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Europa

Schlangestehen bei der Armenspeisung in Moskau

Weniger Jobs, steigende Preise: Die Folgen der Wirtschaftskrise sind inzwischen auch im russischen Alltag zu spüren. Jeder Siebte lebt unter der Armutsgrenze. Die Zahl der Hilfesuchenden steigt. Von Philipp Anft, Moskau.

Die kleine, weiße Kirche in der Moskauer Innenstadt ist leicht zu übersehen. Geduckt liegt sie zwischen hohen Glasfassaden und mehrstöckigen Wohnhäusern, nur wenige Schritte entfernt von den leuchtenden Schaufenstern der berühmten Tverskaya-Einkaufsstraße. Vor dem Kirchenportal warten über hundert Menschen auf eine Armenspeisung.

Gast Ilja bei der Armenspeisung der Drusja na ulitze (Freunde von der Straße) in einer Kirche in Moskau, Russland - Foto: DW-TV, Moskau

Arbeitsloser Ilja: "Zum Glück gibt es Initiativen wie diese"

Vielen von ihnen sieht man an, dass sie obdachlos sind: Abgetragene Wintermäntel, müde Gesichter, manche ziehen ihre Habseligkeiten in Rollwagen hinter sich her. Es ist kalt an diesem Abend. Das Thermometer zeigt minus 15 Grad.

Einer der Wartenden ist Ilja: roter Anorak, schwarze Mütze, Mitte 50. Erst vor Kurzem hat er seinen Job verloren: "Ich war Tapezierer, jetzt bin ich arbeitslos", erzählt er. "Mir bleibt nichts anderes übrig, als hierher zu kommen. Zum Glück gibt es Initiativen wie diese hier, die uns mit Essen versorgen." Ilja gehört zu einer neuen Gruppe von Hilfsbedürftigen: Menschen, die durch die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise in Russland aus dem System gefallen sind.

Lebensmittel deutlich teurer

Denn die russische Wirtschaft läuft alles andere als rund: Der weltweit niedrige Ölpreis ist Gift für die Finanzen des Landes, das sich hauptsächlich durch seine Rohstoffexporte finanziert. Öl- und Gasausfuhren gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen. Die Handelssanktionen des Westens wegen der Krim-Annexion und die russischen Gegensanktionen darauf verschlechtern die Lage weiter.

Gerade erst hat Russlands Finanzminister Anton Siluanow eine Kürzung aller Staatsausgaben um zehn Prozent verkündet. Zwar hat Präsident Wladimir Putin die Wirtschaftskrise bereits zum wiederholten Mal für beendet erklärt, doch laut einer aktuellen Umfrage rechnen mehr als die Hälfte der Russen mit einer Verschlechterung ihrer Lage. Schon jetzt ist die Inflation hoch, der Wechselkurs zu Dollar und Euro ist abgestürzt.

Bedürftige bei der Armenspeisung der Drusja na ulitze (Freunde von der Straße) in einer Kirche in Moskau, Russland - Foto: Philipp Anft (DW)

Gäste bei Armenspeisung der "Drusja na ulitze": Aus dem System gefallen

Vor allem Lebensmittel sind in letzter Zeit zum Teil deutlich teurer geworden. Die Statistikbehörde in Moskau meldet einen Preisanstieg des russischen Warenkorbs um fast 13 Prozent im Vergleich Jahresende 2014. Manche Produkte wie Fischkonserven, eingelegte Gurken oder Mayonnaise sind sogar bis zu 30 Prozent teurer geworden. Die Absatzmärkte für kostspielige Dinge, wie neue Autos oder Urlaube im Ausland, werden zunehmend kleiner.

"Die Gesamtsituation ist schlechter geworden"

Als die kleine Kirche in der Moskauer Innenstadt ihre Türen für die Armenspeisung öffnet, gibt es ein kurzes Gedränge - jeder will der Erste sein. Im Kirchenschiff stehen gedeckte Tische, es sieht festlich aus. Viele Freiwillige sind da, bringen den Gästen Essen oder unterhalten sich einfach mit ihnen.

Gast Denis bei der Armenspeisung der Drusja na ulitze (Freunde von der Straße) in einer Kirche in Moskau, Russland - Foto: DW-TV, Moskau

Ex-Obdachloser Denis: "Essen, wenn das Geld reicht"

Natalia Markowa organisiert die Essensausgabe für die Moskauer Organisation "Drusja na ulitze", auf Deutsch die "Freunde von der Straße". Auch sie hat festgestellt, dass die Gesamtsituation schlechter geworden ist und dadurch die Zahl der Hilfsbedürftigen steigt. "Dieses Jahr haben wir mehr Gäste als sonst", sagt Markowa. "Es gibt viele, die zwar Wohnung und Job haben, aber so wenig verdienen, dass wir sie mit Essen unterstützen müssen."

Einer von ihnen ist Denis, Mitte 20. Der junge Mann sitzt schon an einem der Tische und macht sich über den Salat her, der gerade gebracht wird. Früher habe er auf der Straße gelebt, erzählt er, mittlerweile gehe es ihm besser. Er arbeite als Kurier und könne sich inzwischen ein Zimmer leisten. Doch die Miete ist hoch: "Ich kann nur essen, wenn das Geld reicht. Manchmal ist es zweimal am Tag, manchmal nur einmal." Ohne die Hilfe dieser Organisationen wäre es schwierig.

Schuld sind alle - außer Putin

Fragt man die Besucher der Tafel nach dem Grund für ihre Misere, bekommt man viele Antworten. Einige sehen dunkle Gestalten in der Regierung am Werk, andere nennen die herzlose Wirtschaft. Die Verwaltung sei schuld, sagt zum Beispiel Karina, sie habe die Armen vergessen. Kaum einer kümmere sich noch um Leute ohne Geld. Einer allerdings sei nicht schuld - Wladimir Putin: "Er ist ein guter Präsident", sagt Karina: "Aber er kann sich nicht um alles kümmern."

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