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Politik

Russlands Antwort auf GPS

Russland will sein eigenenes Satelliten-Navigationssystem im All ausbauen. China und Indien sind erste Kunden. Es locken kommerzielle Möglichkeiten und die Unabhängigkeit von US-Technologie.

Russische Rakete nch dem Start, Quelle: dpa

Russische Raketen befördern Navigations-Satelliten ins All

Es wird unübersichtlich am Himmel. Nach den Europäern schickt sich jetzt auch Russland an, ein Satellitennetzwerk im All zu installieren, das dem amerikanischen Global Positioning System (GPS) Konkurrenz machen soll. Und die belebt das Geschäft, glauben Experten: Die genaue Verortung jedes Winkels der Erde wird billiger, einfacher, vielleicht genauer.

Doch es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das neue interkontinentale Wettrennen der Satelliten-Navigationssysteme im Orbit für zunehmendes Durcheinander und zwischen den politischen Schaltzentralen auf der Erde für Missverständnisse sorgt.

Schatten des Kalten Krieges

Neu ist die Idee zu "Glonass" - so der Name des russischen Systems - nicht. Auf der Höhe des Kalten Krieges in den 1970er Jahren wurde die Idee von der sowjetischen Führung abgesegnet. Der erste Satellit ging 1982 in die Umlaufbahn, elf Jahre später war Glonass offiziell einsatzbereit. Doch für eine zuverlässige globale Abdeckung reichte es nie - besonders nach Zusammenbruch des Kommunismus: zu wenig Geld, zu wenige Satelliten. Nach Angaben des Kontrollzentrums sind zwar 19 im All, davon funktionierten aber nur elf.

Russlands Päsident Wladimir Putin mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh (Archivbild), Quelle: AP

Russlands Päsident Wladimir Putin mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh (Archivbild)

24 braucht es mindestens, um eine weltumspannende Orientierung zu ermöglichen. Das soll nun Ende 2009 der Fall sein - und offen für den zivilen Einsatz, verkündete ein Offizieller der russischen Weltraumagentur am Mittwoch (4.4.2007). Möglich machen dies die Milliardengewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft. Umgerechnet 284 Millionen Euro sind im russischen Haushalt für Glonass vorgesehen - mehr als doppelt so viel wie 2006.

Kommerzielle Chancen

Die Pläne für ein vollwertiges Satelliten-Navigationssystem wurden in Moskau zwar nie zu den Akten gelegt. Doch warum gerade jetzt von dort soviel Lärm um Glonass kommt, hat militärische, noch mehr aber kommerzielle und wirtschaftliche Gründe, sagt Neil MacFarlane, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Oxford. Die starke Resonanz auf "Galileo", das europäische Projekt für ein ähnliches System, habe gezeigt, wie groß der potenzielle Markt für diesen Service sei.

"Doch das Galileo-Vorhaben scheint derzeit festgefahren. Das fördert in Russland den Eindruck, dass man sich möglicherweise einen noch größeren Teil eines ohnehin wachsenden Marktes sichern kann - wenn man Glonass zügig fertigstellt", sagt MacFarlane. Das Potenzial für kommerzielle Anwendungen sei immens. "Egal ob Navigator im Auto oder interaktive, ortsspezifische Werbung per Handy", so MacFarlane. Die genaue Verortbarkeit von Personen und Geräten wird zur Selbstverständlichkeit.

Großkunden: China und Indien

Im Visier Moskaus stehen aber auch noch andere "Großkunden". Als Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao am Montag vergangener Woche den russischen Präsidenten Putin in Moskau traf, einigten sie sich unter anderem auf eine Kooperation bei Weltraumprojekten. Darunter sind eine gemeinsame Mission zum Mars - und Glonass. Sowohl China und Indien wollen Alternativen zum amerikanischen GPS und sind als aufstrebende Mächte in der Lage, sich entsprechend finanziell einzubringen, sagt MacFarlane. Indien beteiligt sich am russischen System unter anderem mit eigenen Raketen für den Transport und der Entwicklung einer neuen Klasse von Satelliten.

Damit zeichnet sich jedoch keineswegs eine neue umfassende Interessengemeinschaft zwischen Russland, Indien und China ab, sagt Pal Sidhu vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. "Die bilateralen Beziehungen, die jedes dieser Länder mit den USA unterhält, sind ihnen weit wichtiger als jede Verbindung unter den Dreien."

Russische Sojus-Rakete, Quelle: AP

Russische Sojus-Rakete

Indien scheint vielmehr aus wirtschaftlichem Opportunismus mit Russlands Weltraumkompass kooperieren zu wollen. Die Regierung in Delhi beteiligt sich ebenso an amerikanischen oder europäischen Projekten, da sie kein Ziel westlicher Embargos ist, sagt Sidhu. China hat dieses Privileg nicht und muss schon allein deshalb versuchen, auf eine Alternative zum US-Navigationssystem zuzugreifen. "Mittelfristig wird China sein eigenes System entwickeln wollen. Doch dafür ist noch nicht genug Geld da und die eigene Technologie nicht weit genug."

Folgen für US-Vormachtstellung

Die Implikationen für die USA könnten langfristig gravierend sein, selbst wenn diese von Russland oder China gegenwärtig wohl kaum geplant wären. Der Erhalt einer Vormachtstellung im Weltraum ist eine strategische Position der Amerikaner. Der Anspruch der USA, jederzeit an jedem Ort der Welt Einfluss zu nehmen - und gegebenenfalls mit militärischen Mitteln zu bekräftigen, hängt jedoch seit Jahren immer stärker an der technischen Infrastruktur - auch und gerade im Weltraum.

Hier wollen Länder wie Russland und China gleichziehen. "Durch eigene Systeme im Weltraum können sie den relativen Vorteil, den die USA durch ihre Augen und Ohren im All gewinnen, einschränken - besonders in der Nachbarschaft wie Taiwan", sagt Sidhu.

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