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Politik

Sie hatten einen Traum

Endlich Wohlstand und Wirtschaftswachstum jubelten die Ostdeutschen nach dem Mauerfall. Heute sind viele Visionen geplatzt. Aber manchmal werden Märchen wahr: Wie bei "Rotkäppchen" aus Freyburg.

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Rotkäppchen lässt sich nicht unterkriegen

9. November 1989. Überraschend wird in Berlin die Mauer geöffnet. "Wahnsinn" war das am häufigsten zu hörende Wort in dieser Nacht. Plötzlich konnten die Menschen in der DDR in den Westen gehen. Schon seit Monaten hatte es Proteste gegen die Alt-Herren-Riege im Ostberliner Politbüro der Staatspartei SED gegeben. Tausende waren über Ungarn und bundesdeutsche Botschaften in osteuropäischen Ländern geflüchtet. Der Druck, Reise-Erleichterungen für alle DDR-Bürger zu gewähren, wuchs von Tag zu Tag. Doch niemand hatte mit der Maueröffnung gerechnet. Jetzt stürmten Tausende die Grenzübergänge im geteilten Berlin. Fremde Menschen lagen sich plötzlich in den Armen, feierten das geschichtliche Ereignis, freuten sich.

Blühende Landschaften - verdorrt

Von der Euphorie ist heute weder in Ost- noch in Westdeutschland viel zu spüren. Im Wahlkampf 1990 hatte Bundeskanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen "blühende Landschaften" versprochen. Doch die große Ernte ist ausgeblieben. Rund 17 Prozent aller Ostdeutschen sind arbeitslos.

Der kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Solidarpakt II wird im Jahr 2005 wirksam: Dann werden die ostdeutschen Länder mehr als 150 Milliarden Euro weitere Aufbauhilfe erhalten. Doch es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis sich Ost- und Westdeutschland auf einem gemeinsamen Wirtschaftsniveau treffen.

"Rotkäppchen und der Wolf"

Immer wieder gibt es aber auch erstaunliche Erfolgsgeschichten über Betriebe, die den Systemsprung in die kapitalistische Wirtschaftsordnung gemeistert haben, wie zum Beispiel die ostdeutsche Sektkellerei Rotkäppchen.

Denn so angestaubt und spaßfeindlich die DDR in den westlichen Medien oft dargestellt wurde – bei privaten Feiern oder am Feierabend wurde gerne ein Gläschen Alkohol getrunken - gerne auch eines zu viel. Rotkäppchen-Sekt gehörte meist dazu.

Kurz vor dem Aus

Wie viele ehemalige DDR-Betriebe stand die Sektkellerei aus Freyburg in Sachsen-Anhalt nach der Wende kurz vor der Pleite. Der Absatz sackte von 15 Millionen auf 1,5 Millionen Flaschen ab. Denn für die meisten Verbraucher in Ostdeutschland hieß die anfängliche Devise: West-Produkte sind besser. Die aus der DDR bekannten Produkte wurden zunächst schlichtweg ignoriert.

Jetzt fress' ich dich

Mit Hilfe eines westdeutschen Investors gelang es dem Schaumweinhersteller schließlich doch, sich auf dem gesamtdeutschen Markt zu behaupten. Bereits 1994 wurden 17 Millionen Flaschen verkauft - mehr als je zuvor.

Heute gehört Rotkäppchen mit einem Marktanteil von mehr als 13 Prozent zu Deutschlands führenden Sektmarken; und hat sich sogar noch die einstige Konkurrenz im Westen einverleibt - den Hersteller der Trend-Marke Mumm. Ganz nach dem Motto: Jetzt fress' ich dich.

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