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Globale Zusammenarbeit

Shikwati: "Die Chinesen sind aufrichtiger"

Vor sieben Jahren sorgte der kenianische Publizist James Shikwati für Aufsehen mit der Forderung, die Entwicklungshilfe für Afrika sofort einzustellen. Hält er heute noch daran fest?

DW: Vor sieben Jahren forderten Sie den sofortigen Stopp jeglicher Entwicklungshilfe für Afrika und sorgten damit für eine große Kontroverse. In Peter Hellers entwicklungshilfekritischem Film "Süßes Gift" klingen sie jetzt moderater, sprechen etwa davon, die Konzepte müssten überarbeitet werden. Sind Sie von der totalen Ablehnung der Entwicklungshilfe abgerückt?

Porträt des kenianischen Wirtschaftswissenschaftlers James Shikwati (Foto: James Shikwati)

Der kenianische Ökonom James Shikwati

James Shikwati: Nun, ich würde nicht sagen, dass ich von dieser Position abgerückt bin - allenfalls insoweit, dass ich inzwischen sogar noch überzeugter davon bin. Bei dieser Diskussion geht es um den Einfluss auf unsere Mentalität, auf die afrikanische "Software", wenn Sie so wollen; das System, aus dem wir unsere Anreize ziehen, um unsere Probleme selbst zu lösen.

Die Europäer wollen uns helfen, weil sie ihre Verantwortung spüren, aber im Laufe des Prozesses kommen sie schlecht weg. Wir reden hier über 50 Jahre Unabhängigkeit, selbst wenn Afrika ein Kind gewesen wäre, sollte das nun erwachsen sein und seine Herausforderungen anpacken. Was der Film "Süßes Gift" von Peter Heller einfängt, ist dieses Element des Erstickens. Im Bemühen um Hilfe erstickst du das Objekt der Hilfe.

Also sagen Sie: Schluss mit der Entwicklungshilfe! Aber muss man nicht zwischen verschiedenen Formen der Unterstützung unterscheiden?

Zunächst sind da natürlich Unterschiede. Es gibt Hilfe von Regierung zu Regierung, offizielle Entwicklungshilfe, es gibt humanitäre Unterstützung. Alle werden mit guten Absichten erbracht. Aber ich komme auf den Punkt zurück: Es gibt einen "mindset", eine Mentalität, die durch die Hilfe für Afrika geprägt wird, und diese Geisteshaltung macht es extrem schwer, Gutes zu bewirken. Eines der schlechten Ergebnisse, die dies bewirkt, wird in dem Film thematisiert: die Abhängigkeit und die Unfähigkeit, die eigenen Ressourcen anzuzapfen, um das eigene Leben besser zu machen.

Vor sieben Jahren schlugen Sie stattdessen eine strikt marktliberale Politik vor. Ein freier Markt solle die von der Entwicklungshilfe gelähmten Marktteilnehmer aktivieren. Wie soll das funktionieren?

Leider muss man für den Westen immer alles mit einem Label versehen und sagen, etwas ist liberal oder nicht, links oder rechts. Aber Sie müssen Afrika in dem Zusammenhang betrachten, dass wir noch immer in einem Stadium der Formierung sind. Unsere Regierungen sind in einer formativen Phase, wir müssen das Stadium erst erlangen, in dem wir etwas als konservativ oder liberal bezeichnen können. Wir haben Regierungen, die buchstäblich keine Position haben. Sie folgen allein den Ansagen ihrer Geldgeber. In Afrika geht es um den Einfluss von Beziehungen, und einen besonderen Einfluss übt die Hilfsindustrie aus, die ein globales System in Gang hält und die es den Afrikanern extrem schwer macht, sich an den globalen Markt anzudocken und ihre natürlichen Ressourcen anzuzapfen und sie in Güter umzuwandeln.

Kulturelle Missverständnisse

Im Film gibt es ein Beispiel für besonders eklatant gescheiterte Entwicklungshilfe: Norwegische Entwicklungshelfer wollten die Versorgung der Turkana, eines im Norden Kenias lebenden Hirtenvolkes, sicherstellen. Die Norweger brachten ihnen das bei, was sie selbst am besten beherrschen: Das Fischen, und sie bauten den Nomaden eine riesige Fischfabrik, die nie in Betrieb ging. Zeigt das Beispiel nicht, dass Entwicklungshilfe an kulturellen Missverständnissen scheitert, man sozusagen total aneinander vorbei redet und denkt. Und muss man deshalb Entwicklungshilfe gleich ganz abschaffen?

Unter der Anleitung deutscher Entwicklungshelfer haben Männer im Niger einen Brunnen gebaut (Foto: dpa)

"Entwicklungshilfe scheitert häufig an kulturellen Missverständnissen", sagt James Shikwati

Vom Beispiel der Turkana lassen sich drei Botschaften ableiten: Erstens bedeutet das System internationaler Hilfe, dass nationale Regierungen ihre Verantwortung aufgeben. Man kann das in vielen Ländern sehen: Afrikanische Regierungen geben ihre Verantwortung an NGOs ab. Gehen Sie mal in das riesige Elendsviertel Kibera in Nairobi: Da gibt die Regierung in einem solchen Maße ihre Verantwortung ab, dass man eigentlich nicht mehr von Regierung sprechen kann.

Zweitens wählt natürlich der Geber aus, was er für prioritär hält. Also haben wir hier eine Hirten-Gemeinschaft, der ein Fischereiprojekt nahe gebracht wird. Das hat einen kulturellen Aspekt. Ich vermute, weil die Geldgeber ihren Geldgebern Bericht erstatten müssen und das in einer Sprache, die sie verstehen. In diesem Fall leuchtet Norwegern ein Fischprojekt am ehesten ein. In Tansania gibt es das Beispiel einer Schraubenfabrik - das variiert von Land zu Land.

Und das dritte, was auch der Film einfängt, sind die Museen der Schande, wenn Sie so wollen. Man hat eine Idee, baut eine Fischfabrik. Sie funktioniert nicht, dann geht man wieder weg. Davon sehen wir in Afrika eine Menge. Dafür sind wir beide verantwortlich, die afrikanischen Intellektuellen und die der Geberländer. Und wir werden noch mehr davon sehen, je nachdem welches Projekt, sagen wir, Bono demnächst fördert, "ONE", oder "Feed the Children".

Um auf das Beispiel der Turkana zurückzukommen: Wenn die Entwicklungshilfe nun, wie Sie fordern, von heute auf morgen eingestellt würde, was hätte ein bitterarmes Volk wie die Turkana denn auf dem freien Markt zu bieten?

Der Punkt ist, dass der Markt erst einmal mit Rahmenbedingungen und Regeln versehen werden muss, ohne das funktioniert es nicht. Wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind, sehen wir, dass die Turkana-Region große Vorkommen an Öl und Grundwasser zu bieten hat. Außerdem sind die Turkana Hirten, das heißt, sie können mit Schafen, Kamelen und Ziegen handeln. Wir brauchen also Industrien für Leder-Produkte, für Bewässerung und für Öl.

China verhandelt ehrlicher

Aber was spricht dagegen, etwa mit norwegischer Entwicklungshilfe eine Landstraße zu den Turkana zu bauen, damit diese ihre Produkte besser an die Märkte anschließen können?

Bettelnde Hände mit einer Dollarnote (Foto: Fotolia)

Fehlgeleitete Entwicklungshilfe hat Afrika zu einem Bittsteller degradiert

Hier schleicht sich jetzt China ins Gespräch (lacht). Die Chinesen würden sagen: "Okay, gebt uns eine Million Barrel Öl, dann bauen wir euch die Straße." Hier beginnt ein Austausch von Waren im Gegensatz zu jemandem, der sagt: "Ich helfe dir!" Entwicklungshilfe ist ein großes Geschäft. Leider hatte dieses lukrative Geschäft für Afrikaner immer nur den Namen "Hilfe". Allein diese Bezeichnung sorgt beim Empfänger schon für negative Einstellungen.

Die Chinesen sind da also ehrlicher als europäische Staaten, die unter dem Deckmantel der Hilfe auch nur Geschäfte machen?

Sie sind mehr geradeheraus. Also wird die Landstraße gebaut, weil da jemand sehr klar sagt, was er im Gegenzug haben möchte. Verhandelt wird also zwischen Leuten, die Werte anzubieten haben, wo kein Verhandlungspartner als Bettler auftritt. Das ist es, was wir beobachten konnten, seit China und andere Schwellenländer mit ins Spiel gekommen sind. Sie nähern sich Afrika mit einer bestimmen Botschaft: Wir wollen dies, ihr gebt uns jenes, dafür kriegt ihr das. Das stellt die alten Dimensionen der Entwicklungshilfe auf den Kopf.

Lehren aus der Euro-Krise für Afrika

Zugleich sind Europa und die USA mit ihren Krisen beschäftigt. Milliardenschwere Hilfe, so scheint es, gibt es seit dem Aufkommen der Finanz- und der Euro-Krise nicht mehr für Afrika, sondern für westliche Banken und Euro-Staaten, die von der Pleite bedroht sind. Das müssten gute Nachrichten für Sie sein: Vielleicht hat sich das Thema Entwicklungshilfe ja bald von selbst erledigt.

Die Krise bewirkte und bewirkt immer noch eine Änderung der Sprache. Jetzt haben wir es nicht mehr mit einem verzweifelten, armen Kontinent zu tun, sondern mit einem Kontinent und Ländern, die Wachstumsmöglichkeiten bieten. Auf der afrikanischen Seite bringt die Krise unsere Regierungen und Intellektuellen dazu, sich mit den Schwächen eines Systems ohne regulatorischen Rahmen, ohne legale Infrastruktur zu beschäftigen. Denn das hat zu dem Chaos geführt, dass wir in Europa sehen. Also die Schlüsselbotschaft, die wir von Europa lernen, ist, dass man wirkliche Werte auf den Tisch legen muss. Man darf nicht zocken. Weg von der Zocker-Ökonomie!

Dass Sie mit Ihrer These nach einem kompletten Stopp der Entwicklungshilfe eine breite Debatte mit angestoßen haben, sieht man nicht zuletzt an einem Film wie "Süßes Gift". Aber war ihre Forderung am Ende des Tages nicht doch auch rhetorisch gemeint, um die Diskussion in Gang zu setzen?

Wenn Sie hier in Nairobi sind, hier mit Menschen in allen Teilen des Landes zu tun haben, dann können Sie Menschen in sehr, sehr bemitleidenswerter Verfassung sehen, über den ganzen Kontinent verteilt. Im Kongo sterben Menschen, werden vergewaltigt, weil multinationale Konzerne die Bodenschätze haben wollen. Wenn Sie sehen, wie Armut mit einem System verflochten ist, das durch Entwicklungshilfe erhalten wird! Es geht hier nicht um Rhetorik, sondern um das Gefühl, dass einer der entscheidenden Punkte, warum die Menschen in dieser Lage sind, dieses "Süße Gift" ist. Dann, entschuldigen Sie, ist es das Erste, was man stoppen muss, bevor man den Patienten weiter behandelt.

James Shikwati, geboren 1970, ist Gründer des Wirtschaftsmagazins "The New African Executive" und Direktor des IREN-Instituts in Nairobi, eines marktliberalen Think Tanks.

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