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Fokus Osteuropa

Eine Stadt in Lethargie: Srebrenica zehn Jahre danach

Vor zehn Jahren nahmen serbische Truppen die unter UN-Schutz stehende Enklave Srebrenica ein und töteten tausende Zivilisten. Heute ist die Gegend noch immer von diesem Ereignis gezeichnet. Ein Besuch.

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Damals wie heute: Die Überlebenden beweinen die Toten (Archiv, 2001)

Osmace war das größte Dorf in der Gemeinde Srebrenica. Es umfasste mehr als dreihundert Häuser und etwa 2.000 Einwohner, so erinnern sich die Zurückgekehrten. Auf einer Hochebene liegen die Weiler des Ortes weit verstreut von einander, etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt. Das Dorf sieht gespenstisch aus: Überall sind Ruinen. Dennoch leben hier Menschen. Die Wasserleitung wurde erneuert, es gibt Strom, die Straße wurde hergerichtet und auch 20 Häuser wurden wieder aufgebaut. Bislang gibt es allerdings kein Geld für den Wiederaufbau der Schule, die wenigen Kinder des Ortes fahren nach Srebrenica.

Allein gelassen

Einer der Rückkehrer ist Ibrahim Buric: "Ich erinnere mich an früher, aber ich sehe auch, wie man hier heute lebt. Im Vergleich zu früher ganz schlecht. Aber ich bin wieder zurückgekommen, damit ich hier sterben kann, so wie ich will. Mir hat es in der Fremde gelangt, ich habe es nicht mehr ausgehalten. Aber hier fühlt man sich verlassen, es gibt nichts mehr von dem, was war. Wir wurden alleine gelassen. Auch mit den Spenden für den Aufbau der Häuser. Es gibt ja kaum noch Spenden. Es gäbe wohl Leute, die die Häuser wieder aufbauen würden, aber es gibt keine Mittel dafür."

Geld für Wiederaufbau fehlt

Rejha Jahic musste zurückkehren, obwohl ihr Haus noch nicht wieder aufgebaut war. Ihre Söhne wurden im Juli 1995 ermordet. Sie erzählt: "Ich bin vor langer Zeit zurückgekehrt. Ich stand mit dem Rücken an der Wand. Wie man sieht, ist mein Haus zerstört, bis auf die Grundmauern. Der Stall ist zerstört. Kinder habe ich nicht mehr. Ich lebe hier alleine - meine drei Söhne sind nicht zurückgekehrt. Mein Mann ist gestorben, und nun habe ich noch eine Schwiegertochter und einen Enkel."

Alle bosnisch-muslimischen und serbischen Dörfer um Srebrenica wurden während des Krieges verlassen. Mehr als 6.000 Häuser wurden zerstört. Bislang wurden etwa 1.500 wieder aufgebaut. Dafür braucht die Stadt viel Geld, sagt Sadik Ahmetovic, der bis vor kurzem Bürgermeister war: "Für diesen Prozess brauchen wir etwa 85 Millionen Mark. Wir müssen jedes Jahr etwa 900 Häuser wieder aufbauen."

Demographischer Kollaps

Nach ungefähren Schätzungen leben auf den etwa 540 Quadratkilometern der Gemeinde Srebrenica heutzutage zwischen 5.000 und 7.000 Menschen. Vor dem Krieg waren es 37.000. Srebrenica erlebt einen demographischen Kollaps: Viele wandern ab - aus wirtschaftlichen Gründen, denn es mangelt an Arbeitsplätzen. Die einstige Wirtschaftskraft der Stadt gründete auf Bergbau und Kur-Tourismus - durch Krieg und gescheiterte Privatisierung ist vieles zerrüttet. Es herrscht Lethargie. Die Menschen sind schlecht informiert und nicht in der Lage oder Willens, sich selbst dort eine Zukunft aufzubauen. Der jetzige Bürgermeister Abdurrahman Malkic sagt: "Gerade in Srebrenica ist es schwer zu leben. In Srebrenica leben nur noch die, die hier einfach leben müssen und nirgendwo anders hingehen können."

Malkic selbst hält sich zwar die meiste Zeit in Srebrenica auf, lebt aber mit seiner Familie in Sarajevo. Und das ist keine Seltenheit: Auch der Gemeinderatsvorsitzende Radomir Pavlovic wohnt nicht in Srebrenica, sondern im benachbarten Serbien. Von den 27 Gemeinderatsabgeordneten leben 20 in anderen Städten.

Marinko Sekulic
DW-RADIO/Bosnisch, 5.7.2005, Fokus Ost-Südost

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