1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Rechter Vordenker steigt aus

Ein führender Neonazi gibt sich geläutert: Der Ex-NPD-Spitzenfunktionär Andreas Molau will nichts mehr mit der rechten Szene zu tun haben. Sein Ausstieg könnte Signalwirkung für andere Neonazis haben.

Andreas Molau hat abgeschlossen. Abgeschlossen mit seinem vorherigen Leben. Doch gleich wieder vor einer Schulklasse unterrichten? Nein, dass könne er nicht, sagt der ehemalige Lehrer dem Sender NDR Info. "Ich kann mich nicht morgen vor eine Klasse stellen, um zu sagen: 'Es ist nichts gewesen'". Dafür war das frühere Leben von Andreas Molau zu sehr im Rechtsextremismus verankert.

Molau galt jahrelang als Vordenker und Stratege der rechten Szene in Deutschland. Er war Bundesvorstandsmitglied der rechtsextremen Partei NPD, führte die Partei als deren Spitzenkandidat in den niedersächsischen Landtagswahlkampf und war zuletzt strategischer Kopf der ebenfalls rechtsextremen Bürgerbewegung pro NRW in Nordrhein-Westfalen. Jetzt hat der 44-Jährige seine Parteibücher zurückgeschickt, Arbeitsverträge gekündigt, Kontakte abgebrochen. Molau kehrte der rechten Szene den Rücken und will nun wieder zurück in sein bürgerliches Leben.

Keine Springerstiefel, keine Bomberjacken

Patrick Gensing, Journalist, Blogger und Autor. (Foto: Patrick Gensing)

Patrick Gensing: "Seine Reformen sind gescheitert"

Molau galt seit jeher als Intellektueller und war kein typischer Neonazi, auf die übliche Kleidung, wie Springerstiefel und Bomberjacken, verzichtete er bewusst. In seinem früheren Leben hatte er gar in einer Waldorfschule in Braunschweig unterrichtet, bis er 2004 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die NPD anfing zu arbeiten. "Niemand von der Waldorfschule hat damals über seinen rechten Hintergrund Bescheid gewusst, noch Nachforschungen dazu eingeleitet", sagt Patrick Gensing, Journalist und Neonazi-Experte. Molau gilt als sogenannter Neurechter, der versuchte die NPD auf einen neuen rechten Kurs auszurichten. "Dabei ist er ganz klar gescheitert", so Gensing. "Er hat versucht, die NPD moderater auszurichten, dass sie sich von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanziert. Das hat aber nicht funktioniert."

Stefan Schölermann (Foto: NDR)

Stefan Schölermann: "Ausstieg war ein langer Prozess"

Als Grund für seinen jetzigen Austritt aus dem rechtsextremen Lager nennt Molau die Aschermittwochsrede des NPD-Fraktionsvorsitzenden im Schweriner Landtag, Udo Pastörs, im Jahr 2009. "Pastörs sprach damals von ganz schlimmen Dingen, von Krummnasen, Judenrepublik und einer sogenannten Samenkanone. Und diese Rede zeigte Molau, dass führende NPD-Politiker und Rechtsextreme ganz nah an der Hitler-Ideologie sind", sagt NDR-Redakteur Stefan Schölermann, der in den vergangenen Monaten mehrmals mit Andreas Molau sprach und für den der Ausstieg nicht überraschend kam. Von dem Moment der Rede an, habe Molau angefangen nachzudenken, sagt Schölermann.

Trauma deutsche Teilung

Es verwundert, wie jemand mit bürgerlichem Hintergrund, mit Familie und Kindern, der studierte und als Lehrer tätig war, in die rechte Szene abrutschen konnte. "Sein Hassobjekt zu Schulzeiten waren die 68er. Molau hat die deutsche Teilung hautnah vom Westen aus erlebt, aber die 68er Generation seiner Lehrer hat das Thema der Teilung und alle Rechten, die gegen den Mauerbau vorgingen, damals tabuisiert", berichet Stefan Schölermann im Gespräch mit der Deutschen Welle. Damals habe Molau angefangen Flugblätter rechter Organisationen zu lesen und zu studieren. "Das war damals seine Einstiegsdroge", sagt Schölermann.

Teilnehmer des Bündnis Chemnitz Nazifrei demonstrieren zum Chemnitzer Friedenstag in der Innenstadt gegen Rechtsextremismus (Foto: dpa)

Gibt es noch mehr ausstiegswillige Neonazis in der Szene?

Die Karriere von Molau führte ihn zur "Jungen Freiheit", einer überregionalen deutschen Wochenzeitung für Politik und Kultur und gleichfalls auch Sprachrohr der Neuen Rechten, in die Redaktion der NPD-Postille "Deutsche Stimme" und vor allem an die Spitze des bei Rechtsextremen einflussreichen Think­tank "Gesellschaft für freie Publizistik". Molau war ein Taktgeber und Lenker der rechten Szene, der gegen Muslime hetzte, Flugblätter und Schriften verfasste. "Ich wäre froh, wenn ich in irgendeine deutsche Stadt kommen würde und keine Dönerbuden sehen würde", sagt er einmal. Seine politische Forderung: Gebiete, in denen Dönerbuden nicht erlaubt sind. "Er war der intellektuelle Motor der Bewegung, er hat ihr praktisch Worte verliehen", sagt Schölermann. Experten vermuten, Molaus Abkehr könnte deshalb ein Schlag für die rechte Gemeinde sein. "Er ist ein Promi in der Szene. Die Szene wird sehr genau darauf achten, wie es ihm in Zukunft geht. Es könnte sein, dass es im rechten Milieu Leute gibt, die ähnlich denken wie er und es könnte sein, dass es den einen oder anderen gibt, der sich ein Beispiel an Molaus Abschied nimmt", betont Schölermann.

Einfluss gesunken

Doch Experte Patrick Gensing relativiert Molaus Rolle in der rechten Szene: "Sein Einfluss hat nach seinem NPD-Ausstieg doch merklich abgenommen in den vergangene Jahren". Doch auch Gensing berichtet von Gesprächen mit Molau, wo dieser ihm von Reaktionen aus der Szene berichtete. "Er hat erzählt, dass er E-Mails bekommt von ehemaligen Kameraden aus der NPD, die ihm sagen, das war mutig von Dir und eigentlich müsste ich das auch machen". Sein Ausstieg kann als gesichert angenommen werden, weil er den Kontakt zum Verfassungsschutz aufsuchte. Ein solcher Schritt gilt in der Szene als unumkehrbar. Niedersachsens Verfassungsschutz hat die Kontaktaufnahme bestätigt und will Molau bei seinen Ausstiegssplänen unterstützen.

Der zweifache Familienvater wird nun wieder in sein bürgerliches Leben zurückkehren, will sich in der Aufklärungsarbeit über Rechtsextremismus oder auch in sozialen Projekten engagieren. Zuallererst wird auch die Frage stehen, wie Molau sich in Zukunft finanziert. Bisher verdiente er seinen Lebensunterhalt durch seine Parteiarbeit und das Verfassen von rechten Schriften. In seinen Job als Lehrer wird der 44-Jährige vorerst nicht zurück können, das hat Molau ja auch schon selber relativiert. "Man legt eine Gesinnung nicht ab wie einen Anzug", sagt Experte Patrick Gensing. "Aber letztlich ist es ja ein Erfolg, wenn jemand aussteigt. Diese Leute brauchen eine Perspektive, man darf ihnen die Tür nicht vor der Nase zuschlagen", appelliert Gensing für einen fairen Umgang mit dem bisherigen Neonazi.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema