen wollten," sagte sie später.

Wenigen gelang die Flucht

Es folgte der organisierte Mord an den verhafteten Männern, unter denen sich auch kleine Kinder und Alte befanden. Die Gefangenen wurden in Stadien, Schulen und Industrie-Hallen aufgeteilt, von wo sie zur Erschießung geführt wurden. Nur wenige, wie Kadir Habibovic, konnten später davon berichten, was mit jenen geschah, die in Lastwagen weggebracht wurden: "Ich habe nur kurze Schüsse gehört. Ich habe gesehen, dass der Mann gefallen war, und dass die Schüsse ihm gegolten hatten. Der nächste wurde wieder von dreien erschossen. In diesem Moment ist es mir gelungen, die Fesseln an meinen Händen zu lösen. Als sie die zwei erschossen haben, ist es mir gelungen, vom Lastwagen zu fliehen."

Was bleibt, sind Massengräber

Für das, was sich in diesen Juli-Tagen abgespielt hat, war eine umfassende logistische Vorbereitung nötig. Busse zum Abtransport der Gefangenen mussten beschafft werden. Bagger zum Ausheben der Massengräber wurden beschafft und Lastkraftwagen, um den Inhalt dieser Gräber später mehrmals an anderen Orten neu zu verscharren und dadurch die Spuren des Massenmordes zu verwischen.

Die Spuren des Massakers waren aber für US-Aufklärungsflugzeuge durchaus zu erkennen. Forensische Expertengruppen haben seitdem über 40 Massengräber anhand dieser Luftaufnahmen identifiziert und die Überreste von über 7000 Menschen gefunden, sagt der Leiter der staatlichen Vermisstenkommission Amor Masovic: "Von diesen 7000 Leichen haben wir bislang die Identität von mehr als 3000 feststellen können."

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Die Hauptangeklagten für das Massaker von Srebrenica, Radovan Karadzic und Mladic sind noch immer in Freiheit. Mladic dankte dem Offizier, der ihm die Besetzung der Stadt durch serbische Einheiten gemeldet hatte, mit den Worten: "Ich sorge dafür, dass du in die Annalen der Geschichte eingehst, Herr Oberst. ... Danke, Chef."

Das Gespräch haben auch andere aufgezeichnet. Die Tonaufnahme und andere Beweise liegen dem Haager Kriegsverbrechertribunal vor. Ein Massaker wie in Srebrenica war mitten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für möglich gehalten worden und wirkte wie ein Schock auf die internationale Staatengemeinschaft.

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