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Wirtschaft

Schwarzer Juli in Frankreichs Atomindustrie

Schon wieder ist es zu einem Zwischenfall in einer französischen Atomanlage gekommen. Während die Franzosen normalerweise nonchalant über solche Vorfälle hinwegsehen, machen viele sich diesmal Sorgen um ihre Gesundheit.

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In der Atomanlage Tricastin proben Mitarbeiter einen Katastrophenfall

Atomanlage Tricastin an der Rhone in Südfrankreich

Tricastin gilt als weltgrößte Atomenergie-Anlage

Die Pannenserie in französischen Atomanlagen reißt nicht ab: Durch ein Leck in einem Reaktor der Atomanlage Tricastin in Südfrankreich trat am Mittwoch (23.07.2008) radioaktiver Staub aus. Hundert Beschäftigte wurden damit "leicht kontaminiert", wie eine Sprecherin des Kraftwerks mitteilte.

Es war bereits der vierte Zwischenfall in einer französischen Atomanlage in diesem Monat. Am 7. Juli hatte Tricastin über Frankreich hinaus für Schlagzeilen gesorgt, als aus einem Betrieb zur Reinigung radioaktiv verstrahlter Materialien 18.000 Liter uranhaltige Flüssigkeit in die Umwelt gelangten. Eine Gefahr für die Bevölkerung bestand nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde (ASN) nicht. Am 17. Juli wurde ein undichtes Kanalisationsrohr in einer Brennstäbe-Fabrik in Romans-sur-Isère entdeckt, aus dem zwischen 120 und 750 Gramm Uran ausgelaufen waren. Einen Tag später wurden in einer Atomanlage in Saint-Alban im Südosten Frankreichs 15 Arbeiter bei einer Inspektion verstrahlt. Der Betreiber Électricite de France (EDF) machte diesen Vorfall erst zwei Tage später öffentlich.

Sackgasse statt "Königsweg"

Die Kette der Unfälle ruft unter Frankreichs Atomkraftgegnern heftige Kritik hervor: "Das sind schwerwiegende Vorfälle", sagt Stephane Lhomme, Sprecher vom Dachverband Sortir du Nuléaire (Atomausstieg) im Gespräch mit DW-WORLD. "Die kontaminierten Menschen werden in einigen Jahren Krebs haben, weil das radioaktive Material über ihre Haut aufgenommen wurde. Dagegen kann man nichts machen. Das ist absolut tragisch und darf nicht heruntergespielt werden."

Greenpeace teilte mit: "Hinter den gehäuften Pannen zeigt sich das Scheitern einer gefährlichen, teuren und unnützen Branche." Während man die Atomkraft als Königsweg zur Energiesicherheit anpreise und den Bau neuer Reaktoren verkünde, werde die schlichte Wahrheit deutlich: "Kernkraft ist schmutzig, gefährlich und wird nicht beherrscht."

Weltgrößtes Kraftwerk

Tricastin ist nach Recherchen der Nachrichtenagentur AFP die größte Atomanlage der Welt. Der Komplex an der Rhône ist seit Mitte der 70er Jahre in Betrieb und wird von dem Staatskonzern Areva und dem früheren Staatsunternehmen EDF betrieben. Die Anlagen erstrecken sich über 600 Hektar und lieferten im vergangenen Jahr etwa eine Milliarde Kilowattstunden Strom - soviel wie nie zuvor. Die Energie entsteht in vier Atomreaktoren mit einer Leistung von 900 Megawatt. Etwa sechstausend Menschen arbeiten für Areva und EDF in Tricastin.

Das jüngste Leck ist nach Medienberichten nicht nur eine Blamage für die Betreiber, sondern auch für Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Denn der Areva spielt eine wichtige Rolle bei Sarkozys Bemühungen, französische Atomtechnologie weltweit zu verkaufen. Der Konerzn betreibt in Frankreich 59 Reaktoren, in denen fast 80 Prozent des Stromes erzeugt werden. Eine größere Abhängigkeit von Atomstrom hat nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP kein anderes Land. Areva hat bereits einige Reaktoren im Ausland gebaut, weitere sollen hinzukommen.

Uranlösung aus französischer Atomanlage ausgetreten

Aufräumarbeiten nach dem Unfall in Tricastin am 7. Juli

Sorge um Gesundheit

Die französische Öffentlichkeit misst Pannen dieser Art für gewöhnlich wenig Bedeutung bei. Dafür sind es wohl schlicht zu viele. Nach Angaben von Umweltminister Jean-Louis Borloo gibt es jedes Jahr mehr als hundert "kleinere Unregelmäßigkeiten" in der französischen Atomindustrie. Diesmal sind jedoch zumindest viele Franzosen in der Region Tricastin besorgt um ihre Gesundheit. Grund dafür sind vor allem hohe Uranwerte im Grundwasser. Messungen nach dem Unfall vom 7. Juli zeigten von Tag zu Tag starke Schwankungen. Das Institut für Strahlenschutz und Atomsicherheit (IRSN) schloss aus, dass dies Folge der jüngsten Verschmutzung sein könnte. Deshalb keimt um Tricastin die Vermutung, dass das Uran schon viel früher in die Umwelt gelangt sein könnte. Unter Verdacht steht unter anderem ein mit Gras bewachsener Hügel am Rande der Atomanlage. Unter ihm lagern 15.000 Kubikmeter atomare und chemische Abfälle des französischen Militärs aus den 70er Jahren.

Je älter, desto gefährlicher

Lhomme meint, es werde künftig immer häufiger zu Atomunfällen kommen, denn sehr viele Kraftwerke seien mittlerweile 30 oder 40 Jahre alt und würden mit zunehmender Betriebsdauer immer störanfälliger. "Wenn diese Atomkraftwerke am Netz bleiben", warnt er, "steuern wir auf ein französisches Tschernobyl zu."

Von den Aufsichtsbehörden ist nach Lhommes Worten keine wirksame Kontrolle zu erwarten. "Die schützen die Atomindustrie in Frankreich", sagt der Atomkraftgegner. Auch den wissenschaftlichen Instituten könne man nicht vertrauen. "Die behaupteten, es sei ungefährlich, aber die Situation der Atomindustrie in Frankreich ist ein absolutes Desaster."

Bauern reagieren

Die Weinbauern in der Region Tricastin ziehen jetzt eigene Konsequenzen aus den schlechten Schlagzeilen. Bisher verkaufen die Winzer ihre Produkte unter der Herkunftsbezeichnung "Côteaux du Tricastin". Voraussichtlich mit der Ernte 2009 soll ein neues Gütesiegel eingeführt werden, das keine namentliche Verbindung zu der Atom-Region erkennen lässt. Das kündigte einem AFP-Bericht zufolge der Vorsitzende des örtlichen Gütesiegelverbands AOC, Henri Bour, an. "Kernkraft und Lebensmittel gehen in den Köpfen der Verbraucher nicht sehr gut zusammen", begründete er die Pläne seines Verbands.

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