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Geschichte

"Alle zehn Jahre muss die NS-Zeit neu diskutiert werden"

Das sagt Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Er wehrt sich gegen die "Schlussstrich-Tendenz" in Deutschland und Österreich.

Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien (Foto: dpa)

Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien

DW: Wie sehen österreichische Historiker die Rolle Österreichs in der NS-Zeit heute?

Oliver Rathkolb: Österreichische Historker haben ihre Perspektive seit den späten 1970er Jahre nicht wirklich geändert, weil für sie immer klar war, dass es einen sehr starken Anschluss auch von innen gegeben hat, dass es ein breites Ausmaß an Kollaboration, an Mittäterschaft, gegeben hat.

Über die teils brutalen Exzesse nach dem "Anschluss" gegenüber Jüdinnen und Juden wurde auch schon viel publiziert. Was sich geändert hat, ist die öffentliche Einstellung zum "Anschluss", die Einstellung der politischen Eliten mit Ausnahme der FPÖ, die diesen Jahrestag eher still an sich vorbeigehen lassen wird.

Noch während des Krieges sahen die Alliierten in der Moskauer Deklaration von 1943 Österreich als erstes Opfer der Aggression Hitlerdeutschlands. Warum führte diese Formulierung zu einer historisch falschen Sicht der österreichischen Rolle?

Das zerstörte Wien 1945 (Foto: dpa)

Das zerstörte Wien 1945

Die Moskauer Deklaration vom 1. November 1943 hatte vor allem den Sinn, Widerstand im ehemaligen Österrech zu initiieren. Deswegen wurde nicht nur das Faktum diskutiert, dass Österreich als Staat ein Opfer war, sondern es sollte bis zur endgültigen Klärung des Staates Österreichs auch der Widerstand in Rechnung gestellt werden. Doch dieser Widerstand war nicht nennenswert. Die These hat sich nicht realisiert.

Die österreichische politische Elite aber hat sehr früh die Moskauer Deklaration halbiert und Österreich nur als Opfer gesehen. Interessant ist , dass vor allem West-Alliierten sehr früh, spätestens 1947/48, auch auf diese Doktrin aufgesprungen sind. Für die österreichische Identitätskonstruktion war das Abschieben aller Belastung und Verantwortung auf die spätere Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Krücke, um ein eigenständiges Nationalbewusstsein zu entwickeln.

Letzten Endes bedurfte es einer heftigen internationalen Debatte. Sie wurde ausgelöst durch die Diskussion der Kriegsvergangenheit des UN-Generalsekretärs und späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Es hat lange gedauert, diese Doktrin in der Gesellschaft und in der politischen Elite in Frage zu stellen und und den kritischen österreichischen Beitrag zum "Anschluss", die Rolle von Österreichern, sei es in der Wehrmacht, sei es in den Vernichtungslagern, aufzuzeigen.

Der Umschwung kam mit der Waldheim-Affäre

Also war die Frage nach der NS-Vergangenheit Kurt Waldheims 1986 eine Initialzündung für die Neubewertung der österreichischen Rolle?

Kurt Waldheim am 22.5.1943 in Podgorica, im heutigen Montenegro (Foto: AP/World Jewish Congress)

Kurt Waldheim (links) am 22.5.1943 in Podgorica im heutigen Montenegro

Ja, absolut. Rückblickend betrachtet war Waldheim ein kleiner Fisch. Er war zwar ein sehr gut informierter Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan, in Griechenland, was die Kriegsgreuel an Partisanen und an der jüdischen Bevölkerung Griechenlands anging. Aber es war sein typisch österreichischer Nichtumgang mit der eigenen Geschichte im Zweiten Weltkrieg, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Wie hat sich der Umschwung in der Wahrnehmung der österreichischen Rolle in der Gesellschaft vollzogen?

Wenn man die Geschichte anschaut, dann geschah das in Wellen. Die Jahre 1945/46 waren geprägt von Entnazifizierung und Kriegsverbrecherprozessen. In den 50er/60er Jahren gab es eine umfassende Amnestierung in Österreich: Selbst Kriegsverbrecher wurden in Geschworenengerichten freigesprochen. In dieser Phase wurde die Geschichte völlig zugeschüttet. Es musste eine neue Generation kommen, die auch den internationalen Trend der Neubewertung der Shoa in den 1980er Jahren aufgenommen hat. Es dauerte bis weit in die 1990er Jahre, bis es zu einem Wandel in der gesellschaftlichen Bewertung kam. Das kann man beispielsweise deutlich sehen in den heftigen Debatten zur Zwangsarbeiter-Entschädigung, die ab dem Jahr 2000 ausgerechnet durch eine Mitte-Rechts-Regierung realisiert wurde.

Wenn man nun den Prozess der Neubewertung des Holocaust in Deutschland mit der in Österreich vergleicht, dann scheint es, als habe dieser zehn Jahre später eingesetzt.

Die Wiener Philharmoniker befassen sich auch mit der NS-Zeit (Foto: Wiener Philharmoniker)

Die Wiener Philharmoniker befassen sich auch mit der NS-Zeit

Österreich hat überhaupt die Tendenz, gesellschaftliche Prozesse verspätet zu rezipieren, insofern sind diese zehn Jahre ein guter Maßstab. Wobei man sagen muss, dass Bundeskanzler Adenauer vor allem mit dem Entschädigungsvertrag mit Israel 1957 in Deutschland eine ganz andere staatspolitsche Ebene eingeleitet hat. Die Österreicher agierten in den 1950er Jahren völlig anders. Sie schoben alle Verantwortung auf die Bundesrepublik Deutschland ab. Das war damals der Ausgangspunkt einer unterschiedlichen Entwicklung.

Gegen die "Schlussstrich-Tendenz"

In der Gegenwart gibt es in beiden Gesellschaften ein Poblem: Umfragen zeigen, dass es sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine kritische Sicht auf den Natioanalsozialismus und den Antisemitismus gibt. Aber es existiert in beiden Staaten eine sehr starke Schlusstrich-Tendenz unter der jüngeren Generation. Die Geschichte gerade des Nationalsozialismus und des Holocaust muss eigentlich alle zehn Jahre neu diskutiert und für die Folgegeneration aufgearbeitet werden.

Wäre es nicht nun an der Zeit, sich gemeinsam - Deutsche und Österreicher - an das Thema NS-Zeit heranzutrauen, ohne Vorhaltungen und Aufrechnen der Verantwortung des jeweils anderen?

Ich würde sagen, man müsste einen Schritt weitergehen. Ich glaube, das große wirkliche Thema des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs ist: Wie mache ich daraus einen europäischen Erinnerungsort? Das wird zwar politisch immer wieder versucht, aber wenn man sich die Entwicklung in den baltischen Staaten, in Südosteruoa anschaut, so findet dort die kritische Auseinandersetzung mit der Shoa nicht wirklich statt. Das Thema wird lediglich in Museen und bestimmte Zirkel "weggeräumt".

Stolpersteine für im KZ Mauthausen ermodete Opfer des Holocaust

Stolpersteine für im KZ Mauthausen ermordeten Opfer des Holocaust

Österreich und Deutschland sollten einen stärkeren Anlauf nehmen, dieses Thema auf eine europäische Ebene zu heben. Letzten Endes ist der Nationalsozialismus der Ausgangspunkt der Ermordung der europäischen Juden. Ohne die vielfache Kollaboration in allen europäischen Staaten von Frankreich bis weit hinein in die Ukraine wäre dieser Massenmord nicht in der Form gelungen, wie er gelungen ist. Das einmal kritisch aufzuarbeiten sollte das Ziel einer neuen Auseinandersetzung mit der Shoa und dem zweiten Weltkrieg sein. Nicht zuletzt deshalb, weil sich unsere Gesellschaften durch Migration völlig zu verändern beginnen. Daher müssen wir einen neuen Ansatz finden. Davon sind wir noch weit entfernt.

Welche Bedeutung hat der der diesjährige 75. Jahrestag des "Anschlusses"?

Dieser Tag ist eine gute Gelegenheit, um klar die selbstkritische Auseinandersetzung mit der Rolle Österreichs zu thematisieren umd das Wiederaufkeimen der Opferdoktrin zu verhindern. Es schaut auf ersten Blick wie ein üblicher Staatsakt aus. Doch es gibt eine Reihe weiterer Veranstaltungen rund um den Jahrestag. Die Wiener Philharmoniker haben mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ORF einen ersten kritischen Film über die Philharmoniker während der NS-Zeit gezeigt. Es gibt viele solcher Initiativen, die zeigen: Das Thema findet nicht nur auf der staatlichen, sondern auch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene statt.

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