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Musik

Song-Contest-Tagebuch aus Baku: Tag 5

Am Finaltag geben sich Einheimische und Besucher fahneschwenkend dem ESC-Rausch hin. Und die Polizei wacht mit Argusaugen darüber, dass sie nichts anderes tun. Unterwegs mit DW-Reporterin Suzanne Cords.

Heute kann ich mal ausschlafen und endlich das Hotelschwimmbad und den hauseigenen Hamam aufsuchen. Das Tagebuch habe ich im Morgengrauen in die ferne Heimat geschickt, jetzt gibt es erst abends wieder Eurovisionspflichten. Ich werfe mich in den Bademantel, der in meinem Kleiderschrank hängt und trete wohlgemut auf den Flur. Entsetzt blickt mich die Putzfrau an. Halbnackt ins Schwimmbad? Und überhaupt ist jetzt Männerzeit, ich bin schließlich in einem islamischen Land zu Gast. Frauen dürfen nur von 16 bis 18 Uhr. Ein Anruf bei der Rezeption schafft Gewissheit.

Aber vielleicht könne man ja eine Ausnahme machen, wenn gerade kein Mann im Becken schwimme und den Bereich so lange absperren. Ich habe Glück, nur der Aufpasser starrt mich die ganze Zeit unverhohlen an, während ich meine Runden drehe. Das Räkeln auf dem heißen Stein muss ausfallen, das andere Geschlecht wartet schon ungeduldig draußen auf sein Recht.

Schondeckchen und orientalische Gelassenheit

Ein Händler bietet Süßgkeiten an (Foto: DW/ Suzanne Cords)

Süßes für die Nerven

Eine Stunde später gefriert das Lächeln der Rezeptionistin, als ich auf sie zugehe. Sie hat bestimmt Angst, dass ich sie mit deutscher Gründlichkeit zum wiederholten Mal nach den ausstehenden London Taxi-Quittungen frage, die sie bei dem Unternehmen anzufordern versprochen hat. Ich verstoße gegen die orientalische Regel Nr. 1: Ich beharre auf eine Zusage, die mir die arme Frau nur gegeben hat, weil man hier nie "nein" sagt.

Heute sind mir die Quittungen egal, ich bin schließlich schon ein paar Tage hier und lernfähig. Hoffentlich gilt das auch für meine Reisekostenabrechnungsstelle, die hat es nicht so mit dem Orient.

Ich ordere noch nicht mal ein London Taxi, der Wagen des Bruders der Schwägerin tut es schließlich auch. Er hat zwar kein Taxischild auf dem Dach, dafür aber hellblaue, gehäkelte Schondecken auf den Sitzen, und er rechnet korrekt ab. Anders als der Fahrer gestern nacht, der den Preis der üblichen Strecke einfach verdreifachte."Normalerweise kostet das ein Drittel", protestiere ich auf Türkisch. Der Fahrer schaut gelangweilt aus dem Fenster. "Normalerweise kostet das ein Drittel", protestiere ich auf Russisch. Der Fahrer ignoriert mich. Wir schweigen beide eine Weile, dann füge ich mich in mein Schicksal. Wenn das nicht orientalische Gelassenheit ist.

Sprachengewirr und kulinarischer Abgesang

Ein Frau backt Brot am Wegesrand (Foto: DW/ Suzanne Cords)

Brot - ein kulinarisches Highlight



Im Hof des Hotels komme ich mit einem Aserbaidschaner ins Gespräch, der drei Jahre in Leipzig gewohnt hat. Und er klärt mich auf, dass hier gar nicht so viele Russen leben, wie ich angenommen hatte. Bis 1991 war das Land immerhin Teil der Sowjetrepublik, viele sind mit der Sprache aufgewachsen und sprechen sie besser als die ihrer Vorväter. Manche beherrschen das Azerische gar nicht. Das wiederum sei das eigentliche Urtürkisch, im Nachbarland habe man das schöne Original nur zu sehr modernisiert. Verstehen kann man sich trotzdem. Aber es ist noch ein weiter Weg zur kulturellen Identität.

Heute Abend wird Alim übrigens als Barmann in der Crystal Hall arbeiten. "Die Ausländer im Hotel fragen alle, ob es Bier geben wird oder Wodka", lacht er. "Aber ich muss sie enttäuschen, ich verkaufe nur Ayran und Softdrinks."

Vor dem großen Finale knurrt noch einmal der Magen. Ein orientalisch anmutender Holzbau auf Stelzen verspricht Gutes. Brot wird von der Frau des Hauses im riesigen Steinofen zubereitet, die Einheimischen stehen Schlange. Das Essen hingegen kommt aus Warmhaltebehältern, die schon seit Stunden nicht mehr warm sind; und mit Hühnerknochen an Gurke kann auch der zweite Versuch, die einheimische Cuisine zu goutieren, nicht so wirklich überzeugen. Brot macht auch satt.

Eine aserbaidschanische Familie lächelt in die Kamera ( Foto: DW/ Suzanne Cords)

Aserbaidschanische Familie im ESC-Rausch

Public Viewing im Kameravisier

In Baku City herrscht Hochbetrieb. Wo in den letzten Tagen nur vereinzelt Touristen durch die Altstadt irrten, drängeln sich Einheimische und Besucher durch die engen Gassen. Der örtliche Telefonanbieter Azercell hat kostenlos Eurovisionfähnchen verteilt, dazu schwenken viele ihre Landesflagge. Es herrscht Partystimmung, beim Public Viewing im Friedenspark haben sich schon Stunden vor dem Finale Hunderte von Menschen versammelt. Zusätzlich wird die Show im Zentrum auf Werbetafeln und auf runde Weltkugeln projiziert. Seit Tagen schallen die Songs des Wettbewerbs durch die Stadt.

Schwedische Fans zeigen ihre Nationalfarben (Foto: DW/ Suzanne Cords)

Schwedisch schön in Stimmung

240 Manat kostet eine Karte fürs Finale, das entspricht dem ungefähren Wert in Euro, für viele Aserbaidschaner unerschwinglich. Das Fanpaket zum Sonderpreis für beide Halbfinale und die große Abschlußshow habe sie in Düsseldorf letztes Jahr nur 200 Euro gekostet, erzählen zwei Schwedinnen, in Baku hätten sie 300 bezahlt. Ganz zu schweigen vom dem überteuerten Hotel für 400 Euro die Nacht.

Und die ganze Polizei und die ständigen Rucksackkontrollen hätten sie auch satt. Aber sonst sei die Stimmung gut, schließlich gehört ihre Interpretin Loreen zu den Favoriten.

Singend ziehen die beiden weiter zur Crystal Hall, mit Argusaugen beäugt von ein paar Polizisten. Die Präsenz hat sich seit gestern verdreifacht. Überall sind Kameras auf die Menge gerichtet. Nichts darf schief gehen, lautet die Order aus dem Regierungspalast, aber die Männer sind solche Massenevents nicht gewöhnt und nervös. Unser Taxi zur Crystal Hall wird mitten auf der Straße von einem Polizeiwagen gestoppt, wer darf passieren, wer nicht? Kopfschütteln, Beratung, dann dürfen wir weiter.

Eurovisonsgeschädigt

Public Viewing im Friedenspark (Foto: DW/ Suzanne Cords)

Gemeinsam ESC schauen macht mehr Spaß

Eigentlich war ich ein Fan der Babuschkas. Aber nachdem ich die Omas aus Udmurtien zum gefühlten 400. Mal in der Pressehalle hören musste, bin ich "Party for everybody"-geschädigt. Denn bei jedem Auftritt tobt hinter mir die Russenfront - nicht ganz textfest, aber den Refrain brüllt sie mit solcher Inbrunst, dass mir die Ohren weh tun. Von vorne kommt das Blitzlichtgewitter, das die außer Rand und Band geratenen Kollegen im Bild festhält. Gott sei Dank dauert jeder Eurovisionsbeitrag nur drei Minuten. Und eine Russlandfahne haben sie mir auch geschenkt.

Aber nicht nur der Babuschkas bin ich mittlerweile überdrüssig. Seit fünf Tagen werde ich mit ESC-Songs beschallt. Ich kann nicht mehr! Und dann ist es soweit: Die Russen hinter mir schicken traurig ihre Berichte in die Heimat. Und ich fahre nächstes Jahr nach Stockholm…

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