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Spinnens Wortschau: Stresstest

Manchmal denke ich: Die alten Feindbilder sind alle ausgestorben. All das, worauf du dich als junger Mann eingeschossen hast, liegt längst vermodernd unter der Erde.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen (Foto: privat)

Wenn du also angreifen willst, musst du dir neue Ziele suchen. Doch das stimmt nicht. Ein Feindbild jedenfalls ist noch da; es scheint sogar springlebendig. Es ist der Euphemismus.Sie kennen Euphemismen. Das sind, ich zitiere nach Wikipedia: "Worte, die einen Gegenstand oder einen Sachverhalt beschönigend, mildernd oder in verschleiernder Absicht benennen.“ Also zum Beispiel Entsorgungspark für Müllkippe, Freisetzen für Entlassen oder untersetzt für dick.

Euphemismen sind unsterblich

Auf solche Worte zeigt die aufgeklärte Sprechergemeinschaft gerne mit kritischem Finger, sie werden regelmäßig zum Unwort des Jahres gewählt; und deshalb war ich schon fast so blauäugig, pardon, so doof zu glauben, sie würden jetzt aussterben.

Tun sie aber keineswegs. Im Gegenteil. Mitten in unserer allgemeinen Krisenzeit ist mit einem kühnen Zungenschlag ein neues Meisterstück von Euphemismus erschaffen worden. Es lautet: Stresstest.

Ursprünglich stammt das Wort, wie übrigens ein Großteil unseres Gegenwartsbewusstseins und seiner Sprache, aus dem Bankensektor. Populär geworden aber ist es nicht als Bezeichnung für eine theoretische Belastungsprüfung von Kreditinstituten, sondern für die Untersuchung der Belastbarkeit von Kernkraftwerken im Anschluss an die Fukushima-Katastrophe.

AKWs wie Banken belasten

Verbrennungsanlage Weisweiler (AP Photo/Hermann J. Knippertz)

Entsorgungsparkmitarbeiter

Stresstest. Wohlgemerkt, es geht darum festzustellen, was geschieht, wenn in einem AKW etwas Wichtiges kaputtgeht oder die Betreiber schlampen oder Terroristen ein Flugzeug auf den Meiler stürzen lassen. Wer so etwas als Stress bezeichnet, muss das Gemüt eines Fleischerhundes haben.

Explosionen und Kernschmelze: Ist das Stress? Austritt von Radioaktivität und Verseuchung der Umgebung: Stress? Evakuierung von Millionen Menschen und massenhaftes Sterben: Stress? Das ist doch, Verzeihung, die Untertreibung des Jahrtausends.

Glückliche Stresstage

Aber tun wir mal einen Moment lang so, als wäre das alles tatsächlich Stress. Wie, so frage ich dann, sollen wir ab jetzt das nennen, was wir bislang Stress nannten? Wenn Stress jetzt das richtige Wort ist für die größtmögliche Bedrohung unseres Planeten, wie heißen dann die tägliche Aufregung am Arbeitsplatz, die Belastung alleinerziehender Mütter oder die von Studenten im Examen? Und was bitte wünschen wir dem Arbeitkollegen, dem wir früher einen stressfreien Urlaub gewünscht haben, wenn stressfrei jetzt bedeutet, dass die Welt vielleicht mit einem blauen Auge davonkommt, wenn ein AKW ins Erdbeben gerät?

Sollte also Stress von jetzt an heißen, dass die Erde kaputt geht, dann bitte ich die Erfinder und Benutzer von Stresstest um ein neues Wort für die Quälereien des Alltags. Wie wäre es mit Wonne oder Wohltat? Oder warum nicht gleich: Glück? Ach, könnten wir dann sagen "Gestern bekam ich eine Abmahnung vom Chef, hatte einen Autounfall und verlor 10 000 Euro an der Börse. Das war mal wieder so ein richtiger Glückstag!"

Autor: Burkhard Spinnen
Redaktion: Gabriela Schaaf

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

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