1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Samar: "Bitte lasst Afghanistan nicht allein!"

Diesen Appell richtet die Trägerin des alternativen Nobelpreises Sima Samar an Deutschland und die Staatengemeinschaft. Die Lage der Menschenrechte in ihrer Heimat sei noch immer nicht stabil.

Sima Samar hat für ihren Einsatz bereits einen hohen Preis bezahlt. Sie hat ihren Mann verloren, sie wurde beschimpft, verfolgt und bedroht. Doch die afghanische Menschenrechtsaktivistin macht weiter. Sie setzt sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in ihrer Heimat ein. Dafür wurde sie am letzten Freitag in Stockholm mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Ärztin und Menschenrechtsaktivistin

Die 55-jährige Ärztin, die seit 2002 an der Spitze der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission steht, setzt sich für die Verankerung der Rechte von Frauen in der afghanischen Verfassung und für die Rechte von Kindern und Behinderten in ihrem Land ein. Seit Jahren kämpft sie vor allem für den Zugang von Frauen und Mädchen zu medizinischer Versorgung und zu Bildung. Sie hat mitgeholfen, drei Krankenhäuser und 16 Gesundheitszentren in Afghanistan und eine Klinik in Pakistan einzurichten. Die von ihr gegründete Organisation "Shuhada" hat zudem mehr als 116 Schulen gegründet, in denen auch Mädchen unterrichtet werden.

Mädchenschule in Herat (Foto: DW)

Sima Samar sorgt dafür, dass auch Mädchen in die Schule gehen

"Wir sahen uns vielen Hindernissen gegenüber", berichtet Samar aus der Anfangszeit ihrer Tätigkeit vor rund 30 Jahren. Doch selbst unter der Herrschaft der Taliban sei es ihr gelungen, in manchen Regionen Afghanistans Mädchen eine Schulausbildung zu ermöglichen. Inzwischen hätten schon 7000 der Absolventen ihrer Schulen ein Universitätsstudium abgeschlossen, sagt sie voller Stolz. Viele von ihnen seien heute im diplomatischen Dienst ihres Landes tätig und erzielten sogar ein höheres Einkommen als sie selbst.

Die afghanische Menschenrechtskommission sei einzigartig in der Region, so Samar, die als erste afghanische Frau in Kabul im Jahr 1982 ein Medizinstudium abgeschlossen hatte. Sie unterhalte 14 Büros im ganzen Land und beschäftigte 600 Mitarbeiter. Eines ihrer Ziele sei die Aufklärungsarbeit. "Nur wenn die Menschen ihre Rechte kennen, sind sie bereit, dafür zu kämpfen", unterstreicht die Ärztin und Aktivistin. Daneben arbeite man mit Polizei und Behörden zusammen. So wache man über die Einhaltung der Menschenrechte und des Folterverbots und gewähre bedrohten Frauen Schutz. "Außerdem haben wir spezielle Teams, die sich um die zivilen Opfer der Taliban und der ausländischen Truppen kümmern."

Dank an Deutschland

In Berlin warb Sima Samar um die Unterstützung Deutschlands auch nach dem Abzug der Bundeswehr im Jahr 2014. "Bitte machen Sie weiter. Bitte haben Sie Geduld! Bitte lassen Sie Afghanistan nicht allein", bat sie bei einer Pressekonferenz eindringlich und bedankte sich gleichzeitig für die Hilfe aus Deutschland. Ihre Bitte um weitere Unterstützung beziehe sich nicht auf militärische Hilfe. Das größte Kontingent der internationalen Streitkräfte in Afghanistan könne abziehen, denn inzwischen seien die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage, deren Aufgaben zu übernehmen. Dennoch hoffe sie, dass ein kleiner Teil der Truppen im Land bleiben werde, um bei der Ausbildung und Überwachung der afghanischen Armee und Polizei zu helfen.

Afghanische Frau mit Burka (Foto: AFP/GettyImages)

Die Menschenrechtsaktivistin Samar kämpft gegen die Burka. Der Ganzkörperschleier sei ungesund, sagt sie.

Eine Rückkehr der Taliban an die Macht fürchtet die afghanische Menschenrechtlerin nicht. Die Situation im Land habe sich seit dem Sturz der islamistischen Extremisten vor zehn Jahren zu tiefgreifend verändert. Viele Mädchen und Frauen hätten inzwischen Schul - und Berufsausbildungen erhalten und seien nicht bereit, ihre neuen Rechte wieder aufzugeben. Außerdem verfüge Afghanistan heute über eine große Vielfalt an Medien, anders als zur Zeit der Taliban, als es nur einen einzigen staatlichen Fernsehsender gab. Heute gebe es 33 Fernsehsender und mehr als 400 Radiostationen und viele Zeitungen. Und schließlich hätten die Taliban selbst inzwischen so viele Reichtümer angehäuft, dass sie diese nicht durch einen neuen Krieg gefährden wollten.

Trotz dieser Erfolge bleibt Samar realistisch. "Wir haben noch einen weiten Weg vor uns", sagte sie in Berlin. Nach wie vor sei Gewalt in Afghanistan, vor allem gegen Frauen, weit verbreitet. Darum benötige das Land am Hindukusch auch weiterhin Hilfe von außen. Diese Botschaft trug die Trägerin des alternativen Nobelpreises im Anschluss an ihre Pressebegegnung auch in ihre Gespräche mit Vertretern fast aller Bundestagsparteien.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema