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Deutschland

"Schule ohne Rassismus" - schöner Schein?

Wofür steht das Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage"? Und wie kann es sein, dass es an einer Mitgliedsschule zu einem antisemitischen Übergriff kam? Ein Erklärversuch.

Ein jüdischer Junge wird wegen seiner Religion von Mitschülern beschimpft und sogar tätlich angegriffen. Was sich nach einer traurigen Geschichte aus der Nazizeit anhört, geschah dieses Jahr an der Friedenauer Gemeinschaftsschule im Berliner Ortsteil Schöneberg. Die Eltern des 14-Jährigen nahmen ihren Sohn daraufhin von der Schule. Schulleiter Uwe Runkel bekundete in einem offenen Brief "Bedauern und Entsetzen" über den Fall. Gegen die Täter wurde Strafanzeige erstattet.

Die Friedenauer Schule ist Mitglied im Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" (SOR - SMC). Beigetreten ist sie erst 2016, damals haben sich laut Runkel fast 80 Prozent der Schüler, Eltern und Lehrer für das Projekt ausgesprochen. Jetzt drängt sich die Frage auf, wie das mit dem Angriff zusammenpasst.

Hamburg Talmud Tora Schule (picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangt eine Aufklärung des Angriffs auf einen jüdischen Schüler

"SOR - SMC" ist ein Projekt des Vereins Aktion Courage und wurde 1995 ins Leben gerufen. Die Ziele des Vereins sind "die Förderung der Zusammenarbeit und Verständigung zwischen Angehörigen verschiedener Nationen…, die Beseitigung von Fluchtursachen, die Überwindung von Intoleranz und Hass und die Lösung sozialer Konflikte".

Eine Lehranstalt muss keinen bestimmten Test bestehen, um zur "Schule ohne Rassismus" zu werden. Stattdessen sollen Schüler eine Initiative gründen, um das Projekt bei ihren Mitschülern und Lehrern bekannt zu machen. "Eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!" heißt es dazu im Infoblatt von Aktion Courage.

Von Schülern für Schüler

Im Anschluss müssen mindestens 70 Prozent aller Schüler, Lehrer und Schulangestellten den Aufnahmeantrag unterschreiben. Dann bekommt die Schule eine große Plakette - die zeigt an, dass sie Mitglied geworden ist bei "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage".

Sanem Kleff (Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage)

Kleff: "Schüler aktiv beteiligen"

Auf der Internetseite des Projekts wird betont, dass das Ganze ein Projekt von Schülern für Schüler ist. Es soll nicht von Lehrern durchgesetzt werden, sondern von den Kindern und Jugendlichen selbst kommen.

"Unsere Intention ist, die Schülerinnen und Schüler als aktive Akteure in den Schulentwicklungsprozess mit einzubeziehen", sagte Sanem Kleff, die Leiterin von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", der Deutschen Welle. "Ich wünsche mir, dass Schulentwicklung maßgeblich durch die Schülerinnen und Schüler mitgeprägt wird und dass sie dabei eine Stimme haben."

Nur schöner Schein?

Mehr als 2400 Lehranstalten mit etwa einer Million Schülern in ganz Deutschland sind Mitglied bei "SOR - SMC". Die Jugendlichen an "Schulen ohne Rassismus" sollen sich dafür einsetzen, dass es an ihrer Schule Aktivitäten und Initiativen gibt, um Diskriminierung zu überwinden. Mindestens einmal im Jahr soll es ein schulweites Projekt zum Thema geben, um gegen jegliche Arten von Diskriminierung vorzugehen. Dabei werden die Schulen von den Landeskoordinationsstellen des Netzwerks und von Kooperationspartnern unterstützt. In Berlin gehören dazu beispielsweise das Jüdische Museum. 

Zu den Pflichten der Schüler gehört es außerdem, Widerstand zu leisten, wenn an ihrer Schule "Gewalt geschieht, diskriminierende Äußerungen fallen oder diskriminierende Handlungen ausgeübt werden", heißt es auf der Website des Projekts.

Doch an der Friedenauer Gemeinschaftsschule kam es zweimal hintereinander zu genau solchen diskriminierenden Handlungen, obwohl sie eine "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist. Ist die Mitgliedschaft im Netzwerk letztlich nicht mehr als ein schöner Stempel?

Deutschland Schild «Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage» hängt am Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasium in Wolmirstedt (picture-alliance/dpa/P. Gercke)

Was bedeutet die Mitgliedschaft im Verbund "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" wirklich?

Das bestreitet Schulleiter Uwe Runkel vehement. In seinem offenen Brief schreibt er, dass Rassismus und Diskriminierung Schwerpunktthemen an seiner Schule seien, gerade weil sie im Alltag immer noch eine Rolle spielten. Dagegen vorzugehen sei ein Prozess, bei dem alle Beteiligten dazulernten.

"Hinter einem Thema und dessen Bearbeitung zu stehen heißt nicht, dass man es ausradieren kann und auch nicht, dass Fehler oder Fehleinschätzungen im Umgang mit Problemen ausgeschlossen sind", schreibt Runkel.

Auch Kleff sagt, dass ein Vorfall wie der in Berlin nicht bedeutet, dass die Schule keinen Erfolg im Anti-Rassismus Netzwerk hat.

"Ich sage nicht - Oh Mein Gott, wie konnte das passieren?", so Kleff. "Die Frage ist, wie geht die Schule damit um? Und ich kann nur sehen, dass diese Schule sehr wohl Schritte unternommen hat."

Die Schulleitung stellte nach dem Vorfall Kontakt zur Initiative Salaam-Shalom her, die sich gegen Antisemitismus und Islamophobie engagiert. Außerdem findet in dieser Woche an der Friedenauer Schule ein vom "SOR -SMC" Netzwerk mitorganisierter Theaterworkshop zum Thema Diskriminierung statt. Der war bereits vor dem Angriff auf den jüdischen Schüler geplant gewesen.

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