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Afrika

Senegals Sufis unter Druck der Extremisten

Weltoffen und tolerant ist der Islam im Senegal und stark von Sufi-Bruderschaften geprägt. Die aber geraten im Zuge einer islamistischen Internationale vermehrt unter Druck, beobachtet mit Sorge Bakary Sambe.

Der Islam im Senegal ist von Sufi-Bruderschaften geprägt. Diese Religion gibt es im Land seit dem Mittelalter. Sie ist heute die Glaubensrichtung von gut 90 Prozent der Senegalesen. Die Islamisierung erfolgte friedlich - in verschiedenen Etappen und auf unterschiedlichen Wegen, je nach historischem Kontext.

Der Senegal bildet soziokulturell eine Verlängerung der Maghreb-Länder nach Süden. Die gesellschaftlichen Umwälzungen der jüngsten Zeit in der arabischen Welt brachten eine Verbreitung des radikalen Islams mit sich. Sie wird auch den Senegal betreffen. Wie wird diese Konfrontation des moderaten lokalen Islams mit radikaleren Strömungen in der Sahel-Region ausgehen? Die Krise in Mali und die geopolitischen Veränderungen haben einen Vorgeschmack auf mögliche Entwicklungen gegeben. Man muss damit rechnen, dass auch der senegalesische Islam unter Radikalisierungsdruck gerät.

Bakary Sambe

Bakary Sambe leitet das Timbuktu Institute-African Center for Peace Studies in Dakar

Noch ist radikales islamistisches Gedankengut im Land in der Minderheit. Aber immer öfter stellen radikale Gruppen die islamischen Bruderschaften in Frage: Die Extremisten sehen in ihnen ein Hindernis, die "wahrhaftig islamische Gesellschaft“ umzusetzen.

Für die Mehrheit der Muslime im Senegal ist der Islam eine "Religion des Friedens, der Toleranz, die dem Zwang den Dialog vorzieht". Noch wird der "Dschihad“, in der Form wie ihn etwa Ansar Dine predigt (diese Gruppe zerstörte z.B. Mausoleen islamischer Heiliger in Timbuktu), abgelehnt. Beruhigen lassen sollte man sich dadurch aber nicht. Gewalt verbreitende Gruppen sind meist eine Minderheit – aber mit dem Potenzial, sehr viel Unheil anzurichten.

Schleichende Ausbreitung von religiösem Fanatismus

Der Diskurs pro-Dschihad findet in verschiedenen Schichten der senegalesischen Gesellschaft Gehör – unter anderem bei marginalisierten Jugendlichen in Stadtrand-Gebieten. Schleichend breitet sich ein religiöser Radikalismus aus. Doch die meisten Senegalesen scheinen das nicht wahrzunehmen. Sie gehen davon aus, dass ihr Land nicht mit Mali vergleichbar sei. Sie hoffen, die Bruderschaften könnten als Bollwerk gegen den Einfluss der Extremisten dienen.

Diese Hoffnung ruht auf dem Glauben an eine tiefsitzende Friedfertigkeit der Senegalesen sowie der Überzeugung, sie würden sich nicht mit Gewalt propagierenden Ideologien identifizieren. Dass sich während der Amtszeit des früheren Präsidenten Abdoulaye Wade junge Demonstranten vor dem Präsidentenpalast selbst verbrannt haben, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Dasselbe gilt für Szenen der Gewalt auf den Straßen vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012. Wer willens war, konnte darin durchaus Zeichen einer tiefgründigen Veränderung der Gesellschaft erkennen - vor allem, was den Umgang mit Gewalt angeht.

Radikal-islamistische Strömungen gibt es im Senegal schon seit Mitte der 1980er Jahre – angefangen bei den Muslimbrüdern bis hin zum wahhabitischen Salafismus. Sie lehnen die traditionellen Sufi-Bruderschaften ab als "Verfälschung des reinen Islam", den sie angeblich wiederherstellen wollen. Diese Ansicht wird von weiteren sogenannten "takfiristischen" Strömungen geteilt. Takfiri sind sunnitische Muslime, die sich im Besitz einer allein gültigen Wahrheit wähnen und andere Muslime als "Abweichler" und "Gottlose" verurteilen. Oft rufen sie zum Dschihad gegen die von ihnen als "gottlos" betrachtete Gesellschaft auf.

Mali Timbuktu Ansar Dine Islamisten Gruppe Mausoleum

Islamisten der Gruppe Ansar Dine zerstörten - unter anderem - Mausoleen muslimischer Heiliger in Timbuktu.

Als anti-islamisch gewertete Praktiken werden ebenso angegriffen wie alles, was mit der westlichen Welt zu tun hat oder sich davon inspirieren lässt. Der säkulare Staat wird zum Angriffsziel des radikal-islamistischen Diskurses. Ausländische Militärstützpunkte und diplomatische Vertretungen im Senegal sind aus dieser Sicht bedeutsam genug, damit das Land sich von dschihadistischen Bewegungen bedroht fühlen kann.

Lokale Traditionen unter Druck

Jüngere Studien zum Islam im Senegal vernachlässigen oft den Wandel des religiösen Diskurses seit den 1970er Jahren: Damals kam die Idee des "islamischen Bewusstseins" auf. Zuvor war eine neue arabisch-sprachige Elite aus arabischen oder islamischen Universitäten aufgekommen. Diese Elite kämpfte gegen die Hegemonie der Franzosen. Der Mythos eines transnationalen islamischen Bewusstseins fand in allen gesellschaftlichen Schichten Verbreitung – sogar in den Bruderschaften. Er sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Muslimen bestärken und glauben machen, dass alle Muslime eine transnationale Gemeinschaft bilden. Inzwischen wandelt sich die Idee des "islamischen Bewusstseins" vermehrt zu einer politischen Strömung, die fremde Ideologien einbezieht: den Salafismus, den Wahhabismus und manchmal sogar den Dschihadismus. Manche, die von den Bruderschaften enttäuscht wurden, weil diese gelegentlich zu sehr in komplexen politischen Fragen verstrickt sind, wenden sich einem Islam zu, der sich "modern und rationalisiert" gibt, aber zutiefst rückwärtsgewandt ist. Diese neue Strömung findet sogar in der intellektuellen Elite Anhänger. Diese Strömung ist empfänglich für die Forderungen des internationalen Islamismus. Sie schafft Kategorien von Gläubigen, die sich keiner Nation zugehörig fühlen und somit zu idealen Rekruten für den internationalen Dschihadismus werden: Unter anderem für AQIM (Al-Qaida im islamischen Maghreb), die ihr Image mit dem geschickten Einsatz sozialer Medien modernisiert.

Derzeit spielen die Bruderschaften noch die Rolle des Bollwerks gegen radikale Formen des Islamismus. Aber sowohl die islamistischen Akteure als auch ihre Ideologien werden immer transnationaler und spielen auch im Senegal eine wachsende Rolle. Das äußert sich in zunehmenden Spannungen zwischen einer traditionellen lokalen Religiosität einerseits und internationalen radikalen Einflüssen andererseits - insbesondere in der instabilen Sahel-Region mit ihren durchlässigen Grenzen.

Übersetzung aus dem Französischen: Sandrine Blanchard

Dr. Bakary Sambe ist Leiter des Timbuktu Institute-African Center for Peace Studies, Koordinator der Beobachtungsstelle der Radikalismen und religiösen Konflikte in Afrika, Autor des Buches „Boko Haram, du problème nigérian à la menace régionale“ (2015), das von der Konrad- Adenauer-Stiftung in Berlin ins Deutsche übersetzt wurde "Von der Protestbewegung zum Terrorismus: Entstehung und Ziele von Boko Haram".
Link: www.kas.de/wf/doc/kas_44736-544-1-30.pdf?160517141816

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