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Kultur

Simon Wiesenthal ist gestorben

Er war der bekannteste Verfolger von NS-Verbrechern: Simon Wiesenthal. Am Dienstag (20.9.05) starb der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles im Alter von 96 Jahren in Wien.

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Simon Wiesenthal (Archivbild von 1999)

Wiesenthal sei das Gewissen des Holocaust gewesen, hieß es auf der Internetseite des Gedenkzentrums. Er habe in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen mehr als 1100 Kriegsverbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus vor Gericht zu bringen. "Als der Holocaust 1945 zu Ende war und die ganze Welt zum Vergessen nach Hause gegangen ist, blieb er alleine zum Erinnern zurück."

Ergreifung von Eichmann

Der österreichisch-israelisch Architekt und Autor spielte 1960 in Argentinien eine entscheidende Rolle bei der Ergreifung von Adolf Eichmann. Der SS-Obersturmbannführer hatte die Massenverfolgung und -ermordung der Juden im Dritten Reich maßgeblich organisiert.

Die spektakuläre Ergreifung in Argentinien und die folgende Verurteilung 1961 in Jerusalem nahm Wiesenthal zum Anlass, ein neues "Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes" in Wien unter seiner Leitung zu errichten, das einen Beitrag zur tabufreien Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust leisten sollte. Über seine Rolle bei der Aufspürung Eichmanns, die er in dem Buch "Ich jagte Eichmann" (1960) dokumentierte, sagte er später: "Es war Teamwork. Ich wurde bekannt als einer von vielen, die am Fall Eichmann beteiligt waren".

Warnung für potenzielle Mörder

Das Wort von Robert Kennedy, dass "moralische Verpflichtungen keine Termine" kennen, machte Wiesenthal zu seinem Lebensmotto. Wenn Menschen noch nach Jahren für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen würden, so sei dies auch "eine Warnung für potenzielle Mörder von morgen", argumentierte er immer wieder und verwies stets auf die Möglichkeit von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine Kollektivschuld der Deutschen aber lehnte er ab. Eine Wiederkehr des Nationalsozialismus hielt er für ausgeschlossen.

Zu seinen wichtigen Erfolgen zählte Wiesenthal neben der Ergreifung von Eichmann auch die Festnahme des Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Franz Stangl, 1967 in Sao Paulo. Der "schwierigste Fall" war seinen Angaben nach die Suche nach Karl Silberbauer, der Anne Frank verhaften ließ.

International gewürdigt

Der Mut und die Überzeugung, mit denen Wiesenthal in den vergangenen 60 Jahren Nazi-Verbrecher gesucht und vor Gericht gebracht habe, werde in Erinnerung bleiben, erklärte die in Paris ansässige Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Europa (European Jewish Congress) am
Dienstag (20.9.2005). Daneben würdigte auch der Rat der jüdischen Organisationen in Frankreich (Crif) die beispielhafte Hartnäckigkeit und Energie, mit denen Wiesenthal fern von jedem Rachegefühl Hunderte von Nazi-Verbrechern aufgespürt habe.

Ähnlich äußerte sich der Chefredakteur des polnischen jüdischen Magazins "Midrasz", Piotr Pazinski: "Er hat nicht zur persönlichen Abrechnung, sondern um universelle Gerechtigkeit gekämpft". Auch wenn es Wiesenthal nicht gelungen sei, alle Nazi-Täter vor Gericht zu bringen, "war am wichtigsten, dass gegen sie ermittelt wurde". Die Holocaust-Opfer und -Überlebenden hätten so das Gefühl, dass die
Täter jederzeit von der Justiz eingeholt werden könnten, sagte
Pazinski der polnischen Nachrichtenagentur PAP.

Die Jüdische Gemeinde Berlin warnte: "Es besteht jetzt die Gefahr, dass das Thema ad acta gelegt wird." Es sei für die Holocaust-Opfer wichtig, die Arbeit Wiesenthals fortzuführen, sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Albert Meyer.

"Großer Europäer"

Der außenpolitische Beauftragte der EU, Javier Solana, hat Wiesenthal als besonderen Menschen und großen
Europäer gewürdigt. "Wiesenthal war sowohl ein Opfer als auch ein Zeuge des Holocaust", heißt es in einer am Dienstag in Brüssel veröffentlichten Erklärung Solanas. "Seine Antwort auf ein Verbrechen von unvergleichbaren Ausmaßen war es nicht, Rache zu suchen, sondern Gerechtigkeit zu fordern." Wiesenthals Arbeit sei eine Inspiration für alle, die der Überzeugung sind, dass Frieden auf Gerechtigkeit,
Toleranz und Menschenrechten beruhen muss, heißt es in der Erklärung.

Opfer der Nazis

Wiesenthals ganze Familie und die seiner Frau Cyla, insgesamt 89 Menschen, starben durch die Nationalsozialisten. (chr)

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