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Kultur

Saudi-Arabien: Todesurteil für Dichter Ashraf Fayadh

Die Urteilsbegründung lautet: Abfall vom Glauben. Der Richterspruch ist symptomatisch für die gesellschaftliche Unruhe im Königreich. Die Machthaber sehen sich zunehmend durch Kunst provoziert.

Ein Streit mit Folgen. Irgendwann im Sommer 2013 hatte der Dichter Ashraf Fayadh eine Auseinandersetzung mit einem ihm bislang unbekannten Mann. Der war darüber so erzürnt, dass er dem Künstler die Religionspolizei auf den Hals hetzte. Fayadh habe in seiner Anwesenheit Gott und den Propheten beleidigt, behauptete er. Die "Kommission zur Förderung der Tugend und der Verhinderung des Lasters", wie die Religionspolizei offiziell heißt, nahm den Dichter daraufhin fest. Sie ließ ihn zwar einen Tag später wieder laufen, doch sein Fall landete vor einem saudischen Gericht.

Das glaubte bald, Fayadh eine ganze Reihe von Vergehen zur Last legen zu müssen: er habe Gott und den Propheten Mohammed beleidigt; er habe den Koran verspottet und die Ankunft des jüngsten Tages geleugnet; er habe den Atheismus verbreitet; er habe Gott auch in seiner Dichtung verhöhnt.

Vergebliche Rechtfertigung

Fayadh bestritt die Vorwürfe. Er habe Gott nicht beleidigt, weder privat noch in seinen Gedichten. Sollten sich dort doch Verse finden, die das dennoch nahelegten, tue ihm das leid.

Jemand hält ein Raif Badawi-Plakat hoch

Auch der Blogger Raif Badawi bekam die Härte des Gerichts zu spüren: Er wurde 2014 zu zehn Jahren Haft und tausend Stockhieben verurteilt

Das Gericht nahm die Bedauernsäußerungen an. Trotzdem verurteilte es ihn im Januar 2014 zu vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben. Ein aus Sicht konservativer Hardliner offenbar zu mildes Urteil: Sie strengten eine Revision an. Der Fall wurde neu aufgerollt. Mitte November gab das nun zuständige Gericht das Ergebnis seiner Beratungen bekannt: Es verurteilte Ashraf Fayadh zum Tod. Todesurteile werden in Saudi-Arabien meistens durch Enthauptungen vollzogen.

Vielseitig deutbare Lyrik

Ashraf Fayadh ist weit über die Grenzen Saudi-Arabiens bekannt. Er gehört zu jenen in der gesamten arabischen Welt anzutreffenden Dichtern, für die Religion seit langem nur noch eine Instanz unter vielen ist. Gott mag es nach deren Empfinden geben, doch vielen ist er verborgen. Die sichtbare Welt aber lässt den Sinn der menschlichen Existenz zumindest nicht unmittelbar erkennen. "Ich suche Trost für meine Situation", schreibt Fayadh in dem Gedicht "Frida Kahlos Schnurrbart". "Doch meine Situation erlaubt es mir nicht, deine Lippen so zu deuten, wie ich es möchte."

Ein Liebesgedicht? Ein metaphysisches? Ein politisches? Vieles lässt sich aus diesen Versen herauslesen. Dass sie sich gegen Gott richten, allerdings nicht. Es sei denn, schon das Gefühl einer wie immer gearteten Verlassenheit ist ein gotteslästerlicher Akt.

Rückkehr als Mythos

Fayadhs Gedichte beschreiben die Unruhe und Getriebenheit des modernen Menschen. "Die Heimat: Eine Karte, die man in seine Jackentasche stecken kann", heißt es in seinem Gedicht "Asyl". "Und die Rückkehr: Eine mythologische Kreatur ... aus den Geschichten meiner Großmutter." Die Heimat als Karte, die Rückkehr als Mythos: Bilder eines heimatlosen Menschen, die hier allerdings auch eine ganz konkrete Bedeutung haben: Als Nachfahre palästinensischer Flüchtlinge ist Fayadh ein Staatenloser. Seit seiner Geburt lebt der 35-Jährige zwar in Saudi-Arabien, ist aber kein Staatsbürger des Königreichs.

Saudi-Arabiens König Salman ibn Abd al-Aziz

Saudi-Arabiens König Salman ibn Abd al-Aziz sitzt seit Januar 2015 auf dem Thron

Die Zuwanderer aus dem so genannten Bilad asch-Scham ("Land zur Linken") – jener Region, die die heutigen Staaten Syrien, Libanon, Jordanien sowie die palästinensischen Gebiete umfasst - werden in Saudi-Arabien mit Herablassung und Argwohn betrachtet. Ein Grund dafür, dass Saudi-Arabien derzeit keine Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Sie gelten der ultrakonservativen religiösen Führung des Landes als potentielle Importeure eines modernen und darum eines unwillkommenen Weltbilds. Auch Ashraf Fayadh sieht sich entsprechenden Vorbehalten ausgesetzt.

Der "Rand Arabiens"

Ein Dorn im Auge dürfte den saudischen Sittenwächtern auch der Umstand sein, dass Fayadh ein prominentes Mitglied der Künstlergruppe "Rand Arabiens" ("Edge of Arabia") ist. Der Rand Arabiens ist der äußerste Zipfel der arabischen Welt, der westliche Rand der geographisch ohnehin am Rand des Nahen Ostens gelegenen arabischen Halbinsel. Dieser war bis zur Entdeckung des Erdöls das kulturelle Zentrum der gesamten arabischen Halbinsel. Die Hafenstadt Dschidda galt als Tor nach Asien und Afrika. Von hier aus brachen die Schiffe nach Indien und Somalia auf. So wurde Dschidda wie die gesamte Westküste zum Schrittmacher eines multikulturellen Arabiens, einer Region, die lange Zeit mehr als nur den Islam kannte.

Diesem Geist fühlt sich auch Ashraf Fayadh verbunden. Ihn setzte er fort, indem er etwa Kontakte zur Londoner Tate Gallery aufbaute. So lud er deren Direktor Chris Dercon zu einer Ausstellung der Gruppe nach Dschidda ein. Und 2013 kuratierte Fayadh auf der Biennale von Venedig den Auftritt einer Gruppe von Künstlern aus dem Königreich. "Rhizoma" nannte sich diese Gruppe: das griechische Worte für ein unter oder dicht an der Erdoberfläche wucherndes Wurzelwerk, dessen vielgestaltige Form keine Hierarchien mehr erkennen lässt.

In der zeitgenössischen Kulturtheorie ist der Begriff als Metapher für den flottierenden Charakter postmoderner Gesellschaften fest etabliert. In diesem Sinn äußerte sich auch Ashraf Fayadh. Die Gruppe wolle die radikalen Veränderungen in der Kunstszene Saudi-Arabiens dokumentieren. Diese setze sich immer stärker mit den unterschiedlichen Lebensweisen des Landes auseinander.

"Brauchen wir abgeschnittene Hälse?"

Ein Mann mit verbundene Augen wird von zwei Männern geführt

Ein Verurteilter auf dem Weg zur Hinrichtung

Dieser Buntheit hat das Gericht durch das verhängte Todesurteil für Ashraf Fayadh nun offenbar ein Ende setzen wollen. Die exakte Begründung und Beweisführung bleibt es der Öffentlichkeit jedoch schuldig: Die Akten hält es unter Verschluss.

In der Internetzeitung "Al Araby al-jadeed" ("Der neue Araber") kritisierte der Kolumnist Amjad Nasr das Urteil mit einer lakonischen Frage: "Brauchen wir Araber in Zeiten des 'Islamischen Staats' wirklich noch weitere Skandale, die mit abgeschnittenen Hälsen zu tun haben?"

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