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Wirtschaft

Rohstoffkampf in Kasachstan

Kasachstans Wirtschaft boomt. Längst konkurrieren die Großmächte um die besten Plätze im Öl- und Gasgeschäft. Ob Russen, Amerikaner oder Chinesen - sie alle sind vor Ort. Jetzt will die EU die Steppe erobern.

Westkasachische Ölpipeline mit Messgerät, Quelle: Stefano Grazioli

In der Steppe tobt der Machtkampf - doch wo bleibt die EU?

Kasachstan ist der Tigerstaat unter den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. "Seit 2000 wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) jährlich um mehr als neun Prozent", sagt Bodo Lochmann, Rektor der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty und Experte für kasachische Wirtschaftspolitik

Das laut Lochmann "außerordentliche Wachstum" basiert vor allem auf dem Rohstoffreichtum. Öl und Erdgas machen 60 bis 70 Prozent der kasachischen Exporte aus. 2006 förderten kasachische Unternehmen 65 Millionen Tonnen Erdöl. Bis 2015 sollen es 170 Millionen sein. Das Kaschagan-Feld im Westen des Landes birgt weltweit eines der größten Ölvorkommen. Ein Fünftel aller Öl- und Gasvorkommen lagert im Kaspischen Raum.

"Endlich wacht Europa auf!"

Blick auf den Präsidentenpalast und Regierungsgebäude durch eine Scheibe vom Baiterek-Turm, Quelle: dpa

Astana, die boomende Hauptstadt Kasachstans, wird immer öfter von internationalen Wirtschaftsdelegationen aufgesucht

Russische, amerikanische, chinesische und jüngst auch indische Unternehmen - sie alle konkurrieren um die begehrten Rohstoffe. Nur von den Europäern fehlte bislang jede Spur. "Die großen Mächte haben schon längst ihre Ellenbogen gebraucht und sich die besten Plätze gesichert", sagt Lochmann.

"Jetzt endlich wacht Europa auf", so der Experte weiter. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft hat eine neue Zentralasienstrategie aufgelegt. Kürzlich reiste der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Kasachstan, um mit seinen zentralasiatischen Amtskollegen über eine verstärkte Zusammenarbeit zu diskutieren.

Kalter Konkurrenzkampf

Noch immer sieht Russland die ehemaligen Teilrepubliken der UdSSR als natürliches Einflussgebiet. Über das staatliche Ergasförderunternehmen Gazprom kontrolliert der Kreml die Transportrouten gen Westen - und damit auch den Gasexport nach Europa. Gazprom hat auf lange Zeit einen Großteil des zentralasiatischen Erdgases aufgekauft. Auch Kasachstan sei von seinem russischen Nachbarn abhängig, sagt Lochmann. Der Steppenstaat habe keine eigenen Pipelines nach Europa: "die laufen alle über Russland."

Auch wenn Moskau den Energieexport kontrolliert, sind die USA Investor Nummer eins in Kasachstan. "Die Amerikaner haben schon zu Gorbatschows Zeiten begonnen, in die kasachische Fördertechnik zu investieren", sagt Ulf Seegers, Herausgeber des 2006 erschienenen "Managerhandbuch Kasachstan". Amerikanische Unternehmen seien fast ausschließlich im Öl- und Gassektor tätig. Sie haben über 40 Milliarden US-Dollar investiert. "Da kommt kein anderes Land ran", so der Wirtschaftsexperte.

Chinesische Firmen auf dem Vormarsch

Teilstück einer Pipeline vom kasachischen Tengis-Ölfeld zum Schwarzen Meer, Quelle: dpa

In Kasachstan boomt der Pipeline-Bau. Erst im letzten Jahr ist eine neue Pipeline zwischen Zentralkasachstan und Westchina in Betrieb genommen worden

Auch China und Indien drängen auf den zentralasiatischen Markt. "China würde gern die gesamte Ölproduktion auf einen Schlag aufkaufen", sagt Lochmann. Vor einem Jahr hat China auf eigene Kosten eine 3000 Kilometer lange Erdölpipeline von Zentralkasachstan in die westchinesische Provinz Xinjiang gebaut. Bald soll eine Erdgasleitung hinzu kommen.

Auch an der Erschließung des Karaschanas-Ölfelds sind chinesische Firmen zur Hälfte beteiligt. Dort werden täglich 50.000 Fass Rohöl gefördert. "Die Chinesen sind hier außerordentlich aktiv", sagt Lochmann. Sie investierten derzeit in eine ganze Reihe attraktiver Energieprojekte.

Hat die EU die Entwicklung verschlafen?

Während alle anderen schon lange vor Ort sind, interessiert sich die EU erst seit kurzem für den Tigerstaat in der Steppe. Ihr Hauptanliegen: Raus aus der lästigen Energie-Abhängigkeit von Russland. "Gasimporte aus Kasachstan wären zumindest ein kleiner Schritt, um sich aus der russischen Einseitigkeit zu lösen", meint Lochmann. Und so plant nun auch die EU den Bau einer Pipeline. Diese soll aus dem türkisch-georgisch-iranischen Grenzgebiet direkt bis zum zentralen Gas-Verteilerzentrum nach Österreich verlaufen - an Russland vorbei. Laut Angaben der türkischen Gasgesellschaft Botas könnten 2025 bereits 15 Prozent des europäischen Gases aus Zentralasien strömen - ein großer Teil davon käme aus Kasachstan.

"Wirtschaftspolitisch ist Kasachstan gerade in den nächsten zehn bis 15 Jahren ausgesprochen interessant, nicht nur als Energielieferant sondern auch als Absatzmarkt" sagt Seegers. Die Öl- und Gasindustrie brauche Fördermaschinen und Materialien für den Pipelinebau. Gerade deutsche Maschinenbauer seien als Spezialisten gefragt. Mit dem rasch wachsenden Markt und der rasant steigenden Produktion im Tigerstaat werde sich in Zukunft auch eine große Nachfrage nach Investitionsgütern entwickeln.

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