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Wirtschaft

Robustes Sorgenkind

Während die Spieler der "Selecao" im Fernen Osten ihren Rivalen enteilen, fürchten die Bürger das Los ihrer argentinischen Nachbarn. Die Wirtschaftskrise in Südamerika droht nun auch auf Brasilien überzugreifen.

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Fußballer im Durchmarsch, Wirtschaft in der Defensive

Brasilien galt lange Zeit als Fels in der Brandung: Während die benachbarten Volkswirtschaften, allen voran Argentinien, im Chaos versanken, zeigte sich die brasilianische Wirtschaft erstaunlich robust. Doch inzwischen sind im Land der Ballartisten die Anzeichen der Krise unübersehbar: Die Landeswährung Real sinkt von Rekordtief zu Rekordtief, die Risikoaufschläge der Staatsanleihen weiten sich täglich aus, der brasilianische Börsenindex Bovespa verliert kontinuierlich an Boden.

Angst vor der argentinischen Krankheit

Nun droht nach Argentinien auch die zweite große Wirtschaftsnation Südamerikas in einen wirtschaftlichen Abwärtsstrudel zu geraten. Dabei scheint eine gehörige Portion Psychologie mit im Spiel zu sein. Denn Brasilien steht wirtschaftlich weit besser da als sein argentinischer Nachbar.

Im Gegensatz zu Argentinien haben die brasilianischen Regierungen in den vergangenen Jahren eine äußerst disziplinierte Haushaltspolitik verfolgt. "Der mit Abstand wichtigste Unterschied besteht in der Fiskalpolitik Brasiliens", sagt Lawrence Krohn, Chefvolkswirt für Lateinamerika bei ING Financial Markets. "Das Land erzielt nicht nur Budget-Überschüsse, sondern erfüllt sogar die strengen IWF-Sparziele." Trotz eines schwierigen Umfeldes wächst die brasilianische Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich um rund zwei Prozent, die Inflation liegt derzeit bei 5,5 Prozent.

Fundamentale Daten positiv

Einen weiteren wichtigen fundamentalen Unterschied sehen Experten in der Wechselkurspolitik: Der brasilianische Real wird bereits seit seiner Abwertung 1999 frei am Devisenmarkt gehandelt, der argentinische Peso war hingegen bis 2002 an den Dollar gekoppelt. Nach der Lösung der Dollarbindung verlor die künstlich überbewertete Währung rasch an Kaufkraft, besorgte Sparer stürmten die argentinischen Banken.

Der ewige Kandidat

In Brasilien richten sich die Besorgnisse der Investoren dagegen eher auf die Politik: Im Oktober wird ein neuer Präsident gewählt. Umfragen sagen einen deutlichen Sieg des Kandidaten der Arbeiterpartei, Inácio "Lula" da Silva, voraus. Die Partei "Lulas", der bereits dreimal als Präsidentschaftskandidat antrat, steht für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft.

Trotz gegenteiliger Beteuerung da Silvas befürchten Beobachter, er könne von der bisherigen Sparpolitik abrücken und die Sozialabgaben erhöhen. Dies würde den Kurs des Real weiter drücken und Brasiliens Zuverlässigkeit als Schuldner mindern.

Crashszenario unwahrscheinlich

Für Unruhe sorgte unlängst der amerikanische Finanzminister Paul O'Neill. Er sprach sich gegen Finanzspritzen für Brasilien aus und erklärte, es sei "keine brilliante" Idee, das Geld US-amerikanischer Steuerzahler in die "politischen Unwägbarkeiten Brasiliens zu stecken." Am Rande des G8-Gipfels in Kananaskis glättete ein hoher US-Beamter die Wogen: Brasilien stehe wirtschaftlich auf starkem Boden.

In Brasilien grassiert die Furcht vor der Ansteckung mit der "argentinischen Krankheit". Die Fieberkurve jedenfalls steigt - doch handelt es sich derzeit vorwiegend noch um das harmlose "Fußballfieber".

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