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Welt

Putin unter Zugzwang?

Im Interview mit der "Bild"-Zeitung hat der russische Präsident altbekannte Vorwürfe gegen den Westen wiederholt - und ein paar neue Töne angeschlagen. Vorboten eines Kurswechsels? Christian F. Trippe aus Moskau.

Zwei Stunden Zeit hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin genommen, um mit "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann und Politikchef Nikolaus Blome zu sprechen. Das ausführliche Gespräch, bereits Anfang letzter Woche auf Putins Landsitz in Sotschi geführt, war am Montag in allen landesweiten russischen Fernsehnachrichten der Aufmacher. Dabei hatte Putin auf den ersten Blick gar nichts spektakulär Neues gesagt, sondern seine Positionen wiederholt: Die NATO habe bei ihrer Ost-Erweiterung Versprechen gebrochen und Absprachen verletzt. Die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim sei notwendig gewesen, um die zweieinhalb Millionen Russen dort nach dem "Staatsstreich" in Kiew zu schützen.

Der Westen wolle Russland weiterhin schaden; so seien etwa die Sanktionen des Westens gegen sein Land ein "absurdes Theater". Die Europäische Union und die USA hatten nach der Krim-Annexion und wegen der verdeckten militärischen Unterstützung für ostukrainische Separatisten Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Dabei gehe es aber gar nicht darum, der Ukraine zu helfen, vielmehr wolle der Westen "Russlands Einflussmöglichkeiten zurückdrängen", meinte Putin.

"Alle haben Fehler gemacht"

Putins Antworten und Einlassungen - nicht aber die Fragen der deutschen Journalisten - waren in allen russischen TV-Nachrichten zu sehen. Das Ganze nahm zwischendurch den Charakter einer Vorlesung an, als Putin nämlich aus Dokumenten zitierte und mit dem Zeigefinger über die Zeilen der Papiere fuhr. Putin räumte ein, dass der russischen Volkswirtschaft wegen des Verfalls der Rohölpreise "gefährliche Einnahme-Einbußen" entstünden. Die Wirtschaft aber werde sich bald wieder stabilisieren und aus der Krise neue Kraft schöpfen, beteuerte Putin.

Außerdem entschuldigte sich Putin für einen Vorfall, der bald neun Jahre zurück liegt, aber immer noch für Gesprächsstoff in Berlin sorgt: Bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Putin seinerzeit seine ungestüme Labrador-Hündin Koni ins Zimmer gelassen. Das Tier schnüffelte an der Kanzlerin. Merkel, die Angst vor Hunden hat, überspielte die Situation. Er habe Merkel nicht erschrecken wollen, versicherte Putin nun. "Ich wollte ihr eine Freude machen." Von Merkels Abneigung gegen Hunde habe er nichts gewusst. "Als ich erfuhr, dass sie Hunde nicht mag, habe ich mich natürlich entschuldigt", so Putin. Die Episode mit Labrador Koni stand auch in einigen russischen Nachrichtenportalen - neben Putins Einlassungen zur Wirtschaftskrise - ganz oben.

Russland Treffen Merkel und Putin mit Hund (c) picture-alliance/dpa/S. Chirikov

Putin mit Labrador-Hündin Koni bei Merkel im Januar 2007

Die Wirtschaftszeitung "Wedomosti", Sprachrohr der Wirtschaftselite und Hausblatt westlich orientierter Führungskräfte, fand in ihrer online gestellten Zusammenfassung des Interviews vor allem einen Satz zur Außenpolitik bemerkenswert: "Alle haben Fehler gemacht", räumte Putin ein, Russland sei genauso wie der Westen schuld am derzeitigen Zerwürfnis. Ein Eingeständnis, das Raum bietet für Spekulationen.

Kein Neustart der Beziehungen

Fjodor Lukjanow, Chefredakteur einer Kreml-nahen außenpolitischen Fachzeitschrift, warnte gegenüber der DW vor allzu großen Erwartungen: "Das ist kein Neustart der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen." Russland suche aber die Zusammenarbeit in praktischen Fragen und wolle "weg von der Konfrontation". In der Analyse von Alexej Malaschenko vom Moskauer Büro der Carnegie-Stiftung steht der russische Präsident unter Zugzwang: "Putin beginnt zu verstehen, dass die Situation der russischen Wirtschaft katastrophal ist", sagte Malaschenko der DW. Russland überhebe sich mit seinen kostspieligen militärischen Abenteuern und gerate zunehmend in die Isolation. "Diese Situation ist gefährlich für die innere Stabilität in Russland." Daher suche Putin den Dialog mit dem Westen; das Interview mit den beiden deutschen Journalisten der "Bild"-Zeitung liefere den Beleg.

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