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Filme

Schauspieler Michel Piccoli wird 90

Bis vor kurzem stand er noch vor der Filmkamera. Auch im hohen Alter spielt der Franzose Michel Piccoli fast rastlos. Über 200 Filme hat er gedreht, manche haben sich tief in das Gedächtnis der Kinofans eingegraben.

Michel Piccoli als ewig jungen Schauspieler zu beschreiben, ist durchaus zutreffend. Schließlich kann der 1925 in Paris geborene Mime auf eine sechs Jahrzehnte andauernde Kino-Karriere zurückblicken. Auch als Theaterschauspieler feierte er viele Erfolge, lange bevor er zum ersten Mal vor der Filmkamera stand.

Ebenso zutreffend ist, dass viele Fans ihn immer schon als einen älter wirkenden Darsteller in Erinnerung haben. Piccoli zeigte schon in frühen Jahren seine hohe Stirn, die Haare waren früh an den Schläfen ergraut. Piccoli war nie der jugendlich-rebellisch wirkende Schauspieler, der virile Aggressivität ausstrahlte. Ihn zeichneten immer schon eine gewisse Bürgerlichkeit und seine souveräne Ruhe aus.

Dauerhafte Karriere

Anders als seine französischen Leinwandkollegen Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, die in ihrer großen Zeit in den 1960er Jahren unfassbar schön (Delon) oder unverschämt frech (Belmondo) auftraten, war Piccoli ein Schauspieler, der mehr als Elder Statesman daher kam. Das schloss nicht aus, dass er - wie Delon und Belmondo - großen Erfolg bei den Frauen (im Kino und im Leben) hatte. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Piccolis Stern im Kino eigentlich nie gesunken ist, während sich die Karriere von Delon und Belmondo mit filmischen Routinearbeiten über die Zielgrade schleppten.

Die schöne Querulantin Filmstill

Der Schauspieler und "Die schöne Querulantin" Emmanuelle Béart

Piccoli spielte auch mit den schönsten Frauen des europäischen Kinos: mit Romy Schneider und Brigitte Bardot, mit Catherine Deneuve und Stéphane Audran. Er war sehr überzeugend als Liebhaber und Ehemann, als Verführer und Frauen-Tröster. Und Piccoli verfügt über einen unvergleichlichen Charme und strahlt die Ruhe und Gelassenheit aus, über die seine Konkurrenten nicht verfügten - das kam an bei den Frauen.

An der Seite von Romy Schneider trat er gleich mehrfach auf. Auch privat war er gut mit der in Österreich geborenen und in Deutschland und Frankreich zu Ruhm gekommenen Schauspielerin befreundet. Kinoprduktionen wie "Die Dinge des Lebens", "Das Mädchen und der Kommissar" und "Mado" gehörten zu seinen denkwürdigsten Filmen - noch heute werden sie immer wieder im Fernsehen wiederholt. Und er war an der Seite von Catherine Deneuve zu sehen, in Luis Buñuels berühmten Klassiker "Belle des Jour" (1967).

Eine Komödie im Mai Louis Malle Filmstill

Auch heitere Rollen lagen Piccoli: hier in dem Film "Eine Komödie im Mai" von Luis Malle

Piccoli als diskreter, charmanter Bürger

Für den Spanier spielte er auch in "Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Müsste man einen Titel nennen, der diesen Schauspieler perfekt beschreibt, so könnte man den des 1972 entstandenen Buñuel-Films zitieren. Piccoli erschien in seinen Rollen immer diskret, häufig spielte er bürgerliche, bourgeoise Männertypen, die aber über reichlich Charme verfügten. Was nicht ausschloss, dass hinter der gutbürgerlichen Fassade der Bourgeoisie der blanke Horror lauern konnte. In Filmen wie "Das große Fressen" und "Trio Infernal" spielte Piccoli brilliant einen Zyniker beziehungsweise einen eiskalten Mörder. Das gelang ihm ebenso überzeugend wie die Rollen als Liebhaber und Verführer schöner Frauen.

Trio Infernal Filmstill mit Michel Piccoli (Foto: Mary Evans Picture Library)

Ermordet und zerstückelt: Piccoli bei der legendären Leichenentsorgung ("Trio Infernal")

Die europäischen Regisseure, Claude Sautet und Buñuel, Claude Chabrol und Louis Malle, lagen dem charismatischen Schauspieler zu Füßen. Für Jean-Luc Godard absolvierte er zwei denkwürdige Auftritte, einen 1963 in "Die Verachtung" an der Seite von Brigitte Bardot, einen fast 20 Jahre später in "Passion". Nur für François Truffaut spielte Piccoli erstaunlicherweise nie - dabei hätten die beiden eigentlich so gut zueinander gepasst.

Auch als Papst machte er eine gute Figur

Auch im Herbst seiner langen Karriere war Michel Piccoli noch gefragt. Wenn er als Maler bei Jacques Rivette in dessen fast vierstündigem Opus "Die schöne Querulantin" mitspielt, bei Nanni Moretti den Papst mimt ("Habemus Papam") oder bei Alain Resnais ("Ihr werdet Euch noch wundern") auftritt, gelang ihm das immer überzeugend. In Europa gewann er alle Darstellerpreise, die es zu gewinnen gab. Nach Hollywood zog es ihn nie. Möglicherweise erschien er den amerikanischen Produzenten und Regisseuren als zu wenig spektakulär in seinem diskreten Auftreten, wiewohl man sich ihn auch als Gangsterboss oder Mafia-Größe sehr gut vorstellen kann.

Romy Schneider im Film Trio Infernal

Raffiniertes Liebes- und Mörderpaar: mit Romy Schneider im Kinoklassiker "Trio Infernal"

Doch auch so kann Piccoli auf über 200 Filme zurückblicken. Kurz vor seinem 90. Geburtstag (am 27. Dezember 2015) erschien in Frankreich seine Autobiografie: "J'ai vécu dans mes rêves" (in etwa: "Ich habe in meinen Träumen gelebt"). Er sei noch am Leben, und dennoch sei alles vorbei, schreibt er dort wehmütig. Als das Kino vor 20 Jahren 100. Geburtstag feierte, war Michel Piccoli auch als Schauspieler dabei. Für die Regisseurin Agnès Varda trat er in deren Geburtstagsfilm "Hundert und eine Nacht" als Monsieur Cinéma auf. Als solchen wird man ihn noch lange in Erinnerung behalten.

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