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Kultur

Schwieriges Dasein

Der Irak unterdrückt die Christen - behaupten die USA. Doch für Nahost-Experte Matthias Kopp sind die Vorwürfe Unsinn: Die irakischen Christen hätten einige Freiheiten, und Konflikte mit Muslimen seien selten.

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Christen im Irak - unterlegen, aber nicht unterdrückt

Trotz der offiziellen Trennung von Kirche und Staat ist im Irak der Islam praktisch Staatsreligion. Mehr als 95 Prozent der Iraker sind Muslime. Was wenige wissen: In dem Golfstaat gibt es auch eine beachtliche Zahl an Christen: 600.000 bis 800.000 sollen es sein. Die meisten leben im Norden des Landes, die anderen wohnen vor allem in den großen Städten Bagdad und Basra. Doch diese Christen würden vom irakischen Regime unterdrückt, erklärten kürzlich die USA. Im Irak sei die Religionsfreiheit nicht garantiert - ebenso wenig wie in den anderen Staaten auf der von US-Präsident George Bush so genannten "Achse des Bösen": China, Birma, Iran, Nordkorea und Sudan.

Attacken sind die Ausnahme

Dieser Vorwurf stößt auf Protest. Zum Beispiel beim Kölner Theologen und Nahost-Experten Matthias Kopp. "Diese Liste ist bar jeder Realität", schimpft er. "Saddam Hussein hat über Jahrzehnte den Christen relative Freiheiten gelassen." Er habe ihnen erlaubt, Kirchen zu bauen. Und er habe versucht, sie gegen Übergriffe radikaler Islamisten zu schützen. Solche Attacken hätten sich zwar "in letzter Zeit im Zuge eines sich schleichend radikalisierenden Islam" etwas verstärkt. Doch letztlich gehe es den Christen im Irak ganz gut - im Gegensatz etwa zu einem Land, das US-Präsident Bush nicht auf der Liste hat: Saudi-Arabien.

Dass Christen und Muslime im Irak so friedlich nebeneinander leben, wirkt überraschend, genauso wie das gute Verhältnis der vielen christlichen Konfessionen zueinander. Es gibt assyrische, armenische, syrisch-orthodoxe Christen, weitere orthodoxe Gruppierungen, rund 15.000 Protestanten und die mit Rom verbundenen katholischen Kirchen. Die wichtigste christliche Religionsgemeinschaft sind mit rund 400.000 Mitgliedern die katholischen Chaldäer, eine der ältesten Gemeinschaften des Christentums. Allen Kirchen gemeinsam ist die arabische Sprache im Gottesdienst. Unterschiedliche theologische Auffassungen spielen im Alltag kaum eine Rolle, erklärt Kopp: "Alle verstehen sich als Iraker, seien es Christen oder Muslime."

Toleranz in der Stadt, Spannung auf dem Land

Christen im Irak praktizieren eine vorbildliche Ökumene - wenngleich unter tragischen Vorzeichen. In den vergangenen Jahren haben die verschiedenen Konfessionen beispielsweise ihre Einrichtungen parallel genutzt. Konfessionelle Krankenhäuser kannten keine Glaubensbarrieren; ein gemeinsamer Religionsunterricht war selbstverständlich.

Kirche in Dahuk

Kurdische Jungen spielen Fußball vor der christlichen Barani-Kirche im nordirakischen Dahuk

Nach Beginn des US-Embargos habe der Irak versucht, auf die Christen Einfluss zu nehmen, stellt der Nahost-Experte fest: "Wir haben erlebt, dass der Staat versuchte, den Religionsunterricht zu kontrollieren." Das kirchliche Leben sollte auf Wohlfahrt, Krankenhäuser und den Kirchenraum konzentriert werden. Und wer in der Pfarrgemeinde einer Jugendgruppe engagiert sei, müsse auch Mitglied in der "Jungschar" der Baath-Partei sein, erklärt Kopp. Auf dem Land seien solche Einschränkungen aber gravierender als in den großen Städten.

Auch beim Miteinander zwischen Christen und Muslimen muss nach Kopps Worten zwischen den Verhältnissen in den großen Städten und auf dem Land differenziert werden. Während es in den Städten keine Konflikte gebe, sei die Situation auf dem Land für kleine Ethnien problematischer; vor allem wegen der sozialen Spannungen. Doch dieses Phänomen sei weltweit zu beobachten - und keineswegs typisch für den Irak.

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