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Bosnienkrieg

Srebrenica: Vergangenheit, die nicht vergeht

Im Juli 1995 stürmen bosnisch-serbische Truppen die UN-Schutzzone um Srebrenica. Die niederländischen Blauhelme ergeben sich kampflos. 8000 Bosniaken werden getötet. Die "Mütter von Srebrenica" suchen Gerechtigkeit.

Der Name Srebrenica steht für das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Juli 1995 überfielen bosnisch-serbische Einheiten die ostbosnische Kleinstadt und töteten etwa 8000 bosnisch-muslimische Jungen und Männer.

Seit Beginn des Bosnienkrieges (1992 – 1995) war die Region Ostbosnien, zu der auch die Stadt Srebrenica gehört, heftig umkämpft. Obwohl in der Gemeinde nahe der Grenze zu Serbien die Bevölkerung zu drei Vierteln aus bosnischen Muslimen (Bosniaken) bestand, versuchten die Truppen der bosnischen Serben unter dem Kommando des Generals Ratko Mladic, die Gegend unter ihre Kontrolle zu bringen. Man wollte durch die sogenannte "ethnische Säuberung" Muslime vertreiben und Serben zur Mehrheitsbevölkerung machen.

Erstürmung der Schutzzone

Als nach mehreren militärischen Auseinandersetzungen die Führung der bosnisch-serbischen Truppen angekündigte, binnen weniger Tage die Enklave Srebrenica massiv angreifen und einnehmen zu wollen, errichtete die UN auf Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrates, dort eine Schutzzone. Sie umfasste die Stadt Srebrenica und die umliegende Region. Für den militärischen Schutz waren vor allem die Blauhelm-Soldaten des niederländischen Bataillons "Dutchbat" zuständig. Allerdings war diese Truppe eher klein und nur schlecht bewaffnet: am Anfang waren es 600 Soldaten, zum Schluss nur noch gut 400, und sie hatten überwiegend leichte Waffen für die Selbstverteidigung.

Gericht weist Klage gegen Niederlande wegen Srebrenica ab (picture-alliance/dpa)

Kein Schutz in der UN-Schutzzone: Bosniaken in Potocari bei Srebrenica

Als Anfang Juli 1995 serbische Einheiten die UN-Schutzzone angriffen, forderte Thomas Karremens, der niederländische Kommandant der Blauhelme, NATO-Luftunterstützung, die allerdings ausblieb. Am 11. Juli marschierten bosnisch-serbische Truppen in die Schutzzone und in die Stadt Srebrenica ein, wobei die holländischen Soldaten ihnen widerstandslos alle Beobachtungsposten und Sperranlagen überließen.

Im benachbarten Ort Potocari, immer noch in der Schutzzone, versammelten sich 20.000 bis 25.000 Bosniaken, in der Hoffnung, dort Zuflucht vor anrückenden serbischen Truppen und den Schutz der Blauhelme zu bekommen. Mehrere Tausend schafften es sogar auf das Militärgelände.

Ausgeliefert an die Mörder

Schon in Potocari, direkt vor den Augen der niederländischen Soldaten, begannen Serben die bosniakischen Jungen und Männer von den Frauen und Alten zu trennen. Während die Frauen mit Bussen auf das von Bosniaken kontrollierte Gebiet gebracht wurden, führte man etwa 8000 Männer ab und brachte sie in Massenhinrichtungen in den umliegenden verlassenen Fabrikgeländen oder Wäldern um. Sie wurden alle in Massengräbern verscharrt. Einige davon sind immer noch unentdeckt. Dies wurde vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Völkermord bezeichnet.

Ratko Mladic, der bosnisch-serbische Militärgeneral mit Ton Karremans (AP)

Kurz vor dem Völkermord: Der bosnisch-serbische General Ratko Mladic (l) mit dem holländischen Kommandanten Ton Karremans (2. v. r)

Besonders belastend für die Dutchbat-Soldaten: sie halfen bei der Deportation von mehr als 300 muslimischen Jungen und Männern, die sich vor den Serben auf das holländische Militärgelände geflüchtet hatten. Sie wurden auch alle umgebracht.

Mitverantwortung des Dutchbats

Wegen dieser Deportation zogen die "Mütter von Srebrenica" vor Gericht. In der Vereinigung haben sich etwa 6000 Frauen zusammengeschlossen, überwiegend Angehörige der Ermordeten. Im April 2014 reichten sie eine Klage beim Zivilgericht in Den Haag ein. Die "Mütter von Srebrenica" vertreten die Ansicht, dass die damalige holländische Regierung den Blauhelm-Soldaten befohlen hatte, vorrangig sich selbst in Sicherheit zu bringen und nicht die Flüchtlinge zu schützen. Außerdem hätten die Soldaten den Serben ihre Waffen übergeben und bei Deportationen assistiert. Der Anwalt der Angehörigen, Marco Gerritsen, erklärte vor Gericht: "Sie haben den Mord an tausenden Zivilisten nicht verhindert."

Kurze Zeit später gab das Gericht den Klägerinnen teilweise Recht: Die Männer hätten den serbischen Einheiten nicht ausgeliefert werden dürfen, die Niederlande trügen Mitschuld am Tod der am Nachmittag des 13. Juli 1995 aus dem Lager der niederländischen Blauhelme in Potocari deportierten Männer, urteilten die Richter in Den Haag.

Srebrenica Gerichtsprozess in Den Haag 07.04.2014 Klägerinnen (picture-alliance/dpa)

Wollen Gerechtigkeit: Mütter von Srebrenica vor dem Gericht in Den Haag (April 2014)

Allerdings waren die "Mütter von Srebrenica" damit nicht zufrieden: sie sahen eine umfassendere Verantwortung des niederländischen Staates für den Völkermord in Srebrenica. Sie wollten, dass das Gericht feststellt, dass die Niederlande für das Massaker als solches haften sollen. Eine der Klägerinnen sagte, es habe nun Gerechtigkeit für eine Gruppe gegeben, "aber wie soll man Müttern erklären, dass die Niederländer für den Tod der Söhne auf der einen Zaunseite verantwortlich sind, nicht aber für die ermordeten Söhne auf der anderen Seite des Zauns?" Deswegen gingen sie in die Berufung.

Lange Suche nach Gerechtigkeit

Die "Mütter von Srebrenica" wollen nach eigenen Angaben durch die Klage Gerechtigkeit erreichen - und Schadensersatz. "Natürlich werden wir durch diesen Prozess unsere Söhne und Männer nicht zurückbekommen", sagte Hatidza Mehmedovic, eine der angereisten Klägerinnen. "Aber er kann ein bisschen Gerechtigkeit bringen."

Den Haag Kriegsverbrechertribunal Mladic Niederlande Serbien (AP)

Wartet auf das Urteil: Ratko Mladic vor Gericht in Den Haag

Die Anwälte der Niederlande wiesen die Vorwürfe zurück. Die damalige Militär-Einheit Dutchbat stand demnach unter dem Befehl der Vereinten Nationen. Die Blauhelme hätten keine andere Wahl gehabt, als sich zu ergeben.

Ex-General Ratko Mladic und auch der ehemalige Serbenführer Radovan Karadzic müssen sich derzeit vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag für Völkermord im ehemaligen Jugoslawien verantworten.

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