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Fokus Osteuropa

Srebrenica/Bratunac oder die Instrumentalisierung der Opfer

Am 11. Juli jährte sich das Srebrenica-Massaker. Nur bosnische Muslime nahmen an der Gedenkfeier teil. Die serbische politische Spitze blieb fern. Nur 5 Kilometer weiter gedachte sie tags darauf serbischer Kriegsopfer.

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Bei der Gedenkfeier zum 11. Jahrestag des Srebrenica-Massakers war kein Vertreter aus der politischen Spitze der Republika Srpska vertreten. Auch dieses Jahr wurden in der Gedenkstätte Potocari weitere 505 neuidentifizierte Opfer von schätzungsweise 8.000 bosnischen Muslimen beigesetzt. Für die Politiker aus der Republika Srpska war dies kein ausreichender Anlass, um Präsenz zu zeigen. Doch nur tags darauf fand sich die Staatsspitze der Serbenrepublik in dem Nachbarort Bratunac ein – um etwa hundert serbischer Zivilisten zu gedenken, die Opfer der bosniakischen Streitkräfte wurden. An dieser Gedenkfeier nahmen wiederum nicht die Politiker aus der Föderation teil. Dies zeigt auch heute noch, wie mit den Opfern des Bosnien-Krieges umgegangen wird.

Opfer zwischen den Fronten

Einer der Überlebenden des Srebrenica-Massakers, der Journalist Emir Suljagic, sagt, unter der politischen Führungselite in Bosnien-Herzegowina herrsche förmlich ein Wettbewerb, wer mehr Leichen beerdigen würde. Er erklärte wörtlich: "Ein Teil des Landes zieht Srebrenica hervor, wann er dies für opportun hält, so auch in diesem Wahljahr – dabei meine ich die Föderation. Ein anderer Teil des Landes versucht blindlings Srebrenica zu ignorieren, einen neuen Mythos zu schaffen und zu pflegen, der die Intensität, Brutalität und selbst den Umfang der in Srebrenica im Juli 1995 begangenen Verbrechen rechtfertigt oder begründet."

Der militärpolitische Analyst Gostimir Popovic aus Banja Luka, hat Verständnis für die Politiker aus der Republika Srpska, wenn sie nicht am Jahrestag des Srebrenica-Massakers teilnehmen. "Das war keine Pietätlosigkeit gegenüber den Opfern, ihnen gebührt selbstverständlich Achtung und Rücksichtnahme. Zugrunde liegt liegt vielmehr ein arrogantes und falsches Verhältnis der Föderation zur Republika Srpska. Daher war es selbstverständlich zu erwarten, dass Vertreter dieser Entität, wenn sie auch nur einen Funken Würde besitzen und die Republika Srpksa nur im geringsten vertreten, nicht dahin gehen durften." Damit spielt Popovic darauf an, dass Politiker aus der Föderation Bosnien-Herzegowina, also bosnische Muslime und Kroaten, wiederholt die Auflösung der beiden Entitäten und somit auch der Republika Srpska fordern und nur noch einen Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina haben wollen. In der Republika Srpska stößt dies auf vehemente Kritik.

Aufruf zur Verantwortung

Emri Suljagic meint dagegen, die Politiker aus der Republika Srpska hätten an der Gedenkfeier in Srebrenica teilnehmen und damit Verantwortung übernehmen müssen. "Meiner Überzeugung nach sind sowohl Premier Milorad Dodik und Präsident Dragan Cavic verantwortlich dafür, dass mindestens tausend Menschen, von denen wir wissen, dass sie auf jemanden geschossen, getötet, abgeführt, gefangen genommen, verhaftet haben, heute ihr Gehalt aus dem Budget der Republika Srpska erhalten. Mein Großvater, der bei diesem Massaker seinen letzten überlebenden Sohn verlor, lebt heute in dieser Entität und zahlt auch noch Steuern. Nun, sagen Sie mir, ob Dodik und Cavic nicht allen Grund dafür haben, sich in Srebrenica einzufinden?"

Angst als politisches Programm

Die politische Analystin Tanja Topic bezeichnet dieses unterschiedliche Verhalten der bosnisch-herzegowinischen Politiker zu den Opfern als offensichtliche Manipulation. "Viele Politiker hier arbeiten permanent daran, Angst zwischen den Einen und den Anderen zu verbreiten. Genau das ist ein erprobtes Mittel, mit dem sie sich seit Jahren an der Macht halten. Sie befassen sich zwar auch mit Tagespolitik, doch ist sehr viel davon improvisiert. Daher können wir kaum von ernsthaften, systematischen Unternehmen und somit auch nicht von ernsthaften Programmen sprechen", so Topic. Andererseits sei auch die Bevölkerung lethargisch und apathisch; sie reagiert praktisch nicht und verhält sich so, als ob dies einem anderen passiert.

Aussichtloser Kampf um Würde?

Emir Suljagic meint als einer der Überlebenden von Srebrenica, aus der Tragödie dieser Stadt sei ein Kult gemacht worden. Suljagic kritisiert Bürgerbewegungen, die sich mehr für die Würde der Opfer einsetzen sollten. Sie unternähmen nicht genug, um zu verhindern, dass die Opfer zu politischen Zwecken missbraucht würden. Ihm scheint, dass die Mitglieder dieser Organisationen das Opferdasein zum Beruf gewählt hätten. Daher glaubt er nicht, dass das Ausnutzen der Opfer zu politischen Zwecken aufhören wird. "Dieser Kampf ist leider ein verlorener Kampf. Denn um ihn zu gewinnen, ist vor allem nach der Verantwortung in der Politik zu suchen. Es sind Menschen erforderlich, die unabhängig davon, ob Wahlkampf ist oder nicht, nicht nur einmal im Jahr Srebrenica besuchen. Ich war am 11. Juli nicht in Srebrenica, letztes Jahr schon, aber nur weil mein Vater beerdigt wurde. Doch ich fühlte mich ziemlich erniedrigt bei den Feierlichkeiten, weil diese ganze Veranstaltung nicht für mich und die übrigen 500 Familien der Opfer organisiert wurde, sondern für andere Personen."

Zorica Ilic
DW-RADIO/Bosnisch, 12.7.2006, Fokus Ost-Südost

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