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Deutschland

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75 Jahre nach dem Judenpogrom kann sich jeder Deutsche die Frage stellen: Wie hat meine Familie damals eigentlich reagiert? Felix Steiner wirft einen sehr persönlichen Blick zurück.

Mein Vater war ein wandelndes lokalgeschichtliches Lexikon. Und er konnte ungemein spannend erzählen. Was ich über meine Heimat und Herkunft weiß, weiß ich von ihm.

Mehrfach hat er mir auch sein Erleben des 10. Novembers 1938 erzählt. Das deutschlandweite Judenpogrom fand in der südwestdeutschen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, nämlich nicht am Abend des 9. Novembers, sondern erst ab der Mittagszeit des nachfolgenden Tages statt.

DW-Redakteur Felix Steiner (Foto: DW)

DW-Redakteur Felix Steiner

Mein Vater besuchte damals die erste Schulklasse, und die Kinder bekamen zum Unterrichtsende von ihrem Lehrer den Rat, auf dem Heimweg die Synagoge und die Häuser der Juden zu meiden, besser Umwege zu gehen. Dort könne es nämlich gefährlich sein.

Natürlich haben mein Vater und seine Freunde - typisch für Sechsjährige - den fürsorglich gemeinten Hinweis ihres Lehrers als direkte Aufforderung verstanden, nachzusehen, was denn mitten am Tag in einem Provinznest wohl so gefährlich sein könnte. Sie sahen eine brennende Synagoge, die von der Feuerwehr nicht gelöscht wurde, eingeschlagene Schaufensterscheiben und verwüstete Ladenlokale der von Juden geführten Geschäfte. Und sie wurden Augenzeugen, wie aus der Wohnung einer jüdischen Familie die gesamte Einrichtung aus den Fenstern im ersten Stock auf die Straße geworfen wurde.

Was ging in meinen Großeltern vor?

Was damals alles passiert ist in der Kleinstadt mit ihren noch rund 30 jüdischen Einwohnern, ist inzwischen bestens dokumentiert und nachzulesen. Was ich meinen Vater aber gerne noch einmal fragen würde: Wie meine Großeltern reagiert haben auf den Bericht ihres Sohnes über das, was sich da am helllichten Tag mitten in der Stadt abspielte. Ob sie versucht haben, ihm das aus heutiger Sicht Unerklärliche zu erklären. Wie sie es kommentiert haben, dass keine 300 Meter von unserem Haus entfernt Frauen und Kindern die Tür eingetreten und das gesamte Mobiliar kurz und klein geschlagen wurde, nachdem die jüdischen Männer in den frühen Morgenstunden bereits verhaftet und mit einem Sonderzug ins Konzentrationslager nach Dachau transportiert worden waren.

Die am 10. November ausgebrannte Synagoge in Gernsbach, Baden (Foto: Hauptstadtarchiv Stuttgart)

Die am 10. November 1938 angezündete Synagoge in Gernsbach, Baden

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann will ich es eigentlich gar nicht wissen. Muss es auch nicht erfragen, weil ich die Antworten im Prinzip kenne. Nein - meine Großeltern waren keine Nazis, das ist sicher. Aber sie haben weggeschaut und geschwiegen, wie Millionen andere Deutsche. Eltern von vier kleinen Kindern taugen selten als Helden oder Märtyrer. Und dass es das KZ Dachau gab und was dort passierte, das wussten sie, seit dort sozialdemokratische Lokalpolitiker inhaftiert worden waren. Außerdem ging es um die Juden - was hatten wir Katholiken mit denen schon zu tun? Deswegen etwas riskieren?

Die systematische Ausgrenzung und Entrechtung der Juden begann nicht erst im November 1938. Schon wenige Wochen nach Hitlers Machtübernahme wurde jüdischen Händlern erstmals "Kauft nicht bei Juden" auf die Schaufensterscheiben geschmiert, wurden jüdische Beamte entlassen sowie Ärzte, Anwälte und Journalisten mit Berufsverbot belegt. Dazu die Nürnberger Rassengesetze, Enteignungen und vieles andere mehr. Der 9. und 10. November jedoch - das war der Übergang zum offenen Terror vor den Augen des gesamten Volkes. Und auch meine Familie hat schweigend zugesehen. Das verstört und beschämt mich. Selbst 75 Jahre danach.

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