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Nahost

Schweinegrippe oder Religionsdebatte?

Noch kein einziger Fall von Schweinegrippe ist in Ägypten bekannt, doch die Regierung will alle Tiere schlachten lassen. Die Krankheit hat in der Region eine teilweise erbitterte Debatte ausgelöst.

Ägypten geht gegen die Schweinegrippe vor - mit umstrittenen Mitteln, Foto: dpa

Ägypten geht gegen die Schweinegrippe vor - mit umstrittenen Mitteln

In Ägypten beruhigte sich die Lage nach den gewaltsamen Zusammenstößen vom Sonntag wieder etwas. In dem Kairoer Armenviertel Manschiet Nasser protestierten nach Angaben der Behörden abermals Christen gegen die staatlich verordnete Schlachtung ihrer Tiere. Die Polizei beendete die Protestaktion. Es sei aber nicht zu neuerlichen Zusammenstößen zwischen den Slumbewohnern und der Polizei gekommen.

Rund 300.000 ägyptischen Schweinen soll der Garaus gemacht werden, Foto:dpa

Rund 300.000 ägyptischen Schweinen soll der Garaus gemacht werden

Vergangene Woche hatte die Regierung beschlossen, dass alle rund 300.000 ägyptischen Schweine geschlachtet werden sollen - obwohl in Ägypten noch kein einziger Fall von Schweinegrippe bekannt geworden ist. Dennoch hat die Krankheit in der Region eine heftige Debatte ausgelöst, die teilweise groteske Züge trägt. Dabei scheint es weniger um die Krankheit zu gehen als um religiöse Auseinandersetzungen zwischen der muslimischen Mehrheit und der christlich-koptischen Minderheit im Land. Denn glaubensstrenge muslimische Politiker, aus deren Sicht das Schwein ohnehin ein unreines Tier ist, das man nicht essen darf, wittern nun eine günstige Gelegenheit, um den ungeliebten Tieren den Garaus zu machen. Die Muslimbruderschaft vertritt sogar die These, die Schweinegrippe sei gefährlicher als die Wasserstoffbombe.

Deutliche Kritik am Vorgehen der ägyptischen Regierung

Schweine werden in Ägypten nur von der christlichen Minderheit der Kopten gehalten. Für sie stellt die Schweinezucht oft eine wichtige Einkommensquelle dar. Denn die Schweine liefern den Menschen nicht nur Schinken, sondern fressen auch den Abfall aus den stinkenden Gassen der Müllsammler-Viertel von Kairo. "Die ägyptische Regierung zerstört so nicht nur die Lebensgrundlage zehntausender verarmter Kopten, sondern macht wider besseren Wissens die religiöse Minderheit zum Sündenbock für die Ausbreitung der Schweinegrippe", kritisiert Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. "Ägyptens Behörden scheinen sich mit ihrem Aktionismus auf Kosten der Minderheit profilieren zu wollen."

Heftige Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten in Kairo, Foto: dpa

Heftige Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten in Kairo

Kritik am Vorgehen Ägyptens kommt auch von den Vereinten Nationen. "Das ist ein wirklicher Fehler", kommentierte der Chefveterinär der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, Joseph Domenech, die Entscheidung der Regierung. Es gebe keinen Grund, die Tiere zu töten weil es sich bei der Schweinegrippe nicht um eine Tierseuche, sondern eine Erkrankung von Menschen handele. Die Regierung bezeichnete das Keulen der Schweine auch nur als reine Vorsichtsmaßnahme. Damit soll einer Panik in der Bevölkerung vorgebeugt werden.

Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen wütenden Schweinezüchtern und Sicherheitskräften waren in Ägypten am Sonntag mindestens 20 Menschen verletzt worden. In einem Vorort der Hauptstadt Kairo wurden Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen, die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Nach Angaben der Sicherheitskräfte wurden zwölf Polizisten und acht Demonstranten bei den Auseinandersetzungen im Großraum Kairo verletzt, 14 Demonstranten wurden festgenommen. Angesichts der massiven Proteste gegen die von der Regierung angeordnete Schlachtung aller rund 300.000 Schweine in Ägypten kündigten die Behörden Entschädigungen in Höhe von bis zu 35 Euro pro Tier an. (sm/dh/ap/afp/dpa)

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