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Globale Zusammenarbeit

Schluss mit dem Beifang

Die Europäische Union will der Überfischung der Meere durch ein neues Gesetz entgegenwirken. Umweltorganisationen sprechen von einem historischen Schritt, doch kleine Fischereien befürchten ihren Ruin.

Die Mannschaft sortiert den Fang (Foto: Emanuel Herm)

Die Bort Blancas haben einen Fischerei-Betrieb

Es ist noch dunkel, als das Fischerboot der Familie Bort Blanca aus dem Hafen von Palma de Mallorca ausläuft. Die Motoren dröhnen so laut, dass sich die Besatzung nur noch über Handzeichen verständigen kann. Anderthalb Stunden vom Hafen entfernt wirft die dreiköpfige Mannschaft das Netz aus. Es ist ein Schleppnetz, das die Fischer an Stahlseilen 700 Meter tief ins Meer herunterlassen. Als das Netz am Meeresboden aufkommt, wird der Meeresboden aufgewühlt, Garnelen und Fische werden aufgescheucht und schwimmen in den trichterförmigen Fangsack.

Etwa 50 Kilo Garnelen haben sie gefangen (Foto: Emanuel Herm)

Etwa 50 Kilo Garnelen haben sie gefangen

Laut Greenpeace ist Grundschleppnetz-Fischerei eine Fangmethode mit extrem hohen Beifängen. Dabei müsse man aber zwischen großen Trawlern und kleinen Familienbetrieben unterscheiden, sagt Kapitän Gregorio Bort Blanca, ein kantiger Mann in gelber Regenkleidung: "Wir haben uns auf den Fang von Garnelen spezialisiert, verkaufen aber auch Seeteufel und Meerbarben, die in unseren Netzen landen." Die Fischerfamilie Bort Blanca wirft in der Regel nur zehn bis zwanzig Prozent des Fangs zurück ins Meer. Es sind meist kleine Fische, die auf dem örtlichen Fischmarkt nicht als Speisefisch gelten.

40 Prozent aller gefangenen Fische landen wieder im Meer

Durchschnittlich holen die Fischer weltweit viel größere Mengen Beifang an Bord. Auf einem großen Garnelenkutter beispielsweise schmeißen die Fischer alle Meerestiere, die keine Garnelen sind, zurück. Die Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) schätzt, dass rund 40 Prozent aller gefangenen Fische wieder im Meer landen. Die Meerestiere sind dann bereits tot, denn durch die schnelle Druckveränderung beim Heraufholen der Netze sterben sie.

Das geplante EU-Rückwurfverbot soll nun die Schonung der Bestände garantieren. Das Verbot soll für große Trawler genauso gelten wie für kleine Familienbetriebe: Anstatt Fische wieder ins Meer zu werfen, sollen sie mit an Land genommen werden, um sie entweder als Speisefisch zu verkaufen oder zu Fischmehl zu verarbeiten. Das geplante EU-Verbot wird in den Gewässern der EU gelten und auch für alle EU-Schiffe, die in anderen Gewässern fischen, wie zum Beispiel vor der Küste Afrikas oder in den Gewässern Grönlands. Weil die EU über die weltweit fünftgrößte Fischereiflotte verfügt, käme sie so dem Ziel, die Überfischung zu stoppen, ein ganzes Stück näher.

Überfischung in Afrika

Gregorio Bort Blanca holt das Netz ein (Foto: Emanuel Herm)

Gregorio Bort Blanca holt das Netz ein

Für die Afrikanische Union ist die Überfischung ebenfalls ein wichtiges Thema. In vielen Küstenregionen Afrikas sind Fische eines der Haupt-Nahrungsmittel. Nur intakte Fischbestände können die Lebensmittelsicherheit dort garantieren. Deshalb tritt das Programm "Partnership for the African Fisheries" für eine nachhaltige Fischerei auf dem gesamtem afrikanischen Kontinent ein.

Dabei spielt auch der Beifang immer mehr eine Rolle, doch holen die afrikanischen Fischer sehr viel kleinere Mengen Beifang an Bord als die europäischen: Die Anzahl der großen Industrieboote ist in Afrika viel geringer als in Europa. Die meisten Fischer arbeiten so wie die Bort Blancas im Familienbetrieb. Und sie verwerten fast alle Fische, die an Deck landen – sei es durch den Eigenkonsum oder durch den Verkauf.

"Das größere Problem Afrikas ist die illegale Fischerei", sagt Alex Benkenstein, Meeresforscher am Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten. "Viele Fischer ohne Lizenz fangen Fische, die in ihrem Bestand bedroht sind. Darüber hinaus fischen viele zugelassene Fischer viel mehr Fisch als sie dürften und tragen so zur Überfischung bei."

Der Beifang geht wieder zurück über Bord (Foto: Emanuel Herm)

Wenig Beifang an Bord bei den Bort Blancas

Wenig Beifang – große Probleme

Obwohl bei den Bort Blancas vergleichsweise wenig Beifang an Deck landet, rechnen sie mit großen Problemen, sobald der Vorstoß des EU-Parlaments Gesetz wird. Gregorio Bort Blanca befürchtet, dass er den Transport der Fische zu Fischmehlfabriken auf dem Festland bezahlen oder für die Entsorgung der Fische auf der Insel aufkommen muss: "Wir wissen noch nicht, wie weit die EU mit ihrem neuen Gesetz gehen wird", sagt er. "Bei uns kleinen Familienbetrieben ist bald der Punkt erreicht, an dem Fischen nicht mehr rentabel ist. Ich habe den Eindruck, dass die EU uns kleine Schleppnetzfischer vom Mittelmeer weg haben will."

Die EU-Abgeordnete Ulrike Rodust hat das Rückwurfverbot ausgearbeitet. Sie kann nachvollziehen, dass ihr Gesetz für die kleinen Garnelenfischer des Mittelmeeres Schwierigkeiten mit sich bringt. Sie will Ausnahmereglungen, die noch ausgehandelt werden sollen, einräumen. "Es ist nicht das Ziel, dem Fischer das Leben schwer zu machen", sagt sie, "sondern eines Tages zu erreichen, dass sich die Bestände regenerieren. Aus einer Studie geht hervor, dass wir im Jahre 2032 mit 37.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen im Fischereisektor rechnen können, wenn wir die neuen Regeln einhalten."

Als die Fischer nach einem zwölfstündigen Arbeitstag auf See wieder im Hafen einlaufen, fragen sie sich, wie sich das neue Gesetz wohl auf ihren Arbeitsalltag auswirken wird. Die EU-Staaten haben sich zwar auf eine Kehrtwende in der Fischereipolitik geeinigt. Nun beginnen aber erstmal die Gespräche mit dem Europaparlament. Die Abgeordneten müssen der neuen Regelung noch zustimmen.

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