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Wirtschaft

Siemens erneut vor bewegten Zeiten

Der Technik-Konzern Siemens steht erneut vor einem Umbau. Der Aufsichtsrat beschloss in der vergangenen Nacht weitreichende Maßnahmen. Vorstandschef Kaeser räumt mit den Hinterlassenschaften seines Amtsvorgängers auf.

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Das Milliardenspiel - Der Übernahmekampf um Alstom (07.05.2014)

Neun Monate nach seinem Amtsantritt richtet Joe Kaeser Siemens im Rahmen seines Strategieplans stärker auf Energietechnik und moderne Fabrikausstattung aus. Gleichzeitig wendet sich der Vorstandschef von der traditionsreichen Medizintechnik und der traditionellen Schwerindustrie ab. Die Energiesparte stärkt Kaeser im Zuge seiner Neuausrichtung mit dem Kauf des Gasturbinengeschäfts der britischen Rolls-Royce für fast eine Milliarde Euro. Die Hörgerätesparte soll hingegen an die Börse gebracht werden, die Medizintechnik künftig eigenständig geführt werden, wie Siemens in der Nacht zum Mittwoch (07.05.2014) mitteilte. "Unsere Vision 2020 adressiert die langfristigen Perspektiven unseres Hauses entlang der Wertschöpfungskette der modernen Elektrifizierung und der Automatisierung", erklärte Kaeser.

Bruch mit dem Vorgänger

Er schafft zudem die vier Großsektoren seines Vorgängers Peter Löscher ab. Der Konzern mit seinen 360.000 Mitarbeitern soll künftig in neun Divisionen gegliedert werden. Besonderes Augenmerk legt der 56-Jährige neben der Energieerzeugung auf das Trendthema Industrie 4.0. Das Digitalisierungsgeschäft für Produktionsfirmen wird in der neuen Division "Digital Factory" geführt. Das Segment soll bis zu 20 Prozent operative Rendite abwerfen und die bislang ertragreichste Medizintechnik noch überflügeln. In den jeweiligen Divisionen hat sich Siemens Renditeziele zwischen fünf und 20 Prozent vorgenommen. Ein neues Gesamtrenditeziel für den Konzern rief Kaeser allerdings nicht aus. Sein Vorgänger war an der Ambition von zwölf Prozent für den Konzern gescheitert und musste gehen.

Kaeser führt indes die Siemens-Tradition der letzten Jahre fort und eine weitere exotische Kenngröße ein. Durch Einsparungen bei den Gesamtstückkosten soll die "Gesamtkostenproduktivität" ab dem kommenden Geschäftsjahr zwischen drei und fünf Prozent betragen. Um rund eine Milliarde Euro soll nach seinem Willen das fast 170 Jahre alte Unternehmen produktiver werden. Da der Umsatz auf absehbare Zeit allenfalls leicht wachsen dürfte, müssen sich die Mitarbeiter auf Einsparungen gefasst machen. Kaesers langfristiges Ziel ist es, sein Haus so rentabel zu machen wie die Rivalen ABB oder GE.

Die Aktionäre sollen rasch verwöhnt werden. Der angekündigte Rückkauf von Anteilsscheinen im Wert von bis zu vier Milliarden Euro soll demnächst beginnen. Kaeser hatte ihn bislang wegen seiner ausstehenden Strategieziele aufgeschoben.

Und dann noch Alstom

Dem Umbau fällt inmitten des Übernahmepokers um die Alstom-Energiesparte auch Energietechnikchef Michael Süß zum Opfer. Er räumt sofort seinen Posten und wird im August von der bisherigen Shell-Managerin Lisa Davis ersetzt. Sie soll dafür sorgen, dass Siemens stärker von der Öl- und Gasrenaissance in Nordamerika profitiert, von der der Konzern bisher wenig hatte. Im Vorstand wird Veteran Siegfried Russwurm künftig Personal- und Technologiechef, sein Kollege Helmrich kümmert sich um die Industriesparten, Roland Busch um die Gebäude- und Zugtechnik.

Den dienstältesten Vorstandskollegen Hermann Requardt stellt Kaeser vor eine schwierige Zukunft. Zum einen soll er die hochrentable aber ungeliebte Hörgerätetechnik an die Börse bringen. Bereits vor rund fünf Jahren hatte Siemens versucht, das Geschäftsfeld mit seinem geschätzten Umsatz von einer halben Milliarden Euro loszuschlagen. Allerdings scheiterte es seinerzeit an den eigenen Preisvorstellungen. Etwa zwei Milliarden Euro wollte Kaeser einst noch als Finanzvorstand von interessierten Finanzinvestoren haben. Die lehnten allerdings ab, da damals der Schweizer Konkurrenz Sonova durch eine Vertriebsoffensive Siemens von Endkundenmarkt abzuschneiden drohte. In der Folge nahm der Konzern die Audiologie aus dem Licht der Öffentlichkeit und richtete sie neu aus.

Vorbild Osram

Zum anderen muss sich Requardt darauf einstellen, dass sein kompletter Bereich aus der Siemens-Familie verstoßen wird. Die Medizintechnik wird künftig eigenständig abseits der neun Sektoren geführt. Damit werde dem Zweig mit seiner langen Geschichte "eine größere Flexibilität auf dem sich fundamental wandelnden und von Paradigmenwechseln geprägten Markt für Medizintechnik gegeben." Mit einer ähnlichen Formulierung leitete Siemens die Trennung von seiner früheren Leuchtmitteltochter Osram ein. Ein geplanter Börsengang war Kaeser damals allerdings nicht gelungen, er musste die Aktien an die Siemens-Aktionäre verschenken.

Siemens gab in der Nacht zudem bekannt, mit dem japanischen Konzern Mitsubishi Heavy Industries (MHI) ein Joint Venture für die Metallindustrie zu bilden. Demnach werden MHI 51 Prozent und Siemens 49 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten. Vorbehaltlich der Zustimmung der entsprechenden Behörden soll das Joint Venture im Januar 2015 seinen Betrieb aufnehmen.

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