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Wirtschaft

So wirtschaften die EU-Beitrittskandidaten

Aus 25 mach 29: Vier Kandidaten warten derzeit auf ihren EU-Beitritt. Während sich die Türkei noch mindestens zehn Jahre gedulden muss, sollen Bulgarien, Rumänien und Kroatien schon 2007 der EU beitreten. Ein Überblick.

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Tourismus der Beitrittskandidaten boomt

Mehr Informationen zu Bulgarien, Rumänien und Kroatien finden Sie auf unserer Europakarte

Zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen des EU-Kandidaten Bulgarien gehören die Baubranche und der Fremdenverkehr. Die Einnahmen aus dem Tourismus stiegen 2004 auf mehr als 1,6 Milliarden Euro und lagen damit um 20 Prozent höher als im Vorjahr. US-Investoren nennen Bulgarien die "flinke Katze Europas" in Anspielung auf die asiatischen "Tiger-Staaten".

In den vergangenen Jahren konnte Bulgarien ein Wirtschaftswachstum von mehr als vier Prozent pro Jahr verzeichnet. Allein 2004 wurden dort zwei Milliarden Euro aus dem Ausland investiert. Das entspricht einem Drittel aller Investitionen auf dem Balkan im vergangenen Jahr. Die fünf größten Investoren in Bulgarien sind die Energieriesen E.ON, EVN, CEZ, das US-Kommunikationsunternehmen Viva Ventures und der Glashersteller Sisecam aus der Türkei - alle sind erst 2004 eingestiegen.

Deutsche Züge für Bulgarien Transport Transportbranche Verkehr Personenverkehr

Deutsche Technik für Bulgarien: Bis 2005 wird Siemens 25 Züge nach Bulgarien liefern.

Von dem Wirtschaftsaufschwung profitieren aber nicht alle Bulgaren. So verdienen Lehrer im Durchschnitt 140 Euro im Monat. So wie die meisten Beschäftigten im Staatssektor gehören auch die Ärzte zu den Verlierern des 15-jährigen Übergangs zur Marktwirtschaft. An den staatlichen Krankenhäusern kann ein guter Arzt monatlich höchstens 250 Euro verdienen.

Billiglöhne und teure Energie

Seit fünf Jahren strömen Investoren aus dem Ausland nach Rumänien, weil sie den geringen Stundenlohn von 0,95 Euro zu schätzen wissen. 2004 erreichten die direkten Auslandsinvestitionen rekordträchtige 4,1 Milliarden Euro. Die Wirtschaft wuchs um geschätzte 8,3 Prozent, während die Inflation erstmals unter 10,0 Prozent sank.

Keine Regierung hat bisher die EU-Beitrittskosten deutlich gemacht. Nur der seit vier Monaten amtierende Staatspräsident Traian Basescu redete erstmals Klartext: "Die Rumänen glauben, dass nach dem Beitritt in allen Städten Milch und Honig fließen wird, auch in den Schlaglöchern von Bukarest." Trotzdem wünschen sich mehr als 80 Prozent der Rumänen laut einer Umfrage den EU-Beitritt.

Dabei haben sich die Erdgaspreise in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt. Die Energiepreise wurden auf Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhöht, um sie dem internationalen Niveau anzupassen. Haushalte geben im Winter mehr als die Hälfte eines Netto-Durchschnitts-Lohns von 177 Euro für Heizkosten aus - ein riesiges soziales Problem.

Früher wurden mit billiger Energie marode Unternehmen am Leben gehalten. Diese Wettbewerbsverzerrung muss Rumänien als künftiges EU-Mitglied abschaffen, ebenso wie die Subventionen für Bergbau und Stahl sowie die Steuerstreichungen und -stundungen für Staatsunternehmen und privaten Betriebe.

Zuwächse verzeichnet die rumänische Wirtschaft in der Software- und in der Auto-Branche, die mittelfristig zur Alternative für die abflauende Lohnfertigung im Textilbereich wird.

Rumänien Landwirtschaft Melonenverkauf am Straßenrand

Melonenverkäufer am Straßenrand

Das große Problem aber ist die Landwirtschaft. 60 Prozent der Rumänen sind Bauern. Wenn sie massenhaft produzieren wollen, werden sie sich an EU-Normen zu Tierhaltung und Schlachtung halten müssen. Das geht an die Substanz des Brauchtums. Kein Bauer kann sich vorstellen, dass er sein Schwein betäuben muss, bevor er es tötet, nur weil Brüssel das so will.

Studien zufolge haben 43 Prozent der rumänischen Unternehmen mit den Vorbereitungen für den Beitritt noch nicht begonnen, 30 Prozent wissen nicht, was auf sie zukommt.

Boom-Branche Tourismus

Kroatien hofft mit dem geplanten EU-Beitritt auf eine bessere Versorgung mit Konsumgütern, auf mehr Arbeitsplätze und den Aufschwung der Tourismusindustrie dank ausländischer Investitionen. Schon heute werden mehr als 55 Prozent des Außenhandels mit EU-Ländern abgewickelt. Die wichtigsten Partner sind Italien, Deutschland und Österreich. Deren Bedeutung soll noch wachsen - vor allem angesichts der 240.000 Gastarbeiter in Deutschland. Sie sollen bewegt werden, ihre Ersparnisse in die heimische Wirtschaft zu stecken.

In den letzten Jahren haben die ausländischen Investitionen drastisch zugenommen: Von 88 Millionen Euro 1995 auf über 780 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Die Hälfte dieses Geldes stammt aus Österreich und Deutschland. Die Niederlande liegen an dritter Stelle. Die Groß- und Einzelhändler Metro, Lidl und Billa sind schon da und wollen weiter expandieren. Neben dem Handel waren die ausländischen Geldgeber an der Telekommunikation sowie der Öl- und Pharmaindustrie interessiert. Dagegen gingen nur sieben Prozent der Auslandseinlagen in Hotels und Gaststätten. Dabei ruhen auf der Tourismusbranche die größten Hoffnungen der Kroaten. Der Fremdenverkehr ist der Boom-Sektor schlechthin und steuert schon heute 22 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Zum Vergleich: Die Industrie schafft nur 18 Prozent.

Kroatien - Istrien - Rovinj Tourismus

Urlaubsidylle in Kroatien

Mehr als neun Millionen Urlauber haben im letzten Jahr wieder Kroatien mit seiner über 1000 Kilometer langen Adriaküste besucht. Damit wurde nach den Bürgerkriegen erstmals das Ausgangsniveau von 1990 übertroffen. Von den 7,8 Millionen ausländischen Gästen stammte mehr als jeder Fünfte aus Deutschland. Gerade die Ferienindustrie verfügt über beinahe unvorstellbare Perspektiven. Großangelegte Auslandsinvestitionen können Arbeitsplätze in einem Land schaffen, in dem fast 20 Prozent der Erwerbstätigen ohne feste Anstellung sind.

Vor dem EU-Beitritt ist aber noch viel zu tun. Der Staatssektor ist immer sehr dominant. Oft schreckt auch die fehlende Rechtssicherheit und die manchmal voreingenommene Justiz ausländische Interessenten ab. Die Produktionskosten liegen deutlich über denen der Nachbarländer. Außerdem ist die heimische Währung Kuna aus ideologisch-politischen Gründen immer noch überbewertet. Und schließlich drücken 25 Milliarden Dollar Auslandsschulden, von der inneren Verschuldung der maroden Staatsbetriebe ganz zu schweigen.

Für Kroatien haben sich die Beitrittsperspektiven allerdings ohnehin erstmal verdüstert: Die EU hat den geplanten Verhandlungsbeginn auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Die Regierung in Zagreb arbeitet nach Ansicht der EU nicht genügend mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zusammen. (ch)

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