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Kultur

"Süßes Gift" - ein Film über falsche Hilfe

Der Film "Süßes Gift - Hilfe als Geschäft" blickt auf die negativen Folgen jahrzehntelanger Entwicklungshilfe für Afrika. Im Rahmen des 20. Filmfests Hamburg wurde die Dokumentation aufgeführt.

Dieser Film dürfte vielen in Deutschland sauer aufstoßen. "Süßes Gift" prangert staatliche Entwicklungshilfe an. Nicht, indem er kritische Thesen aufstellt und polemisch gegen Auswüchse der Hilfe zu Felde zieht, sondern indem er die Menschen vor Ort zu Wort kommen lässt. Das hat eine ganz andere Wirkung - und Glaubwürdigkeit. Peter Heller dreht seit 40 Jahren Dokumentarfilme. Allein 30 hat er in Afrika gemacht, über Themen wie Kolonialismus und soziale Probleme auf dem Kontinent. Dabei hat er immer auch ein Auge auf die Heimat gerichtet, das Verhältnis der Deutschen zu Afrika beleuchtet.

50 Jahre Unabhängigkeit

Das kommt ihm in "Süßes Gift" zugute. Heller, der für seinen neuen Film nach Kenia, Tansania und Mali gereist ist, kann auf viel selbst gedrehtes Material zurückgreifen. So ist "Süßes Gift" auch eine Art Langzeitdokumentation geworden, die das Thema Entwicklungshilfe in einen großen historischen Zusammenhang stellt. Was hat ihn inspiriert, sich des Themas gerade jetzt anzunehmen? "Vor 50 Jahren sind viele Länder in Afrika in die Unabhängigkeit gegangen", erzählt der Regisseur nach der Premiere seines Films in Hamburg. "Mich hat immer die Abhängigkeit und die Lethargie gestört, in die die Menschen durch die Entwicklungshilfe geraten sind."

Szene aus dem Film Süßes Gift (Foto: Verleih w-film)

"Süßes Gift" - wenn Entwicklungshilfe zum Medienspektakel ausartet

Was ist falsch an der Entwicklungshilfe, was falsch an dem Ziel, den Menschen vor Ort zu helfen? Heller differenziert. Gegen die Nothilfe nach Umwelt-Katastrophen hat er nichts einzuwenden - wiewohl er auch bei dieser Art internationaler Zuwendung auf Missstände hinweist: "Viele Firmen und Unternehmen in der EU, den USA und Kanada machen damit gute Geschäfte". In "Süßes Gift" geht es Peter Heller jedoch um die langfristige Hilfe durch die Staaten des Westens. Im Film präsentiert er drei Beispiele.

Am Turkana-See im Norden Kenias ist Heller auf einen besonders eklatanten Fall von fehlgeleiteter Entwicklungshilfe gestoßen. Dort versuchten norwegische Organisationen vor Jahren den unter Dürre leidenden Menschen mit einer großen Umsiedlungsaktion zu helfen. Das Nomadenvolk der Turkana wurde aus dem trockenen Hinterland an den See umgesiedelt und zu Fischern "umgeschult". Die Norweger schossen viel Geld in das Projekt und ließen eine riesige Hightech-Fischfabrik errichten. "Die Norweger haben das damals gut gemeint", erzählt Heller, "die wollten die Turkana schon lange vor der Globalisierung an den Weltmarkt anschließen." Doch das ging gründlich schief.

Gigantischer Strombedarf in der Gluthitze Afrikas

Die hypermoderne Fischfabrik war völlig überdimensioniert und für die Bedürfnisse vor Ort falsch angelegt. Der Strom für die gewaltigen Kühlanlagen zur Lagerung des Fisches konnte dauerhaft nicht beschafft werden. Nach nur sechs Wochen wurde die Fabrik wieder geschlossen. Ein anderer Fehler, den die norwegischen Entwicklungshelfer damals machten: Sie unterschätzten Mentalität, Sitten und Gebräuche der Menschen. Sobald die Männer und Frauen ein wenig Geld mit dem Fischfang verdient hatten, investierten sie es in Vieh - und nahmen ihre nomadischen Gewohnheiten wieder auf. Nach drei Jahren verschwanden die Norweger dann.

Szene aus dem Film Süßes Gift (Foto: Verleih w-film)

Vor allem viele ältere Menschen sind inzwischen abhängig von den Hilfslieferungen aus dem Westen

Heute - das zeigt der Film eindrucksvoll - sind die Leute dauerhaft abhängig von Hilfslieferungen aus dem Westen. "Wann kommen die weißen Norweger wieder zurück zu mir und bringen mir Fortschritt?" fragt ein alter Hirte im Film. Die Fabrik, heute eine riesige, monströse Ruine, wird inzwischen als Lagerstätte für Trockenfisch genutzt. Erst in jüngster Zeit interessieren sich wieder Investoren für die Anlage.

Heute leiden die Menschen Hunger

Ein zweites drastisches Beispiel hat Peter Heller in Mali recherchiert. Dort errichteten deutsche Firmen vor Jahrzehnten einen riesigen Staudamm, um die Menschen langfristig mit Wasser für die Landwirtschaft zu versorgen. Auch dieses Projekt war gut gemeint, auch hier ging die Hilfe in eine falsche Richtung. 34 Dörfer wurden geflutet, die Menschen umgesiedelt - in weniger fruchtbare Gebiete. Das Projekt war auf 10 bis 15 Jahren angelegt, wurde aber nach drei Jahren abgebrochen. In Deutschland gab es einen Regierungswechsel, man setzte andere Prioritäten. Heute haben die meisten Männer die Region verlassen und sind nach Europa gegangen. Die verbliebenen Frauen und Kinder hungern.

Szene aus dem Film Süßes Gift (Foto: Verleih w-film)

Nicht selten sind es nur noch die Frauen, die in den von Männern verlassenen Dörfern wohnen

Auch ein Projekt zur Baumwollpflanzung in den späten 1970er Jahren in Tansania wird in "Süßes Gift" dokumentiert. Auch das ein Beispiel für fehlerhafte Projektsteuerung. Heller war schon damals dabei, als es los ging. "Es war ein Musterprojekt mit deutschen Traktoren und Sprühpumpen mit Chemikalien. Die 'grüne Revolution' hieß das damals", erzählt Heller. "Grüne Revolution" hatte allerdings eine ganz andere Bedeutung. Um Umweltschutz kümmert man sich zu dem Zeitpunkt noch nicht: "Wir sollten uns einfach ein doppeltes Taschentuch vor die Nase halten, während die Afrikaner das giftige Zeug versprühten." Schon in den 1980er Jahren ging es abwärts. In den 1990ern setzte der Einbruch bei den Weltmarktpreisen der Baumwollproduktion ein Ende. Von Anfang an sollte damals in großem Stil für den Weltmarkt produziert werden - ein fataler Irrweg.

"Schluss mit der staatlichen Entwicklungshilfe"

Auch wenn Peter Heller das in seinem Film nicht so explizit formuliert, weil es in erster Linie die Afrikaner vor Ort sind, die mit ihren Kommentaren und Stellungsnahmen die Lage schildern. Im Gespräch mit der Deutschen Welle fordert der Regisseur: "Schluss mit der staatlichen Entwicklungshilfe." Er nennt verschiedene Gründe: Staatliche Entwicklungshilfe sei zunächst ein Geschäft für Unternehmen aus dem Westen. Da fließe viel Geld. Viele große Entwicklungsprojekte seien nicht angepasst an örtliche Gegebenheiten. Investiert werden müsste dagegen in die Landwirtschaft. Nahrungsmittel sollten vor Ort angebaut und verkauft, nicht ausschließlich aus westlichen Ländern importiert werden. Und unterstützt werden müssten die vielen kleinen Nichtregierungsorganisationen. Die hätten praktische Erfahrungen.

Szene aus dem Film Süßes Gift (Foto: Verleih w-film)

Früher waren sie Nomaden: Turkana-Männer in "Süßes Gift"

Warum haben schätzungsweise 600 Milliarden US-Dollar in 50 Jahren nicht zu einem sichtbaren Entwicklungsschub geführt? Im Film äußern sich afrikanische Entwicklungshelfer, Intellektuelle, politische Aktivisten und Geschäftsleute. "Die Entwicklungshilfe schafft eine Art Lethargie", sagt ein afrikanischer Journalist. Internationale Hilfe sei schädlich und sehr gefährlich. Die Hilfe zerstöre alle Bemühungen und Motivation. Fremde Hilfe rege nicht zu eigenen Anstrengungen an. Und ein afrikanischer Exporteur für Baumwolle meint: "50 Jahre nach der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten ist es Zeit Verantwortung zu übernehmen, nicht nur zu warten bis die Hilfe kommt."

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