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Digitales Leben

Schlussmachen in 160 Zeichen

Tippende Teenies, kaputte Gelenke, pixelige Urlaubsfotos - seit 20 Jahren schreibt die Welt SMS. Ihre Zeit geht zwar bald dank WhatsApp & Co. zu Ende. Die Kurznachrichten aber bleiben. Und damit die Geschichten.

Simsen ist ein neues Wort im Duden. Du hast gesimst, er/sie simste. Damit gehört das Wort zum deutschen Wortschatz dazu, ganz offiziell. Simsen steht für "eine SMS schreiben". "SMS" ist weiblich und steht für "Short Message Service". Die Möglichkeit, in 160 Zeichen eine Botschaft zu übermitteln. Soweit die Eckdaten.

Kurz nachdem die erste SMS am 3. Dezember 1992 verschickt wurde, begann auch der Siegeszug des Handys als Kommunkationstool für die Hand- und Hosentasche. Heutzutage werden in Deutschland schätzungsweise 115 Millionen Kurznachrichten pro Tag versendet. Ein kurzer Gruß, eine schnelle Mitteilung, später kamen dann noch die Fotos dazu. Die pixeligen Urlaubsgrüße, die kein Mensch richtig erkennen konnte – aber immerhin die Postkarte ersetzten.

Wie konnte man nur ohne?

Das Simsen gehört heute zum täglichen Leben dazu, wie Essen oder aufs Klo gehen. Um die Kurzmitteilung ranken sich zum Teil schräge Geschichten. Zum Beispiel die von der jungen Frau, die tagelang auf eine SMS des verschollenen Liebhabers gewartet hatte. Als dann endlich eine Kurzmitteilung kam, traute sie sich nicht, sie zu öffnen, sondern ist stundenlang um ihr Handy herumgeschlichen, hat sich Mut angetrunken, bis sie sich doch traute. Sie öffnete mit klopfendem Herzen die Kurznachricht und fand eine Meldung des Mobilfunkanbieters mit Tarifinformationen.

Ihre große Zeit hatte die SMS mit den klassischen Handys, wie sie seit Ende der 1990er Jahre verbreitet waren. Foto: DW/Brunsmann Hinweis: Auf dem Foto ist ein Nokia 6210 zu sehen, das Modell stammt aus dem Jahr 2000

Gute Nachricht oder schlechte Nachricht?

Anders die Erfahrung von Hunderttausenden, die per SMS die Mitteilung bekommen haben, dass sie von nun an wieder Single sind. Die ehemalige Verlobte des Tennisveteranen Boris Becker löste die Verlobung mit einer SMS: "Entweder du meldest dich oder es ist vorbei." Wer hat nicht irgendwann in seinem Leben eine solche Meldung bekommen? Selbst die Autorin dieses Textes ist nicht verschont worden: "Es ist besser, wenn wir dieses Theater jetzt beenden."

Schlussmachen per sms – ein großes Thema, das sogar die Deutsche Knigge-Gesellschaft beschäftigte. 92 Prozent der Deutschen finden es laut "Bild"-Zeitung zwar unmöglich, eine Beziehung auf elektronischem Wege zu beenden. Doch die Knigge-Gesellschaft, die unsere Benimm-Regeln festlegt, sieht das anders. "Neue Medien erfordern neue Umgangsformen", so Knigge-Vorstand Hans Michael Klein. Wichtig sei nur, dass man den guten Ton trifft.

Eine neue Sprache

Was nicht ganz einfach ist in 160 Zeichen. Um den Worten mehr Gefühl und Ausdruck zu verleihen, erfand man die "Emoticons". Smileys mit verschiedenen Gesichtern: gut gelaunt :-), lautes Lachen :-D, schlecht gelaunt und traurig :-(, und die mit dem Augenzwinkern ;-). Hinzu kamen Abkürzungen: *gg* bedeutet grinsen. *bg* steht für breites Grinsen. Kultcharaklter haben *LOL* (laughing out loud, laut loslachen) oder die Steigerung *ROFL* (Rolling on the floor laughing, sich vor Lachen auf dem Boden wälzen). Heute benutzt man das nicht mehr. Wer heute noch "lolt", der wird selbst ausgelacht.

160 Zeichen bedeuteten auch: Fass dich kurz. So kam es nicht nur zu Emoticons, sondern auch zu neuen Wortschöpfungen und ausgeklügelten Abkürzungen. Viele kommen aus dem Englischen, werden aber hier in Deutschland genau so benutzt. CU (see you) steht für "bis bald". Vlt – vielleicht. HDL: Hab dich lieb. TGIF: Thank God it's Friday! LG: Liebe Grüße.

Ein neues Krankheitsbild

Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Philipp Roesler (FDP) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) blicken am Donnerstag (15.12.11) im Bundestag in Berlin auf der Regierungsbank auf ihre Mobiltelefone. Das Parlament befasst sich am Donnerstag unter anderem mit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

Merkel tut's, Rösler tut's - auch im Bundestag wird gesimst.

Mit der SMS ist nicht nur ein neues Komminkationsmittel in unser Leben getreten, sondern auch ein neues Krankheitsbild: der SMS-Daumen. Sie wissen, wie das ist: Man hält das Handy in der Hand und tippt mit dem Daumen die Buchstaben ein. Als es die Texterkennung noch nicht gab, tippte man sich tatsächlich einen Wolf. Für eine Meldung wie: "Sorry, komme später, stehe im Stau" musste man 69 Mal tippen. Hatte man so was mehrmals am Tag getan, wurde das kleine Gelenk stärker beansprucht. Ganz schlimm traf es Millionen von meist weiblichen Teenagern, die sich per SMS über Jungs, Schuhe, Klamotten, Make-up, Lehrer, Verknalltsein und die Frage "Was ziehen wir heute Abend an?" ausgetauscht haben. Der SMS-Daumen hielt Einzug in die Arztpraxen. Herkömmliche Bezeichnung: Sehnenscheidenentzündung. Eine Webseite empfiehlt für die Selbstmedikation unter anderem Schwedenkräuter und Murmeltiersalbe.

Silvester geht gar nichts mehr

Alle Jahre wieder das gleiche Problem: Zum Jahreswechsel möchte man seine Lieben gerne um Punkt Zwölf mit guten Wünschen zum neuen Jahr beglücken – man tippt sich die Finger wund, drückt auf "Senden" – und nichts passiert. Die Netze sind überlastet, auch in diesen Zeiten, wo man doch denkt, der Fortschritt gehe auch an der Mobilfunktechnik nicht spurlos vorüber. In diesem Fall schon. Manche Neujahrsgrüße erreichen den Adressaten erst im Laufe des nächsten Nachmittags. Pragmatisch gedacht könnte man sich das Tippen um Mitternacht auch sparen, lieber mit seinen Freunden anstoßen und am nächsten Tag in Ruhe alle Grüße absenden.

Piep Piep

Ein Mann tippt am 23.03.2012 auf einem Smartphone eine SMS. Zum 20. Geburtstag laufen der mobilen Kurznachricht neue Online-Dienste den Rang ab. Den Mobilfunk-Anbietern entgehen dadurch Milliardenerlöse.

Mit zwei Daumen tippen ist schon eine kognitive Leitung

Ein dünnes Fiepsen kündigte damals eine ankommende SMS an. Heute klingelt und dingelt es, manchmal scheppert es auch, es gibt Sounddateien die man sich als SMS-Ton laden kann, vom Tarzanschrei bis zum Roten Alarm. Diese Töne erklingen mittlerweile nicht nur, wenn eine SMS kommt, sondern auch wenn Kurznachrichten von anderen Diensten eintrudeln.

Handynutzer sind inzwischen zum großen Teil Smartphone-User geworden. Und auf diesen Telefonen laufen Web-basierte Messenger-Programme. IPhone-Besitzer nutzen den iMessenger, der größte Anbieter zur Zeit ist aber WhatsApp. Hier kann mann auch Dateien verschicken, Fotos in guter Qualität hochladen und empfangen, Gruppenchats einrichten usw. Wer eine Internet-Flat fürs Smartphone hat, muss keine SMS mehr an andere Smartphone-User schicken, und spart sich auch die Gebühren für eine MMS (Multimedia-Message). Branchenexperten prophezeien, dass in den kommenden vier Jahren bis zu 40 Prozent des SMS-Aufkommens über WhatsApp und ähnliche Dienste versendet werden.

Natürlich weiter mit Smileys und anderen Emoticons.

LG und Merry Xmas:-)

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