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Welt

Geheimabkommen wider alle Vernunft

Vor 100 Jahren zogen Franzosen und Briten mit dem Sykes-Picot-Abkommen die Grenzen im Nahen Osten neu. Ohne Mitsprache der Betroffenen. Die Folgen sind bis heute zu spüren: Krisen, Konflikte und Verschwörungstheorien.

Truppen des soeben gegründeten Jordaniens im Jahr 1921 (Foto: picture-alliance/CPA Media)

Nachkriegswirren: Truppen des soeben gegründeten Jordaniens im Jahr 1921

Energisch frisst sich der Bagger durch den Wall. Bald ist die freigelegte Trasse breit genug, um Fahrzeuge durchzulassen. Jeeps und Lastwagen setzen sich in Bewegung. Eine Kontrolle findet hier, an der irakisch-syrischen Grenze, nicht mehr statt. Die Grenzbeamten sind tot. Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) haben sie erschossen. Die Grenze existiert nicht mehr. Die Botschaft des im Juni 2014 ins Internet gestellten Videos von dem Grenzdurchstoß: Irak und Syrien haben als Staaten aufgehört zu existieren.

In ihrer Selbstdarstellung machten die Dschihadisten Schluss mit der demütigenden Bevormundung des Nahen Osten durch den westlichen Imperialismus.

Knapp 100 Jahre

hatte die Grenze zwischen Syrien und dem Irak Bestand. Sie war Folge einer geheimen Vereinbarung, geschlossen im Mai 1916 von dem britischen Diplomaten Mark Sykes und seinem französischen Kollegen François Georges-Picot. "The End of Sykes-Picot" nannten die IS-Propagandisten denn auch ihr Video.

Das Sykes-Picot-Abkommen - eine anti-arabische Verschwörung der Europäer? Nicht wenige Araber sehen es so. Er erinnere sich, sagt der syrisch-deutsche Politologe Bassam Tibi gegenüber der DW, wie intensiv er sich in jungen Jahren mit dem Abkommen auseinandersetzen musste. "In jeder Schulklasse bis zum Abitur war die Beschäftigung mit Sykes-Picot und mit den Narben, die das Abkommen hinterlassen hat, fester Bestandteil des Geschichtsunterrichts. Die Narben fühlen nicht nur die Syrer, sondern alle Araber."

Die Aufteilung des Nahen Ostens

Mit Sykes-Picot hatten Franzosen und Engländer mitten im 1. Weltkrieg im Vorgriff auf ihren Sieg schon einmal weite Teile des Osmanischen Reiches untereinander aufgeteilt – ohne jede Mitsprache der dort lebenden Menschen. Die Franzosen sollten das Sagen über ein Gebiet bekommen, das sich vom Südosten der heutigen Türkei über den nördlichen Irak und Syrien bis zum Libanon erstreckte. Die Briten hingegen sollten über ein Gebiet herrschen, das den südlichen und mittleren Irak umfasst. Das dazwischen liegende Land - heute liegen dort Syrien und Jordanien, der westliche Irak sowie der nordöstlichen Teil der arabischen Halbinsel - sollte ein arabisches Königreich unter britisch-französischem Mandat werden.

Sykes-Picot Abkommen Mark Sykes und Francois Georges-Picot

Väter des Vertags: Mark Sykes (li.) und Francois Georges-Picot (re.)

Allerdings spielten in dieser Geschichte auch die Deutschen eine wenig rühmliche Rolle: Sie wollten ihre Feinde im 1. Weltkrieg durch einen Krieg auch im Nahen Osten schwächen: Die Deutschen waren mit dem Osmanischen Reich verbündet. Gemeinsam mit dem Kalifen in Istanbul – der höchsten religiösen Autorität der Sunniten - riefen sie die Araber zum Dschihad auf, zum "Heiligen Krieg" gegen die Briten. Die wiederum schmiedeten im Gegenzug ein Bündnis mit dem Sherifen Hussein bin Ali. Als Hüter der Heiligen Stätten in Mekka und Medina im heutigen Saudi-Arabien war er die zweithöchste religiöse Autorität nach dem Kalifen.

Im

Oktober 1915

machte Henry McMahon, der britische Hochkommissar in Ägypten, Sherif Hussein ein verlockendes Versprechen: Wenn die Araber die Briten unterstützten, würden sie dem Sherifen im Gegenzug helfen, ein eigenes Königreich zu gründen. "Großbritannien ist bereit, die Unabhängigkeit der Araber in sämtlichen innerhalb der von dem Sherifen vorgeschlagenen Grenzen anzuerkennen und festzuhalten."

"Hinter arabischer Fassade"

Das Bündnis kommt zustande. Führer der Araber ist der Sohn des Sherifen, Faisal bin Hussein. Zusammen mit dem britischen Agenten Thomas Edward Lawrence alias Lawrence of Arabia drängt er die Osmanen tatsächlich zurück.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs wird die neue Ordnung auf der Pariser Friedenskonferenz verhandelt. Faisal setzt sich für die Anliegen der Araber ein. "Ich bin zuversichtlich“, erklärte er, "dass die großen Mächte das Wohlergehen der arabischen Bevölkerung über ihre eigenen materiellen Interessen stellen.“

Historische Karte des Sykes-Picot Abkommen (Foto: CPA Media)

Die Originalkarte des Abkommens. Das französische Mandatsgebiet ist blau, das britische rot markiert.

Doch Faisal täuscht sich: Frankreich und Großbritannien bleiben bei der schon beschlossenen Aufteilung des Gebiets. Arabische Staaten soll es zwar geben – aber unter ihrem Einfluss. Es müsse darum gehen, erklärt der damalige britische Außenminister George Lord Curzon, die wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens hinter einer "arabischen Fassade" zu verstecken: "regiert und verwaltet unter britischer Führung, kontrolliert von einem geborenen Mohammedaner und, wenn möglich, einem arabischen Team."

Schöne neue Staatenwelt

Die Bedeutung der auf der Pariser Konferenz beschlossenen Vereinbarungen ist kaum zu überschätzen. In ihrer Folge entstehen zwei neue Staaten: Syrien und der Irak. Das Völkerbundmandat von 1922 bestätigte zudem die Geburt eines weiteren Staats: des Libanons. Ein weiteres Mandat der Staatengemeinschaft sieht im selben Jahr die Errichtung einer "nationalen Heimstätte für das jüdische Volk" vor - die Grundlage des späteren Staates Israel. "Ich versichere, dass wir Araber gegen die Juden keinerlei ethnischen oder religiösen Groll hegen, wie er leider in vielen anderen Teilen der Welt vorherrscht", hatte Faisal in Paris erklärt. Doch der gute Wille scheiterte bald an einer allzu schwierigen Wirklichkeit.

Im folgenden Jahr, 1923, trennte Großbritannien Transjordanien von Palästina ab und schuf so die Grundlagen des heutigen Jordanien. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Briten das kleine Emirat Kuwait unter ihren Schutz gestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg erklärten sie es für selbständig.

Ungelöste Konflikte

Flagge der Terrororganisation Islamischer Staat auf einem Berg in Syrien, 06.10.2014 (Fotro: AP Photo/Lefteris Pitarakis)

Nutznießer von Verschwörungstheorien: Die Terrororganisation "Islamischer Staat"

Im Ergebnis schuf die neue Ordnung die Bühne für eine bis heute nicht abreißende Serien von Kriegen und Konflikten: Die gelegentlich bis zum Krieg sich steigernden Spannung zwischen Israelis und Palästinensern; der libanesische Bürgerkrieg 1975 - 1990; der zweite Golfkrieg, ausgelöst durch Saddam Husseins Überfall auf Kuwait im August 1990; die ebenfalls teils kriegsähnlichen Spannungen in den Kurdengebieten in der Türkei, im Irak und später auch in Syrien.

Schließlich die fatale US-Invasion im Jahr 2003. Das ihr folgende Missmanagement führte zu Fronten entlang konfessioneller Linien, aus denen die Terrororganisation "Islamischer Staat" entstand. Die sprang bald darauf auf das durch den Bürgerkrieg zerrissene Syrien über: Zwar gehen diese Entwicklungen nicht ausschließlich auf die neue Aufteilung des Nahen Ostens zu Beginn der 1920er Jahre zurück. Doch wurden in jenen Jahren

die Fundamente eben jener regionalen Ordnung

gelegt, die den Spannungen, Aufständen und Kriegen einen Nährboden bot.

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