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Balkan

Serbien - das Land der Waffen

In Serbien horten die Bürger so viele Waffen wie in keinem anderen europäischen Land. Die meisten davon stammen aus den Jugoslawien-Kriegen der Neunziger Jahre - und werden noch heute bei Verbrechen eingesetzt.

"Wie meinst du das - woher ich die Knarre habe?" Mladen kann die Frage nicht so richtig nachvollziehen. Er ist fast 30, und die Pistole gehörte schon immer zum Hausrat seiner Wohnung in Belgrad. Es ist eine alte jugoslawische Variante der berühmten sowjetischen Tokarew TT-33, mit einem eingravierten kommunistischen Stern am Griff. "Die Pistole kommt von der Front. Mein Alter war in der Armee und hat sie geschenkt bekommen. Er hatte keinen Waffenschein, aber wer hatte schon sowas in den Neunzigern? Es waren harte Zeiten, man musste etwas dabei haben", erzählt Mladen, der seinen richtigen Namen nicht in den Medien lesen möchte.

Historische Waffenkultur

Niemand weiß, wie viele illegale Waffen serbische Bürger zu Hause bunkern. Selbst die Behörden hantieren nur mit vagen Schätzungen, nach denen die Zahl zwischen 200.000 und 900.000 liegen könnte. Experten halten diese Schätzungen für eher konservativ. Es handelt sich um Kurzwaffen, Sturmgewehre, Bomben - und sogar Panzerabwehrgranaten. Dazu kommen rund eine Million legale Sport- oder Jagdwaffen sowie noch eine Million Waffen im Besitz der Armee, der Polizei und der privaten Sicherheitsfirmen. Nach Schätzungen des Internet-Portals gunpolicy.org gibt es nur in den USA mehr Waffen pro Kopf als im Balkanland Serbien.

Die meisten dieser Waffen stammen aus den blutigen Kriegen der Neunziger Jahre, als Jugoslawien zerfiel. Die Episoden hießen: Slowenien, Kroatien, Bosnien, Kosovo. Nicht einmal die regulären Armeen machten sich die Mühe, ihr Kriegsinventar bürokratisch zu verwalten. Als die Gewalt ausbrach, kam die Stunde der Kampfeslustigen und Söldner, die keine Fragen stellen. Rund vier Millionen illegale Waffen sollen in sieben Republiken des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawien im Umlauf geblieben sein - die meisten davon in Serbien.

Serbien Predrag Petrović (DW/N. Rujević.)

Petrović: "Waffe als Zeichen der Macht"

"Hier herrscht eine historische Waffenkultur", sagt Predrag Petrović vom Belgrader Zentrum für Sicherheitspolitik, einer serbischen Nichtregierungsorganisation. "Das sieht man bei Feierlichkeiten, wo regelmäßig in die Luft geschossen wird. Die Waffe wird weiterhin als Statussymbol wahrgenommen, als ein Zeichen der Macht." Die Instabilität der Region habe das Gefühl befeuert, man solle lieber selbst wehrhaft bleiben. Im DW-Gespräch kritisiert Petrović auch die regierenden Konservativen im Balkanland, die einen "Verfolgungswahn" förderten - mit Gerede über angebliche ausländische Agenten oder drohende Staatsstreiche, die ihre Wähler mobilisierten. "Das alles macht den Menschen Angst", sagt Petrović.

"Wollt ihr ein unbewaffnetes Volk?"

Eine andere Belgrader NGO, das Forschungszentrum für öffentliche Politik, stellte durch Umfragen fest, dass sich rund 70 Prozent der Serben in ihrem Land sicher fühlen. Doch nicht, weil sie etwa den Institutionen oder dem Sicherheitsapparat vertrauen, sondern weil sie sich auf sich selbst, Nachbarn und Freunde verlassen. "Klar soll man Waffen haben, schade nur, dass wir nicht noch mehr haben. Wollt ihr etwa ein unbewaffnetes und ohnmächtiges Volk, um mit ihm zu machen, was ihr wollt?", bemerkte ein User auf der serbischen Facebook-Seite der DW. Hunderte von anderen Kommentatoren argumentieren ähnlich.

Doch die Nachrichten sprechen eine andere Sprache: Darin sucht man vergeblich nach Fällen von Bürgern, die sich mit einer Schusswaffe erfolgreich verteidigen oder sogar ein Verbrechen vereiteln. Dafür gibt es in Boulevardblättern viele Berichte über Morde und gelegentlich Amokläufe. Im Juli sorgte ein Fall aus dem nordserbischen Dorf Žitište für Empörung: Ein eifersüchtiger Mann ermordete seine Ex-Frau und vier weitere Menschen in einer Kneipe, 22 weitere Personen wurden verletzt. Hätte er keine illegale Waffe zu Hause gehabt, wäre die Nacht bestimmt nicht so grausam verlaufen. Doch die hatte er - und es war sogar eine Kalaschnikow.  

Serbien Handfeuerwaffen Arkan (Getty Images/AFP/M. Vukadinovic)

Željko Ražnatović Arkan (in der Mitte, auf seiner Hochzeit 1995) war der mächtigste Kriminelle des Landes bis zu seiner Ermordung im Jahr 2000

Auf der Grundlage von Medienberichten untersuchte das Forschungszentrum für öffentliche Politik 400 Fälle von Waffenmissbrauch in Serbien. Demnach wurden illegale Schusswaffen in 120 Fällen benutzt - sechs Mal öfter als legale. In anderen Fällen konnten die Forscher nicht klären, ob der Täter einen Waffenschein hatte. "Eine Waffe zu besitzen, ist an sich kein Problem. Aber die Waffen werden auch eingesetzt, um Streitigkeiten im Alltag auszutragen", sagt der Sicherheitsexperte Petrović.

Auch der Schwarzmarkt floriert. Während in Serbien selbst eine Pistole schon für 100 Euro zu haben ist, bringt der "Export" üppige Gewinne. Bei den Terroranschlägen in Paris Ende 2015 wurden mehrere alte M72-Sturmgewehre eingesetzt, die vom serbischen Hersteller "Zastava" produziert worden waren. Solche Gewehre sind auch oft auf aktuellen Bildern aus Syrien und dem Irak zu sehen - in den Händen von Dschihadisten, Rebellen oder Freischärlern.

Der zahnlose Staat

Seit 1992 gab es in Serbien bereits sieben staatliche Initiativen zur Legalisierung der Waffen. Dabei bietet der Staat seinen Bürgern einen Deal an: Bring die Waffe zurück, und wir fragen nicht, woher sie kommt. Der Erfolg war bisher eher mäßig - insgesamt wurden rund 100.000 illegale Waffen abgegeben oder legalisiert, fast 83.000 davon im Jahr 2003. Damals hatte die Polizei nach der Ermordung des Premiers Zoran Đinđić eine groß angelegte Aktion gegen das organisierte Verbrechen gestartet. Doch seitdem fühlten sich die Bürger offensichtlich nicht mehr dazu motiviert, illegale Pistolen und Gewehre zurückzugeben.

Kosovo Handfeuerwaffen serbischer Polizist (picture-alliance/dpa/S. Stankovic)

Ein serbischer Kämpfer im Kosovo (1999): Die meisten Waffen stammen aus den Kriegen der Neunziger Jahre

Predrag Petrović führt das Beispiel der Vereinigten Staaten an, wo seit Jahrzehnten einige Städte und Staaten für die Rückgabe von Waffen sogar Geld anbieten. Auch das brachte nicht viel, denn "die Zielgruppe, die Waffen hortet, um sie eventuell irgendwann zu nutzen, möchte diese unter keinen Umständen zurückgeben". Man solle vor allem darauf achten, dass die Waffen nicht in die Illegalität gelangen. "Was die Kriegswaffen betrifft, ist es aber zu spät dafür", stellt Petrović pessimistisch fest.

Mladen, der junge Mann, dessen Vater die Pistole nach Hause brachte, findet die Waffe heute nicht mehr so interessant. Die Zeiten sind vorbei, als er sich vor seinen Schulkameraden damit brüstete. Inzwischen sei die Waffe legalisiert worden und liege wie eine Trophäe in einem Safe. "Für mich bedeutet sie aber auch Sicherheit", sagt er. "Es gibt viele Einbrecher in Belgrad. Bisher haben wir die Pistole nicht ausprobiert, aber ich bin mir sicher: Diese Dinger funktionieren 500 Jahre lang."

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