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Sport

Sevilla gelingt historischer Hattrick

Eine Halbzeit lang sieht es nach einem Liverpooler Fußballmärchen Marke Jürgen Klopp aus - doch dann dreht Sevilla auf und überrennt die Reds. Mann des Abends wird ein Verteidiger.

Mitten auf dem Rasen steht Emre Can und weint. Er hat sein rotes Trikot über das Gesicht gezogen, verdeckt damit seine Augen. Doch seine Schultern zucken vor Schluchzen, sein ganzer Körper bebt sichtbar vor Trauer. Der deutsche Nationalspieler vergräbt sich immer tiefer in seinen Trikotkragen, während ein Mitspieler den aufdringlichen Kameramann verscheucht. Es sind Emotionen, wie sie wohl nur ein Finale hervorruft. Emotionen, die sich das Fernsehen wünscht. Emotionen, die ausdrücken, wie sehr sich Liverpool diesen Titel gewünscht hat.

Doch aus dem großen Traum, mit Jürgen Klopp gleich aus dem Stand zum Sieg in der Europa-League zu springen, wird nichts. Denn dieses Finale von Basel sieht eine stärkere Mannschaft: den FC Sevilla. Mit 3:1 (0:1) gewinnen die Andalusier tatsächlich ihren dritten Titel in Folge in diesem Wettbewerb. Dabei hätte dieses Spiel auch ganz anders laufen können.

Kein Finale "der Verlierer"

Denn zu Beginn entwickelte sich ein munteres, ausgeglichenes Spiel im Baseler St.-Jakob-Park. Die gerade einmal 35.000 Zuschauer, die dort hineinpassen, sahen, wie beide Teams versuchten, das Spiel an sich zu reißen, den Ball zu kontrollieren und den Gegner mit ersten Aktionen zu beeindrucken. Und an der Seitenlinie ein ähnliches Bild: Jürgen Klopp in seinem Trainingsanzug, aber auch sein Gegenüber Unai Emery im Maßanzug mit Krawatte, tigerten auf und ab, gestikulierten und kommunizierten unaufhörlich mit ihren Schützlingen. Auch ohne die Worte hören zu können, machte ihre Körpersprache deutlich: Hier ging es heute um alles für diese beiden Klubs.

Fußball Liverpool vs Sevilla Europa League (Foto: Getty)

Umkämpft zu Beginn, in Halbzeit zwei einseitig: Das Finale von Basel hatte zwei Gesichter

Sowohl Sevilla als auch Liverpool gehören momentan nicht zur absoluten Elite des europäischen Klubfußballs. Doch ihre Leistung in dieser Europa-League-Saison lässt sie genau dort anklopfen. Und ganz nebenbei war sie Werbung für den Wettbewerb, den manche "Cup der Verlierer" schimpfen - und damit falsch liegen. Denn auch dieses Finale zeigte wieder die Qualität, die die Europa League zumindest in der K.O.-Phase erreicht.

Sturridge mit genialer Schusstechnik

Bei leichtem Nieselregen waren es gegen Mitte der ersten Hälfte nicht etwa die Briten, die sich etwas Übergewicht erarbeiten konnten, sondern Sevilla: Kevin Gameiro setzte nach einer Ecke zum Fallrückzieher an und sein fulminanter Schuss sauste nur knapp am linken Pfosten vorbei (32.). Die erste richtig gute Chance in dieser Partie - die interessanterweise Liverpool beflügelte. Denn nur drei Minuten später dribbelte Daniel Sturridge in den Strafraum und schlenzte plötzlich ansatzlos in Richtung langer Pfosten - Tor (35.)! Und eines der Extraklasse. Sturridges briliante Schusstechnik wurde auf den Rängen frenetisch von den Anhängern der Reds gefeiert.

Jürgen Klopp (Foto: Getty)

Kein Mann fürs Finale? Jürgen Klopp verliert erneut ein europäisches Finale. Dabei war mehr drin.

Auch von Jürgen Klopp, der kurz die Faust ballte, um dann sofort wieder mit beiden Zeigefingern auf den Kopf zu deuten, so als wolle er sagen: Spielt weiter mit dem Kopf, rennt nicht einfach an. Doch seine Elf spielte nun nahezu euphorisch nach vorne, setzte Sevilla unter Druck und eroberte den Ball schnell - Klopp-Fußball eben. Die Folge: fast das 2:0. Sturridge verpasste den Ball gleich doppelt im Strafraum (39. Und 45.) und ein Tor von Dejan Lovren gab der schwedische Schiedsrichter Jonas Eriksson nicht, weil Sturridge im Abseits stand und Sevillas Torwart David Soria irritierte. Da der Unparteiische zudem gleich drei Handspiele von Sevilla im Strafraum übersah, konnten die Andalusier von Glück reden, dass sie nur mit einem Tor Rückstand in die Pause gingen.

16 Sekunden reichen zum Ausgleich

In der Kabine musste Sevillas Coach Unai Emery wahrhaft inspirierende Worte gefunden haben, denn seine Mannschaft betrat den Rasen wie verwandelt: Nach einem überfallartigen Angriff und gerade einmal 16 Sekunden setzte sich Mariano Ferreira eindrucksvoll durch, bediente Gameiro und der staubte in der Mitte trocken ab - 1:1 (46.). Kurz darauf hätte der französische Nationalstürmer völlig allein vor Liverpools Keeper Simon Mignolet das 2:1 machen können, wenn nicht müssen, doch Kolo Touré rettete per Grätsche in letzter Sekunde. "Die Reaktion auf den Ausgleich war bescheiden", uerteilte Jürgen Klopp nach der Partie. "Wir haben jedes Zutrauen in unser Spiel verloren. Das zeigt, dass wir noch nicht weit genug sind, um solche Rückschläge wegzustecken."

Liverpool wirkte in der Tat wie gelähmt. Die Zuordnung stimmte nicht mehr im Spiel der Klopp-Elf. Bei einem simplen Einwurf war Gameiro nach einer Stunde plötzlich völlig frei und nur Mignolet verhinderte Schlimmeres für den FC Liverpool. Vier Minuten Später war auch er machtlos: Nach toller Vorarbeit von Vitolo und Éver Banega zog Coke aus vollem Lauf und halb im Fallen ab - und traf mit einem tollen Schlenzer ins lange Eck (64.). Das Spiel war gedreht. Und kurz darauf war es entschieden: Coke trifft aus abseitsverdächtiger Position zum 3:1, aber das Zuspiel kam vom Gegner, daher ein korrekter Treffer (70.). Coke mutierte zum gefeierten Mann des Abends. Der gelernte Verteidiger, der in der Primera Division gerade mal ein Törchen erzielte, entschied dieses Spiel mit seiner plötzlich erlernten Treffsicherheit.

Die Schlussphase ist schnell erzählt: Im Joggeli Stadion zu Basel war fast nur noch die Hymne des FC Sevilla zu hören, die sonst so lautstarken LFC-Anhänger verstummten mehr und mehr. Ihre Minen: fassungslos. Die Spieler: ausgelaugt. Das 3:1 schien jegliche Gegenwehr der Liverpooler zu ersticken. Dabei hatten die Reds genau solch einen Rückstand im Viertelfinale gegen Borussia Dortmund noch gedreht. Doch der St.-Jakob-Park ist nicht die Anfield Road. Ein trotziges "Never walk alone" verhallte im Baseler Abendhimmel und Sevilla, und dann war es Geschichte - dieses siebte Europa-League-Finale. Zum dritten Mal bereits Sieger: der FC Sevilla.

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