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Kolumne

Sierens China: Gemeinsam im Regen

Die EZB hat den Yuan als Reservewährung zugelassen. Ein symbolischer, aber eben doch historischer Schritt für China, um seine Währung in Europa als Gegengewicht zum US-Dollar zu etablieren, meint Frank Sieren.

Nachdem Donald Trump im sonnigen Rosengarten des Weißen Hauses das Pariser Klimaschutzabkommen aufkündigte, wirkten die Politiker der EU und Chinas kurz darauf beim gemeinsamen Gipfel in Brüssel wie gute Bekannte, die ein Regenguss enger unter ihrem Schirm zusammenrücken lässt, als ihnen eigentlich lieb ist.

Doch weder Peking noch Brüssel lassen sich gerne zu etwas zwingen - schon gar nicht von Donald Trump. Und so kam es, dass die Chinesen die gemeinsame Klimavereinbarung nicht unterschrieben haben, weil die Europäer den Chinesen nicht den Marktwirtschaftsstatus geben wollen. Angela Merkel hat nun viel zu tun, dass es beim G20-Gipfel in Hamburg in drei Wochen dennoch einen Schulterschluss gibt. Die Schnittmengen sind jedenfalls vorhanden. In Fragen der Globalisierung, des Klimaschutz und des Freihandels stehen sich Peking und Brüssel derzeit näher als Washington. 

Ein kleiner, aber symbolisch wichtiger Schritt

Einen kleinen Schritt vorwärts ging es in dieser Woche: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat beschlossen, den Yuan erstmals in den Korb der Reservewährungen aufzunehmen. Eine halbe Milliarde Euro ihres US-Dollarbestands hat die Finanzinstitution in das chinesische "Volksgeld" Renminbi (RMB) umgeschichtet und ihm damit das Gütesiegel einer Wertanlage auf Weltwährungsniveau verliehen. Auch wenn der Betrag im Angesicht des Gesamtvolumens von rund 280 Milliarden Euro Fremdwährungsreserven vorerst nur symbolischen Charakter hat, ist die Botschaft klar: Europa hofft auf eine prosperierende Zukunft, Hand in Hand mit China als wichtigstem Handelspartner. Für das Reich der Mitte ist die Aufnahme ein weiterer historischer Schritt, um den Yuan zur global akzeptierten Leitwährung aufzubauen, die eines Tages auf Augenhöhe mit dem US-Dollar stehen soll.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Die Meilensteine auf dem Weg dorthin ziehen an der aufstrebenden Weltmacht derzeit nur so vorbei: Erst im vergangenen Herbst hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) den Yuan in den elitären Kreis der "Sonderziehungsrechte" aufgenommen, einer Reserve-Kunstwährung, die bislang aus Dollar, Euro, Yen und dem britischen Pfund bestand. Der nach wie vor westlich dominierte IWF verfolgte bei der prestigeträchtigen Aufnahme aber auch das Ziel, die Chinesen zur Erfüllung ihres Versprechens zu drängen, den Yuan endlich den freien Kräften des Marktes zu überlassen. Eine Hoffnung, die sich bislang nicht erfüllte: Noch immer kann der Yuan nicht frei an den Weltmärkten gehandelt werden. Noch immer dürfen Ausländer nur sehr eingeschränkt in chinesische Wertpapiere und Finanzprodukte investieren. Die liberalisierenden Finanzmarktreformen, die Chinas Präsident und Parteichef Xi Jinping bei seinem Amtsantritt versprochen hat, geht Peking angesichts der zuletzt schwächelnden Wirtschaft nur zögerlich bis gar nicht an. Das Problem für Peking: Je freier der Yuan handelbar ist, desto angreifbarer ist China von den internationalen Finanzmärkten. 

Chinas Emanzipation von den USA

Was in der westlichen Finanzwelt für Naserümpfen sorgt, könnte sich in unsicheren Zeiten einmal mehr als strategisch kluger Schritt erweisen. Als die geplatzte Immobilienblase der USA die Weltwirtschaft 2008 in den Abgrund riss, entschied sich China, den Yuan als Handelswährung Schritt für Schritt von der turbulenten Geldpolitik der USA zu emanzipieren. Mit vorsichtig tastenden Maßnahmen stellte China sein Wirtschaftswachstum auf ein breiteres Fundament, etwa indem der Staat mit Sonderwirtschaftszonen experimentierte oder durch Währungstauschgeschäfte und Offshore-Anleihehandel in Hong Kong und London die Geschäftsabwicklung in Yuan erleichterte.

Gegen diese besonnene Öffnung der kleinen Schritte, die bis heute anhält, erscheint der neue amerikanische Protektionismus wie ein plumper Rückzug. Trump weicht nun die sowieso schon schwachen Verschuldungsspielregeln der Obama-Regierung wieder auf, statt sich von der maßlosen Schuldenpolitik zu distanzieren. Das bedeutet, dass der Höhenflug des sowieso schon gedopten US-Dollar noch weiter beflügelt wird. Aber auch der Fall wird tiefer, sollte die Euphorie verfliegen. Dann wird der Yuan wie ein Fels in der Brandung wirken. Und auch für Europa würde der Yuan als Handelswährung dann schlagartig an Bedeutung gewinnen. Und: Warum sollen sie Chinesen nicht mehr europäische Staatsanleihen kaufen, wenn die amerikanischen sich als nicht mehr verlässlich erweisen. Dann würden aus den guten Bekannten echte Freunde unter einem Schirm werden.

Gemeinsamer Kampf gegen die Wall Street

Aber auch ohne US-Dollarkrise sind sich China und EU bereits heute einig: Beide möchten das Spekulationssystem der Wall Street in die Geschichtsbücher verbannen und ein langfristig stabiles Weltfinanzsystem mit fairen Spielregeln für alle Beteiligten an seine Stelle setzen. Und beide, Europäer und Chinesen wissen, dass sie nur eine Chance haben, wenn sie sich zusammen tun.

Ob in einer solchen Zukunftsvision der Yuan oder der Euro den Takt als alternative Leitwährung vorgibt, hängt davon ab, was eher Realität wird: eine wieder erstarkte Eurozone oder ein freier handelbarer Renminbi. Das Rennen ist erstaunlich offen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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