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Europa

Russlands neue Kampfeslust

Russlands Macht wächst, die einstige Großmacht pocht wieder auf einen angemessenen Platz in der Weltpolitik. Doch sind die Vorzeichen andere als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Wladimir Putin, Dimitry Medwedjew und Boris Jelzin als Matrjoschkas (Foto: dpa)

Die Starken Männer Russlands wollen keine Marionetten des Westens sein

"Russland fühlt sich bedroht und gedemütigt", erklärt Stefan Meister, Russlandexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Das Problem ist, dass wir es hier mit einem wiedererstarkten Akteur zu tun haben, der versucht einen Minderwertigkeitskomplex aufzuarbeiten", analysiert Jörn Grävingholt, Russlandkenner beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE), die russische Psyche.

Dieses Gefühl käme nicht von ungefähr. "Die Politik des Westens war nicht sehr klug", findet Grävingholt. Auf Moskaus Interessen sei in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht vom Westen wenig Rücksicht genommen worden. Beispiele sind die Osterweiterung der NATO bis an die russische Grenze und der Aufbau des US-Raketenschildes in Osteuropa. Foren wie der NATO-Russland-Rat hätten aus russischer Sicht nur wenig gebracht, so Grävingholt, denn "die Bereitschaft des Westens, hier kooperative Lösungen zu finden, war nicht sehr groß".

Russland will dem Westen Grenzen zeigen

Russische Panzerkolonne in Südossetien.

Demonstration der Stärke: russische Panzer in Südossetien

Mit dem Krieg im Kaukasus wollte Russland deutlich machen, dass es sich eine solche Behandlung nicht mehr gefallen lassen will. "Dem Westen soll eine Grenze aufgezeigt werden", sagt Alexander Rahr, Programmdirektor Russland/Eurasien bei der DGAP in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", bis hierher und "keinen Millimeter weiter".

Die neue Vehemenz, mit der Russland seinen Großmachtsanspruch vertritt, weckt bei manchen Ängste vor einer Wiederbelebung des vergangen geglaubten Ost-West Konflikts. "Russland ist dabei, einen neuen Kalten Krieg zu beginnen", sagt Russlandexperte Juri Fedorow vom Londoner Think Tank Chatham House in einem Interview mit DW-WORLD.

Kalter Krieg ist Schnee von Gestern

Nicht alle von Fedorows Kollegen teilen allerdings diese Angst. Weniger als ideologische Trennwände prägten heute vielmehr weltumspannende Wirtschaftsströme die internationale Politik. "Wirtschaftspolitik ist wichtiger als das Großmachtsgebaren", glaubt Meister von der DGAP. Aus Rücksicht auf seine Wirtschaft könne sich Russland eine ernsthafte Konfrontation mit dem Westen gar nicht leisten. Denn dass eine solche Auseinandersetzung Gift für die russische Wirtschaft ist, hat der Krieg im Kaukasus gezeigt. Der Einmarsch der Truppen ließ den russischen Aktienindex an der Moskauer Börse auf seinen tiefsten Stand seit zwei Jahren sinken. Und auch der Rubel geriet stark unter Druck.

Aber nicht nur weil die Mächte durch die starke wirtschaftliche Vernetzung voneinander abhängig sind, sei ein neuer Kalter Krieg kaum denkbar. Ein bipolarer Konflikt sei schwer vorstellbar in einer Welt in der immer mehr Mächte aufs politische Parkett drängen, sagt Meister.

Russland gibt sich stärker als es ist

Hu Jintao und Wladimir Putin bei einer Militärübung am Rande des SCO-Gipfels in Dushanbe.

Buhlen um Macht in Zentralasien: Chinas Präsident Hu Jintao und Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin.

Dass Konflikte in einer multipolaren Welt komplizierter geworden sind, hat auch Russland im Kaukasus-Konflikt erfahren müssen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion versucht es seinen Einfluss in den ehemaligen Sowjetstaaten gegen Mächte wie China zu behaupten. Der Einmarsch in Georgien hat diesem Ziel aber eher geschadet als genutzt. Bei einem Treffen des Schanghaier Kooperationsrates (SCO), einem Zusammenschluss zentralasiatischer Staaten, Russlands und Chinas, Ende August, haben sich mehrere der Mitglieder offen gegen Russland und hinter China gestellt, indem sie sich weigerten die Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien anzuerkennen. "Moskau verliert durch solche Aktionen Einfluss im post-sowjetischen Raum", bestätigt auch Russlandfachmann Meister.

Zwei Bewohner gehen durch die zerstörte tschetschenische Hauptstadt Grozny.

Innere Konflikte wie der Tschetschenienkrieg schwächen Russland.

Außerdem sei Russland längst nicht so mächtig, wie es sich gebärdet, sagt Meister. Das Land sei von vielen internen Problemen geschüttelt. Eines davon ist die extreme soziale Ungleichheit - Schätzungen zufolge leben 20 Millionen Russen unter dem Existenzminimum. Auch die anhaltenden Konflikte mit separatistischen Teilrepubliken schwächen das Riesenreich von innen. Und die Modernisierung der maroden Armeebestände aus Sowjetzeiten hält Meister für gescheitert.

Aber Russlands Macht wächst, nicht zuletzt aufgrund der sprudelnden Einnahmen aus Energieexporten. Dies werde auch Auswirkungen auf das außenpolitische Kalkül des Westens haben, meint Grävingholt vom DIE. Moskau müsse stärker eingebunden werden als bisher. "Man wird sich daran gewöhnen müssen, Russland anders gegenüberzutreten."

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