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Welt

Saddam Husseins schweres Erbe

Nach dem Abzug der USA kämpft der Irak mit innenpolitischen Problemen. "Eine Katastrophe für die gesamte Gesellschaft", sagt Kifah al-Jawahiri von irakischen Organisation Al-Amal im DW-Interview.

Deutsche Welle: Was sind Ihrer Meinung aktuell die dringlichsten Probleme im Irak?

Kifah Al-Jawahiri: Auch nach dem Abzug der Amerikaner haben wir noch zu viele Probleme, von denen die meisten schon zu Zeiten Saddams verbreitet waren. Zuallererst ist die Sicherheitslage im ganzen Land schwierig, und dafür können wir nicht allein Al-Kaida die Schuld geben.

Kifah al-Jawahiri, Mitbegründer der irakischen Nichtregierungsorganisation Al-Amal (Foto: DW)

Kifah al-Jawahiri

Der Irak wird von bewaffneten Banden und Milizen aller Art überrannt. Das Spektrum reicht von islamischen Extremisten sowohl sunnitischer als auch schiitischer Herkunft bis zu den Kräften, die die Rückendeckung der wichtigsten politischen Parteien haben. Letztere kämpfen mit allen Mitteln um die Macht.

Am meisten haben darunter die normalen Bürger zu leiden. Stromausfälle und Wassermangel sind alltäglich. Es gibt Probleme mit dem Abwasser, unseren Straßen sind marode und voller Müll, den niemand wegschafft. Zum erschreckenden Zustand des größten Teils unserer grundlegenden Infrastruktur kommen noch Korruption, große Armut und wachsende Arbeitslosigkeit.

Hat der sogenannte Arabische Frühling Ihr Land noch nicht erreicht?

Seit mehr als einem Jahr demonstrieren die Leute, meistens freitags. Aber es stimmt: Hierzulande entwickeln sich die Dinge viel langsamer als in anderen arabischen Ländern. Unseren Diktator sind wir schon seit neun Jahren los. Die Leute haben also keinen Grund derart zu kämpfen.

Hinzu kommt die vielfache Teilung der irakischen Gesellschaft: Der Staatsapparat des Irak ist nach konfessionellen Gesichtspunkten aufgebaut, und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Konfession ist viel stärker ausgeprägt als das Nationalbewusstsein. Fakt ist jedenfalls: Die meisten Iraker leben unter schlechten Bedingungen - egal ob sie nun Schiiten, Sunniten oder Christen sind.

Kaum hatten die US-Truppen den Irak verlassen, wurde Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tarek al-Haschemi verhängt. Welche Auswirkungen hat dieser Schritt auf die irakische Gesellschaft?

Die politische Krise ist groß, und das fordert offensichtlich seinen Tribut. Diese Entwicklung ist tragisch, egal aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet. Wenn es stimmt, was Ministerpräsident Nuri al-Maliki behauptet, dass der Vizepräsident tatsächlich in ein terroristisches Komplott verstrickt ist, fragt man sich doch, wie so jemand diesen Posten bekommen konnte. Auf der anderen Seite könnte es aber auch sein, das al-Maliki eine Intrige gesponnen hat, um einen potentiellen Rivalen loszuwerden.

Was sagt das über die Glaubwürdigkeit der höchsten Repräsentanten dieses Staates? Es ist eine Katastrophe für die gesamte irakische Gesellschaft und ein weiterer Vorwand, konfessionelle Konflikte anzuheizen. Allerdings ist jedem klar, dass zur Sicherung der Macht wieder alte Methoden angewandt werden, die mit der sunnitisch-schiitischen Rivalität nichts zu tun haben.

Nach den Wahlen im Jahr 2010 wurde Nuri al-Maliki bewusst, dass er einen sehr starken politischen Konkurrenten hat. Heute strebt seine Partei ein Machtmonopol an.

Experten vermuten, dass der Iran hinter solchen Machenschaften steckt.

Auch hier würde ich klar zwischen der Regierung und dem Volk unterscheiden. Es stimmt zwar, dass die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit bilden. Meiner Ansicht nach sind aber nur wenige von ihnen damit einverstanden, dass sich der Iran in die inneren Angelegenheiten im Irak einmischt.

Es sind die schiitischen Parteien, die an der Seite Teherans stehen. Während des Saddam-Regimes waren dort viele unserer führenden Politiker im Exil und sie haben noch immer gute Kontakte in den Iran. Mit großem Einsatz betreiben sie eine zunehmende Annäherung an den Iran. Und manchmal geben sie sich noch konservativer als unsere persischen Nachbarn.

Seit seiner Gründung vor 20 Jahren setzt sich Ihr Verband Al-Amal stark für die Rechte der Frauen ein. Wie steht es darum?

Zuständig für Frauenrechte im Irak ist das "Frauen- und Familienministerium". Diese Bezeichnung zeigt schon, wie eng Frauen immer noch an die Familie gebunden sind und wie sehr sie in anderen gesellschaftlichen Bereichen ausgegrenzt werden. Wie ich schon sagte: Die alten Probleme sind geblieben. Und da ist Frauenpolitik keine Ausnahme.

Irakische Witwen (Foto: DW)

Irakische Kriegerwitwen

Schon vor 2003 gab es im Irak unzählige Kriegerwitwen. Und ihre Zahl ist nach der US-Invasion weiter gestiegen. Die meisten dieser Frauen leben in ärmlichen Verhältnissen und können mit 100 Dollar Rente kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Hinzu kommt, dass Irakerinnen religiös unterdrückt werden, und zwar nicht nur durch den Islam. Wir leben immer noch in einer sehr konservativen Gesellschaft. Die Ausgrenzung von Frauen auf dem Land hat mehr kulturelle als politische Gründe. Sie sind auf vielfache Weise der Gewalt in ihren Familien ausgesetzt, nicht nur wenn es um sogenannte Ehrenmorde geht. Oft werden zum Beispiel elf- oder zwölfjährige Mädchen gezwungen, zu heiraten. Das ist illegal und bringt viele rechtliche Probleme, die auch Auswirkungen auf ihre Kinder haben.

Was hat Ihre Organisation unternommen, um Frauenrechte zu schützen?

Die erste Frau, die in der gesamten arabischen Welt ein Ministeramt bekam, war 1959 eine Irakerin. Doch heute wird es immer schwieriger für Frauen, sich zu qualifizieren. Deshalb versuchen wir, sie zu fördern. Und wir unterstützen Gesetzesprojekte, die die Rechte der Irakerinnen schützen. In der autonomen Kurden-Region ist vieles davon bereits umgesetzt. Einer unserer größten Erfolge war die Frauenquote im Parlament, dank derer ein Viertel der Abgeordneten weiblich sind.

Im Rahmen des Arabischen Frühlings arbeiten wir an einer neuen Kampagne, bei der es um persönliche Freiheiten geht. In der Politik gibt es Pläne für seltsame Gesetze. Bei einem geht es um neue Kleidungsvorschriften für Frauen am Arbeitsplatz. Wie kann jemand auf die Idee kommen, Frauen das Tragen von hellen Farben im Büro zu verbieten?

Kifah Al-Jawahiri ist Mitbegründer des irakischen Al-Amal-Verbands. Das Ziel der Nichtregierungsorganisation ist es, eine moderne Zivilgesellschaft aufzubauen.

Das Gespräch in Bagdad führte Karlos Zurutuza
Redaktion: Robert Mudge / Arnd Riekmann

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