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Nahost

Schiitische Turkmenen im Irak zwischen den Stühlen

Gerade erst wurde Beshir im Nordirak vom "Islamischen Staat" befreit. Nun treten in der von vielen schiitischen Turkmenen bevölkerten Stadt Spannungen auf, die einem neuen Konflikt auslösen könnten.

Religiöse Musik dringt aus einem Lautsprecher vor einem einfachen Betonbau. Sie beschallt die ganze lange Hauptstraße, die quer durch Beshir verläuft. Die kleine Stadt im Nordirak ist der Schauplatz des jüngsten Sieges irakischer und kurdischer Truppen gegen den sogenannten "Islamischen Staat" (IS).

Das Gebäude ist bedeckt mit Graffitis, Einschusslöcher zeugen von den Gefechten, vom gewellten Dach hängen mehrere Flaggen - es ist das spontan eingerichtete Gemeindezentrum. Hier werden die schiitischen Kämpfer, die vor wenigen Tagen den IS aus Beshir vertrieben haben, mit einfachen Mahlzeiten und Tee versorgt. Der hintere Teil des Gemeinschaftsraums ist mit Teppichen ausgelegt, von den Wänden hängen Spruchbänder. Hier können gläubige Kämpfer beten, essen und entspannen.

Draußen rattern vereinzelt Schüsse. Gruppen bewaffneter Männer bahnen sich ihren Weg durch die Trümmer zerstörter Häuser. Ab und zu fährt ein Auto durch die verlassenen Straßen. "Wir haben nun die Kontrolle, das ist das Wichtigste", sagt Abu Jaffar, der Kommandeur der lokalen turkmenischen Einheit, die an der Befreiung des Ortes beteiligt war.

Beshir Irak Befreiung vom IS (Foto: DW/F.Neuhof)

Schiitische Turkmenen - sie sind froh, wieder in Beshir zu sein

Abu Jaffar war auch unter den schiitischen Turkmenen, die aus Beshir flohen, als der IS die Stadt am 16. Juni 2014 einnahm. Er war auch Teil der Gruppe von Einwohnern der Stadt, die zwei Wochen später versuchte, die Eindringlinge zu vertreiben, aber unter schweren Verlusten zurückgeschlagen wurde. Und er führte die rund 300 lokalen Milizionäre an, die Beshir im Verbund mit kurdischen Peschmerga-Kämpfern und schiitischen Milizen aus dem Südirak am 1. Mai 2016 nach mehrtägigem Kampf doch zurückeroberten.

Der IS hält immer noch einige Nachbardörfer und schießt immer wieder auch Mörsergranaten nach Beshir. Doch die Turkmenen behaupten sich in ihrer Stadt. Nun stehen sie vor der Aufgabe, ihre Häuser wieder aufzubauen und ihren Platz in der unsteten politischen Landschaft des Irak zu finden.

Eine unsichere Verbindung

Der Einzug des IS im Nordirak vor zwei Jahren brachte die bereits vorhandenen Spannungen zwischen unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen zum Ausbruch. Als die irakische Armee schwächelte, übernahmen die Kurden Kirkuk, eine Öl-Stadt, die etwa 30 Minuten mit dem Auto von Beshir entfernt liegt. Die Peschmerga breiteten sich seitdem weiter aus und drängten den IS von Kirkuk aus zurück. Die Terroristen verloren zwar Gebiete im Irak, doch ihr Einfluss auf die Konfliktsituation ist noch spürbar.

Die Turkmenen, die in Kirkuk und im Umland leben, sind größtenteils schiitische Muslime. Die meisten von ihnen misstrauen den sunnitischen Kurden und bevorzugen die schiitisch-dominierte Regierung in Bagdad. Nach dem Zerfall der irakischen Armee nahmen schiitische Milizen mit dem Namen Hashd al Shaabi die Waffen gegen den IS auf und wurden von Tausenden Turkmenen unterstützt.

In Beshir kamen die Imam Ali Al Abbas Brigade hinzu, eine Hashd al Shaabi- nahe Gruppe aus dem Süden des Irak. Doch die Truppen waren nicht stark genug, und so mussten die Peschmerga letzten Endes eingreifen, um den IS zu vertreiben.

Beshir Irak Befreiung vom IS (Foto: DW/F.Neuhof)

Adel Akbar ist nach Beshir zurückgekommen, um den Schaden an seinem Haus zu betrachten

Doch nur eine Woche vor der Rückeroberung Beshirs kam es zu tagelangen Ausschreitungen zwischen den Lagern: Die Turkmenen und verbündete Hashd al Shaabi bekämpften die Peschmerga und die kurdischen Einwohner von Tuz Khormota, ebenfalls eine Stadt in der Nähe von Kirkuk. Doch in Beshir überwiegt zurzeit die Angst vor dem gemeinsamen Feind IS. Daher sind weitere Vorfälle derzeit unwahrscheinlich - noch.

Misstrauen gegenüber zentraler Regierung

Nun, da der IS aus der Stadt vertrieben ist, kommen Anwohner zurück, um sich das Ausmaß der Zerstörung anzusehen. 1.200 Familien lebten einst hier. Die Glücklichen unter ihnen können in ihre Häuser zurückkehren, andere müssen mit einem Haufen Trümmer Vorlieb nehmen. Egal wie viel die Menschen besitzen, in einem sind sie sich einig: Sie wollen sich nicht der Regionalregierung Kurdistan-Irak (KRG) fügen, welche die autonome Region verwaltet und Pläne hat, sich vom Irak loszulösen.

"Kein schiitischer Turkmene wird sich der KRG anschließen", sagt Adel Akbar, während er durch sein Hab und Gut geht, das überall verstreut liegt. Das Haus des 55-jährigen Familienvaters wurde vom IS geplündert, aber zumindest steht es noch.

Andere hatten noch mehr Pech. Der IS jagte die Häuser in die Luft, in die sich Kämpfer zurückgezogen hatten. Granaten, Raketen und Maschinengewehre haben große Risse in die Fassaden gerissen. Die Dschihadisten haben die Mauern zwischen den besetzen Häusern durchbrochen und Tunnel gebaut, um von oben nicht gesehen zu werden. Alles, was irgendwie von Wert war, wurde geplündert.

Beshir Irak Befreiung vom IS Zerstörung (Foto: DW/F.Neuhof)

Ein turkmenischer Kämpfer läuft durch die Trümmer seines Familienhauses

Die zentrale Regierung konnte die Menschen vor dem IS nicht schützen. Zudem haben die konfessionellen Spannungen, die Turkmenen nicht gerade dazu bewegt, sich mit einem kurdischen Staat anzufreunden.

"Die Menschen hier können eine kurdische Regierung nicht akzeptieren. Die Unterschiede in Sprache, Religion und Kultur sind groß", sagt Sidiq Ali Mohammed, einer der wenigen kurdischen Bewohner Beshirs. Die Hashd al Shaabi außerhalb der Stadtgrenze lehnen den Expansionsdrang der Kurden ebenfalls ab.

Iranische Propaganda

Die Hashd al Shaabi werden von ihrem schiitischen Glauben angetrieben - und stark vom Iran beeinflusst. Jetzt, wo sie den IS aus dem Gebiet vertrieben haben, möchten sie es nicht wieder an die Kurden verlieren. Daher versuchen sie ihren Einfluss so gut es geht zu vergrößern.

"Die Turkmenen in Kirkuk merken, dass die Hashd al Shaabi ihre Rechte verteidigen", sagt der lokale Chef des Hashd Geheimdienstes. Seinen Namen will er nicht nennen und gibt lediglich an, dass er aus dem Irak komme. Seine Macht in Beshir ist groß.

Beshir Irak Befreiung vom IS Zerstörung (Foto: DW/F.Neuhof)

schiitische Miliz in Beshir

Die kurdische Führung im Nordirak will sich von Bagdad trennen. Angesichts der langen Herrschaft Bagdads über die Kurden, denken diese gar nicht daran, den arabischen Forderungen nachzukommen und Kirkuk wieder zurückzugeben. Ihrer Ansicht nach ist die Stadt kurdisch - und es gibt viel Öl. Wenn der "Islamische Staat" besiegt ist, könnten die Streitigkeiten über die Gebiete eskalieren. Die Turkmenen aus Beshir müssten sich dann für eine Seite entscheiden und wären einem weiteren Krieg ausgesetzt, der den Irak auseinander reißen könnte.

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