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Europa

Kommentar: 100 Jahre nach 1914

Nicht die Geschichte wiederholt sich, aber das Gedenken an historische Ereignisse. Europa hat im Gedenkjahr 2014 versucht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Die aber bleiben vieldeutig, meint Christian F. Trippe.

Im Rückblick auf den Kriegsbeginn 1914 hat der ehemalige britische Premier David Lloyd George angemerkt, Europa sei in den großen Krieg "hineingestolpert". Folglich hält die Julikrise von 1914 eine Lehre bereit: So etwas darf Europa nie wieder passieren! Die Ukraine-Krise 2014 wirkt wie eine Parallele - und mahnt die Verantwortlichen zur Besonnenheit.

Doch schon hier beginnen die geschichtspolitischen Kalamitäten. Ist wirklich 1914, sind das Staatensystem und die Spannungen damals der richtige Vergleichspunkt? Oder muss nicht vielmehr das Europa der Jahre 1938/39 herangezogen werden - die Ereigniskette mit Münchner Abkommen, deutscher Teil-Annexion der Tschechoslowakei und deutschem Überfall auf Polen - um heutiges politisches Handeln mit historischer Erfahrung zu unterfüttern? Muss nicht auf die gescheiterten Versuche geblickt werden, den Aggressor Nazi-Deutschland mit diplomatischen Mitteln zu mäßigen?

Unterschiedliche Wahrnehmungen des gleichen Ereignisses

Historische Analogien helfen nur bedingt weiter. Die Geschichte hält keine ein-zu-eins adaptierbaren Lektionen für das politische Leben bereit. Diese Erfahrung mussten die Europäer im Gedenkjahr einmal mehr machen. Dabei war schon der Gehalt des Erinnerns alles andere als eindeutig.

01.2012 DW Europa aktuell Moderator Christian Trippe

DW-Korrespondent Christian F. Trippe

Für die Deutschen etwa ist der Erste Weltkrieg entrückt; die Erinnerung an den Zweiten, an deutsche Schuld und Gräuel hingegen übermächtig. Spät erst hatte sich das offizielle Berlin zu einem offiziellen Weltkriegsgedenken durchgerungen. In Paris und London war das deutsche Zögern mit Kopfschütteln registriert worden. Denn in Frankreich und in Großbritannien ist der Erste Weltkrieg präsent. Er prägt bis heute die Erinnerungskulturen beider Länder stärker, als alle nachfolgenden Konflikte. Nicht umsonst wird er dort der "Große Krieg" genannt.

Unabhängigkeit statt "Urkatastrophe"

Wieder anders der Erfahrungshorizont in den Ländern Ostmitteleuropas: Erst der Erste Weltkrieg bereitete ihnen den politischen Boden, um als Staaten aus der Erbmasse untergegangener Vielvölker-Reiche (wieder) zu erstehen. Polen, Tschechen und Balten gedachten jetzt zwar ihrer Kriegstoten, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" ist der Krieg für sie aber gewiss nicht.

Überhaupt, das endlos zitierte und überstrapazierte Wort von der "Urkatastrophe": Es stammt vom amerikanischen Diplomaten und Gelehrten George F. Kennan, der damit aber keineswegs den Krieg generell, sondern die bolschewistische Revolution in Russland 1917 und ihre Folgen meinte. Erinnerung ist manchmal sogar dann doppelbödig, wenn Begriff und Kontext zusammen zu passen scheinen.

Das nächste Gedenkjahr steht vor der Tür

Im europaweiten Gedenken der vergangenen Monate ist die globale Dimension des Konflikts bedacht worden. Sei es die Rolle der Kolonialtruppen und der zwangsrekrutierten chinesischen Arbeiter, seien es die Kämpfe in Ostafrika und im Nahen Osten. Mit der Niederlage und dem Zerfall des Osmanischen Reiches hatten Briten und Franzosen den Nahen Osten neu geordnet. Ihre damaligen Grenzziehungen werden heute wieder infrage gestellt. Vom Sykes-Picot-Abkommen zur Terrormiliz "Islamischer Staat" führt keine gerade Linie, aber eine historisch determinierte.

Das Gedenkjahr 2014 klingt aus mit einem - mancherorts bangen - Blick auf 2015 und den nächsten Gedenkmarathon: 70 Jahre liegt das Ende des Zweiten Weltkrieges dann zurück. Schon jetzt ist absehbar, dass zwischen Wolga und Elbe über die Rolle der Sowjetunion gestritten werden wird: Waren die Soldaten der Roten Armee Befreier, oder brachten sie neue Unterdrückung? Diese Frage ist politisch und emotional schon jetzt stärker aufgeladen, als es "1914" jemals sein konnte.

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